O, du meschuggene Schöne

Dresden Eine Liebeserklärung. Oder so

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Die schöne Lara Liqueur, baselitzesk Hals über Kopf gestellt
Die schöne Lara Liqueur, baselitzesk Hals über Kopf gestellt

Foto: Marlen Hobrack

Die Huffington Post, weit über die amerikanischen Landesgrenzen hinaus für knallhart recherchierte journalistische Erzeugnisse bekannt, meldete neulich, in der Dresdner „Diakonissenanstalt“ sei national gesinnten Eltern ein Kind namens Sturmhorst Siegbald Torsten (jaja, SS Torsten) geboren worden.

Dieser Name – offenkundig zu schön, um wahr zu sein – stellte sich dann rasch als „Fehler“ der genannten Klinik heraus (zum Glück haben sie das Kind nicht vertauscht, nur unter falschem Namen ins Netz gestellt).

Ach übrigens: Es handelt sich um ein Krankenhaus, keine Anstalt. Wie wir alle wissen, kümmert sich die Anstalt um unsere seelischen Zustände, so schlimm steht es um die Dresdner Neugeborenen noch nicht. Vielleicht aber um die Eltern, die den Namen wählten.

Obwohl: Sturmhorst, denke ich mir, wäre das namenstechnisch so viel schlimmer als Miley-Shakira? Ich bin mir nicht sicher, zumindest hat man noch nichts von "Sturmhorstismus" gehört, und der Name ist doch recht einprägsam.

Sturmhorst Siegbald, oder wie auch immer er nun heißen mag, wird vielleicht trotzdem, wie die HuffPost mutmaßte, mit der deutschen Nationalhymne (inklusive verbotener Strophe) in den Schlaf gesungen. Oder zum Walkürenritt in den Schlaf gewiegt?

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Wir verrückten Dresdner! Zum Gespött Deutschlands haben wir uns gemacht, nun schütteln alle über uns die Köpfe. Pegida bedrängt Journalisten und Gegendemonstranten (die Zahl der Pegida-Mitläufer ist unterdessen auf 1500 geschrumpft) und empfiehlt zur Bürgermeisterstichwahl am 5. Juli den FDP-OB Dirk Hilbert, der sich nicht eindeutig von pegidarianischen Wählern distanzieren will.

Immerhin: Die PARTEIKandidatin Lara Liqueur (Lara Li- queur - das rollt fast so lüstern im Mund herum wie Nabokovs Lo-li-ta, ist in diesem Fall aber jugendfrei) zeigt noble Einsicht und zieht sich aus der Stichwahl zurück; denn machen wir uns nichts vor: Mit gnadenlos vollbusigem Sex-Appeal hätte sie den drögen Hilbert und die mit original DDR-Hortnerinnen-Frisur angetane Stange (Eva-Maria Stange) doch glatt an die Wand gesiegt.

Apropos: SIEG - diese vier Buchstaben hat der Künstler Via Lewandowsky auf ein Baugerüst am Pirnaischen Platz montiert. Es handelt sich um eine Installation, eine von dreien, die zum Bürgerdialog in Dresden anregen sollen. „Arbeiten mit der Stadt“, so nennt die Stadt das (hätten die doch bloß mal mich gefragt!).

Der Schriftzug leuchtet fröhlich, verkündet nun aber nicht mehr den Sieg des Sozialismus, sondern die „Vergangenheit der Zukunft“, sagt der Künstler. Zurück in die Zukunft, hä? Auf jeden Fall suchten die Künstler auftragsgemäß nach den Kraftquellen Dresdens.

SIEG

SIEG

SIEG

Da wären wir wieder bei Siegbald, der eigentlich Sturmhart - und nicht Sturmhorst! - mit erstem Namen heißt. Zum Glück.

Was lernen wir daraus?

The winner takes it all

The loser has to fall
It's simple and it's plain
Why should I complain

Überleitung? Wer zum Teufel braucht eine Überleitung?

Dresden ist eine Schönheit. Nicht in seiner Florenzhaftigkeit, da ist sie eine wenig Möchtegern. Sie ist auch keine Barockstadt, diese hübsche Perle – irgendwie mehr Renaissance, also nachgemachte historistische Renaissance. Mit Beletage für Schöngeisternde.

Es ist nicht lange her, da sagte mir eine Berliner Freundin, die Dresdner sähen alle so schick gekleidet aus (ich guckte kurz an mir herunter – mich konnte sie nicht gemeint haben). Aber dann dachte ich an meinen ehemaligen Literatur-Professor, mit schicken Siegelringen und Cordhosen zu hellbraunen Slippern, oder an eine meiner Professorinnen, mit schickem Bob und blutroten Lippen (die Frau eines andernorts verfemten Professors übrigens). Doch, schön. Aber keine originalen Dresdner.

Dresdner Originale. Gute Überleitung.

Neulich, da sitze ich in der Straßenbahn, blicke kurz von meinem Buch auf und sehe Uwe Tellkamp.

Ich gucke runter, noch mal rauf, ja doch, da sitzt Uwe Tellkamp. Ich überlege für einen Moment, ob ich ihm sagen soll, dass von den 900 und was-weiß-ich-wie-vielen Seiten seines Turms nur die ersten fünf wirklich gelungen sind, die dafür aber umso mehr, aber da guckt er auch schon ganz misstrauisch und rückt den Tornister auf seinem Schoß zurecht.

Stellt ihn auf, wie ein Schutzschild gegen die fiese Literaturkritik, die mir aus den Augen springt.

So einen Tornister, ich meine mich zu erinnern, tragen auch die Soldaten auf dem Kriegstriptychon von Otto Dix. Oder irre ich mich und es ist nur ein Ranzen, ein Ränzelchen?

Jetzt gucke ich ihn schon so lange an, er wird immer misstrauischer, vermutlich befürchtet er, ich könne ein Autogramm verlangen, er sieht nun ganz verhuscht aus, er tut mir leid, dafür, dass er den Turm verlassen musste. Wer weiß, was für Besorgungen er in der Stadt zu machen hat.

Der Türmer, geworfen unter das einfache Dresdner Volk. Kein Wunder, da kann man schon mal nervös werden, man zieht sich ja nicht grundlos auf den Weißen Hirsch zurück. Da ist übrigens die Sanatoriumsdichte besonders hoch. Nur mal so am Rande.

Wo war ich stehen geblieben?

Ich steige in die nächste Bahn, es geht heimwärts. Da steigen fünf arabisch aussehende junge Männer in die Bahn. Gleich krampfen Omis die Hände ängstlich um Netto-Tragetaschen, Teenager senken ihre Smartphones, Anspannung liegt in der Luft. Aber die jungen Herren sehen sehr freundlich aus, unterhalten sich mit sanften Stimmen.

Islamisierung. Ach was! Dresdnerisierung. Dresden, wo der Türke in der Dönerbude nachts um drei freundlich mit dir sächselt (schöne Erinnerung). Und zwischen dresdnerischem und leipzigerischem Sächseln zu unterscheiden weiß. So sieht gelungene Integration aus!

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Integration. Ich bin gar nicht gut integriert. Obgleich geborene Sächsin und seit 15 Jahren (mit Unterbrechung) Dresdnerin, sächsel ich immer noch nicht, schon gar nicht dresdnerisch. Bei Westdeutschen ernte ich dafür regelmäßig Enttäuschung: „Aus Dresden kommen Sie? Hört man ja gar nicht.“

*trauriges Gesicht*

[Noch größer die Enttäuschung, wenn ich verrate, dass die gute Dresdner Eierschecke gar nicht gut schmeckt. Viel zu trocken.]

Ich will nicht damit anfangen, dass ich eigentlich aus Bautzen komme, dialektal einzigartig, nämlich ohne Dialekt, allerfeinstem gepflegtem Hochdeutsch verpflichtet. Ich will nicht mit Bautzen anfangen, da denken alle nur an gelben Senf und Gelbes Elend. Bautzen hat übrigens auch einen hübschen Roman bekommen, Die Mittagsfrau, aber Moment, wir waren woanders.

Dresden. Zwischenzeitlich war ich kurz davor auszuwandern, damals, als auf Facebook ein Freund aus New York fragte „Was ist eigentlich bei euch da drüben los?“ und damit Pegida meinte. Und einen toten Asylbewerber. Ja, was ist bloß los mit uns hier drüben? Hüben wie drüben, denke ich, aber da helfen Binsenweisheiten auch nicht weiter. Man will einfach nicht in der Hauptstadt der Bewegung wohnen.

Jetzt noch ein schönes Schlusswort? SIEG!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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