Persönlich und politisch

Gesellschaft Mareice Kaiser analysiert das Systemische im „Unwohlsein der modernen Mutter“
Persönlich und politisch
Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ... Plastikmutter!

Foto: Christopf Soeder/DPA

Man kann es seit einigen Jahren in Publikationen zum Thema Mutterschaft beobachten: Es gibt eine Form des Unbehagens an der Sache, empfunden von den Müttern selbst. Mareice Kaiser nennt es ein Unwohlsein, das sie in ihrem Buch Das Unwohlsein der modernen Mutter thematisiert. „Unwohlsein“: Ein interessanter Begriff, verweist er doch auf eine körperliche Dimension, sozusagen ein Bauchgefühl.

Kaiser ist Journalistin und Chefredakteurin der Edition F, Mutter zweier Kinder. Ihr erstes Kind wurde mit einem Chromosomendefekt geboren und verstarb. Im Buch thematisiert Kaiser auch dieses sehr schmerzhafte Kapitel des Mutterseins. „Ich weiß, wie es ist, das eigene Kind zu verlieren. Ich weiß auch, wie es ist, nicht mehr zu können. Und damit meine ich nicht, zu denken, nicht mehr zu können, sondern wirklich nicht mehr zu können. Körperlich und psychisch.“ Überhaupt widmet sie sich vielen Themen, die – nicht nur für Mutter – scham- und schmerzbehaftet sind. Beispielsweise ihre Geldsorgen.

Glorifiziert, nicht entlohnt

Wer jemals an einer Supermarktkasse stand, an der die eigene EC-Karte abgewiesen wurde, kennt den akuten Wunsch, vor Scham und Traurigkeit im Boden zu versinken. Kaiser thematisiert eine Erfahrung, die vor allem alleinerziehende Mütter machen: Die permanente Bedrohung durch Armut. Nur eine abgebuchte Rechnung, schon stürzt das Kartenhaus von verschobenen Zahlungsverpflichtungen in sich zusammen. Das ist nicht die Folge von Unfähigkeit oder schlechter Haushaltsführung – das hat System. Um diese systemische Seite der vermeintlich persönlichen Probleme mit Mutterschaft geht es Kaiser.

Mutterschaft betrifft uns alle, selbst wenn wir persönlich keine Mutter sind; unsere Gesellschaft ist wesentlich von der Rolle der Mutter, die für ihre Fürsorge nichts erwarten darf (außer vielleicht einen lieblos gebundenen, überteuerten Blumenstrauß am Muttertag), abhängig. Kaiser widmet sich dem Thema von der emotionalen Seite. Dort, wo es um Wut, Zweifel oder Erschöpfung geht. Sie adressiert es aber auch als politisches: „Muttersein als politische Kategorie zu sehen, das erscheint mir logisch. Denn an Müttern sehen wir die Auswirkungen von Familien-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, und zwar von allem gleichzeitig. Wenn wir Mutterschaft als politische Kategorie verstehen, wird klar, wie wichtig Stimmen von Müttern sind. In der Politik, in der Literatur, in der Musik, in den Medien. Mutterschaft ist politisch.“ Kaiser geht es nicht um „Regretting Motherhood“, also das Bereuen von Mutterschaft. Das Unwohlsein der modernen Mutter besteht nicht darin, dass die Kinder da sind, sondern dass die Mutterschaft in einem gesellschaftlichen Rahmen stattfindet, der ihr nicht zuträglich ist. „Also: Ich liebe es, Mutter zu sein. Was ich nicht liebe: die Strukturen unserer Gesellschaft, die weder gemacht sind für Menschen mit Kindern noch für Kinder selbst. Und eine Gesellschaft, die Menschen in binäre Geschlechterrollen (Mann – Frau) einteilt und Frauen noch immer anders behandelt und bewertet als Männer.“

Ein Rahmen, der Erwerbsarbeit vor jede andere gesellschaftliche Aufgabe stellt – was nicht zuletzt die Coronakrise zeigt –, zugleich aber unbedingt auf Reproduktion und die sie begleitende Arbeit angewiesen ist. Care-Arbeit wird dabei glorifiziert, zugleich aber nicht nur nicht entlohnt, sondern letztlich sogar bestraft. Etwa, wenn Mütter regelmäßig einen Einkommensknick hinnehmen müssen, Väter aber nicht. Wenn Väter als zuverlässiger und verantwortungsvoller als Nicht-Väter und Nicht-Mütter gelten, Mütter aber nicht.

Neu sind die von Kaiser adressierten Themen nicht. Sie zitiert aus einer Reihe von Büchern, die in den letzten Jahren zu den „Must Reads“ über Mutterschaft, Frausein und Feminismus gehörten. Wer Antonia Baum, Katja Lewina, Caroline Rosales, Sheila Heti oder Rachel Cusk gelesen hat, trifft auf Vertrautes. Dass man dieses Buch mit Gewinn liest, hängt mit der Person Mareice Kaiser zusammen. Es ist ihre ganz persönliche Perspektive, die überzeugt. Dating-Erfahrungen als Mutter, die Betrachtung des eigenen Körpers (eher schonungslos), Versagensängste. Vielleicht gibt es auch beim Lesen ein Unwohlsein. Darf man einen Text, in dem eine andere ihr Leid klagt, „gerne“ lesen? Ist man nicht etwas obszön in diesem Voyeurismus?

Der Ballast alter Narrative

Wie in den sozialen Netzwerken liefert Kaiser eine Mischung aus persönlicher Story und struktureller Analyse, ein Schreibmodus, der sich bei Frauen- und Mutterthemen eingebürgert hat. Das hängt auch mit der Erfahrung von Mutterschaft/Frausein zusammen. Als Frauen und Mütter erleben wir vieles ähnlich, bisweilen in exakt derselben Form, sind mit denselben Vorurteilen und Problemen konfrontiert, aber natürlich erleben wir sie durch die individuelle Linse betrachtet doch immer auch anders. Manchmal entschuldigt Kaiser sich gewissermaßen für diese persönliche Perspektive, die naturgemäß immer beschränkt, weil eben subjektiv ist. Etwa wenn sie auf die Situation behinderter Frauen, Women of Color oder anderer marginalisierter Gruppen hinweist. So als wolle sie signalisieren, dass sie schon wisse, dass ihre Probleme im Vergleich „first world problems“ sind. Es dürfte aber klar sein, und hierfür muss sich auch Kaiser nicht entschuldigen, dass jeder Mensch eigene Probleme und die zu erklimmenden Hürden stets nur aus individuellen Sicht beurteilen kann. Und niemandem ist geholfen, wenn er daran erinnert wird, dass es andere ja noch schwerer haben.

Kaiser zitiert einen Satz aus Rachel Cusks Lebenswerk, in der sie das Thema Mutterschaft und das Scheitern ihrer Ehe entfaltet. Cusk befürchtet, dass ein Buch über Mutterschaft eben immer nur Mütter interessieren wird – und unter ihnen nur jene, die von der Erfahrung gleichermaßen beeindruckt sind wie sie – positiv wie negativ.

Tatsächlich wäre es schade, wenn nur Mütter dieses Buch lesen, denn für die meisten werden die Erfahrungen und Gedanken nicht neu sein, sie werden sich eher bestätigt sehen, was ja auch nicht schaden kann, eben weil es das Gefühl stärkt: „Ich bin nicht allein damit“. Viel wünschenswerter wäre es natürlich, wenn Nicht-Mütter, männlich wie weiblich, das Buch lesen, um zu verstehen, was das Unwohlsein der modernen Mutter erzeugt.

Eine Frage, die beim Lesen auftaucht: Was ist eigentlich die „moderne“ Mutter? Sie scheint den Ballast aller früheren Formen und Narrative von Mutterschaft mit sich herumzuschleppen. Bestrebt, sie hinter sich zu lassen, und doch fest daran gebunden. Kaiser behandelt kurz das Thema Mutterschaft in der DDR; was aus heutiger Sicht daran so seltsam erscheint, ist der Umstand, dass Frauen so selbstverständlich und in einer historisch extrem kurzen Zeitspanne ihr Verhältnis zur Mutterschaft radikal verändern konnten. Warum gelingt es den modernen Müttern nicht?

In einem Nebensatz findet Kaiser ein schönes Bild: „Die Realität sieht noch viel zu oft so aus: Ich renne die Treppe hinunter, nehme immer zwei Stufen auf einmal.“ Realiter und metaphorisch. Moderne Mutterschaft ist wie ein Rennen, in dem man Hürden nimmt, über rote Ampeln rast, und bei dem am Ende die anderen verwundert sind, warum man nicht nur zerzaust, sondern immer auch zu spät ans Ziel gelangt.

Das Unwohlsein der modernen Mutter Mareice Kaiser Rowohlt 2021, 256 S., 16 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 23.05.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 24/2021

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