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Kaputte Denker: Was hat euch nur so ruiniert?

Buch Von Rosa Luxemburg bis Carl Schmitt: Ein unterhaltsamer Band widmet sich „kaputten“ Philosophen – und davon gibt es einige
Protest gegen die Haft des Dissidenten Liu Xiaobo 2017: Das Gefängnis ist ein ambivalenter Symbolort
Protest gegen die Haft des Dissidenten Liu Xiaobo 2017: Das Gefängnis ist ein ambivalenter Symbolort

Foto: David Wong/Getty Images

Ene, mene, muh – wie kaputt bist du? Bei den meisten geht’s wohl so, aber wie steht es beispielsweise um Slavoj Žižek? Das zeigt nun Die Kaputten, Band 2 der Reihe Philosophen, die im Katapult-Verlag erscheint. In der gewohnten Mischung aus statistischem Ernst und poppig-plakativer Darstellung widmet sich dieser Band all jenen Philosophen, die systematisch kaputtgemacht wurden. „Kaputtmachen“ versteht sich dabei bisweilen als Verhinderung der Selbstentfaltung, ist aber oft auch unmittelbar an Überwachen und Strafen gebunden: Rosa Luxemburg wurde ebenso eingesperrt wie der Regimekritiker Liu Xiaobo oder die Philosophin und Bürgerrechtlerin Angela Davis.

Es gibt aber auch die anderen Beispiele. Slavoj Žižek drohte an einer zerbrochenen Liebe kaputtzugehen und wurde durch die Fertigstellung eines Buches gerettet. Man könnte angesichts des Tempos seiner Buchveröffentlichungen ja meinen, er leide häufiger an Liebeskummer. Und eine wie Simone Weil machte vor allem sich selbst kaputt. Die Philosophin findet vom Marxismus zum Mystizismus, mit einem Umweg über ein Renault-Werk. Weil, die eigentlich Lehrerin ist, will sich ganz konkret mit den Arbeitern solidarisieren. Sie teilt ihr Essen mit ihnen, spendet von ihrem Lehrerinnengehalt und arbeitet schließlich am Fließband.

Simone Weil tritt in den Öltopf

Vielleicht ist es ihre Kurzsichtigkeit, womöglich eine allgemeine Tollpatschigkeit, aber binnen kürzester Zeit verletzt sie sich schwer. Es kommt noch schlimmer, nämlich als sie im Spanischen Bürgerkrieg kämpfen will. Die Guerilla-Kameraden wollen einer wie ihr natürlich nur ungern eine Pistole in die Hand drücken. Weil wird für den Küchendienst eingeteilt (da ziehst du in den Krieg und landest doch wieder am Kochtopf – Frauenschicksal!), aber hier tritt sie in einen Topf mit siedendem Öl. Dadurch erlangt sie, neben schwersten Verbrennungen, eine gewisse Märtyrer-Dimension, dem heiligen Vitus gleich. Dass Weil schließlich völlig ausgehungert stirbt, mit gerade einmal 34, auch das passt zur Märtyrerinnen-Rolle.

Ähnlich jung stirbt Rosa Luxemburg. Als Kommunistin und Jüdin doppelt gefährdet, wird sie 1919 von Freikorps ermordet. Der Mord markiert den absoluten Wendepunkt in der Geschichte der Weimarer Republik.

Nicht wenige der im Band behandelten Personen saßen wie Luxemburg als politisch Verfolgte im Gefängnis und schufen dort teilweise ihre wichtigsten Werke. Das gilt etwa für Antonio Gramsci und seine berühmten Gefängnishefte. Auch Liu Xiaobo wird im Gefängnis zur großen Symbolfigur des chinesischen Kampfes für Meinungsfreiheit. 2010 erhält er den Friedensnobelpreis, 2017 stirbt er in der Haft an Leberkrebs. Das Gefängnis, ob nun bei Gramsci, Luxemburg oder Liu, ist ein Symbolort: Die Gedanken sind frei, vorerst nicht zu unterdrücken, aber die Körper sind der Willkür der Justiz unterworfen. Auch Angela Davis, eine weitere berühmte inkarzerierte Philosophin, kommt im Band vor. Allerdings erscheint sie eher nicht wie eine, die durch das Gefängnis kaputtgemacht wurde. Vielmehr führt die eigene Gefängniserfahrung zu einem nunmehr seit Jahrzehnten andauernden Schreiben über Rassismus im Strafsystem und eine Reform der Gefängnisse.

Ein Small-Talk-Lieferant

Der Katapult-Verlag widmet sich allerdings nicht nur den politisch Verfolgten der Geschichte. Er engagiert sich auch für Geflüchtete aus der Ukraine. Nicht nur stellt die Verlagswebsite umfangreiche Informationen zu Hilfsangeboten, Beratungsstellen und Unterkünften zur Verfügung. Die Redaktion öffnet auch ihre Räumlichkeiten für geflüchtete Journalisten und stellt damit eine Infrastruktur für jene, die weiterhin berichten wollen. Darüber hinaus hat sie auch Stellen für ukrainische Reporter, Redakteure und Fotografen ausgeschrieben. Dieses Engagement mag das Bild des Verlags, der bekannt geworden ist für launige Deutschlandkarten zu den schlechtesten Friseur- und Punkbandnamen, nachhaltig verändern. Aber auch Die Kaputten zeigt, dass das Lustige neben dem Informativen, das Humoristische neben dem Ernsthaften bestehen kann.

All die Karten, die etwa einen Überblick über die ungarische Demokratiezerstörung oder chinesische „Umerziehungslager“ in Xinjiang bieten, bilden das Gegengewicht zu den launigen Lebenserzählungen samt Karikaturen. Dieses Zusammenspiel von Heiterkeit und Daten macht Die Kaputten zum Small-Talk-Lieferanten. Im Beitrag zu Ludwig Wittgenstein gibt es nicht nur eine heitere Einführung in dessen Sprachphilosophie, sondern auch echte Fun Facts. So lernt man, dass Wittgenstein und Adolf Hitler immerhin kurzzeitig Schulkameraden waren – sich aber wohl nicht persönlich kannten. Und jedenfalls der Rezensentin war bisher entgangen, dass Wittgenstein nicht nur seiner Schwester Margarethe beim Hausbau half, sondern für sie auch eine ikonische Türklinke entwarf. Universalgenie müsste man sein! Weil Wittgenstein zugleich als Kriegsbegeisterter (wie so viele seiner Generation) in den Ersten Weltkrieg zog, wartet das Buch mit einem Überblick über berühmte Weltkriegssoldaten auf; der unvermeidliche Hitler fehlt ebenso wenig wie J. R. R. Tolkien.

Neben den Karten und den Fakten zu kaputten Berühmtheiten gibt es auch echte Entdeckungen. So widmet sich einer der Texte Isotta Nogarola, einer legendären Briefeschreiberin der italienischen Renaissance, quasi ein Twitter-Star ihrer Zeit – denn Briefe waren nicht nur private Korrespondenz, sie wurden geteilt. Und wer ist am Ende der Kaputteste von allen? Womöglich Carl Schmitt. Dass sich ausgerechnet Linke seine Theorie zum politischen Freund-Feind-Schema zunutze machen, das hätte ihn wohl wirklich kaputtgemacht.

Info

Die Kaputten und die Kaputtgemachten. Philosophen, Band 2 Katapult 2022, 256 S., 22 €

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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