Petr Stančíks „Die Verjährung“: Der Henker als Richter

Tagebuch Petr Stančík erzählt in „Die Verjährung“ die Geschichte eines tschechischen Widerstandskämpfers. Eine Erzählung, in der Fakten und Fiktion geschickt gemischt werden
Ausgabe 17/2023
Am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein
Am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein

Foto: Imago/CTK Photo

Ab und an stolpert man als Leser ja über Gattungsbezeichnungen eines Werkes. Da liest man also „Romane“, die tatsächlich Essays oder Erzählungen sind. Seltener geschieht es andersherum: Dass ein Werk als Essay, Reportage oder Sachbuch bezeichnet wird, dann aber als waschechter Roman daherkommt. So verhält es sich mit Verjährung, das der Wieser-Verlag als fantasievolle Tagebucherzählung ankündigt, und das ist sie auch! Denn das, was Petr Stančík schreibt, ist eine Lebenserzählung in Tagebuchform, die frei hinzuerfindet.

Basierend auf den Lebenszeugnissen des Widerstandskämpfers Pravomil Raichl konstruiert er einen echten Abenteuerroman mit Rahmenerzählung. Und die geht so: Ein alter Mann schleicht sich bewaffnet in das Haus eines weiteren alten Mannes. Der Eindringling wird sich zum Richter und Henker des anderen aufschwingen. Das ist jedenfalls der Plan. Doch dann bricht der Attentäter im Moment der Urteilsverkündung zusammen. Der zum Tode Verurteilte schläft in seinem Bett weiter. Der Attentäter ist tot.

Die Tochter des Hauses findet den leblosen Körper und begibt sich auf Spurensuche. Sie stößt auf das Tagebuch des Attentäters Raichl, das mit dessen 15. Lebensjahr beginnt und den Weg eines Jungen nachzeichnet, der den Wald und das Gebirge liebt und Forstarbeiter werden möchte, dann aber gegen Nationalismus und Stalinismus gleichermaßen kämpfen wird. Der 1921 geborene Junge wurde Pravomil – Rechtlieb – genannt, weil der Vater sich wünschte, er möge Wahrheit und Vaterland lieben und ehren. Dieser wiederum war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, wandte sich im Zuge der stalinistischen Säuberungen aber von ihr ab.

Sein Sohn muss miterleben, wie sich der zwar geizige, aber doch höfliche deutsche Nachbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland zum glühenden Nazi wandelt, der im Garten schon einmal den Hitlergruß übt. Der junge Mann kommentiert die politischen Entwicklungen, die zum Münchner Abkommen und dem Einmarsch der Wehrmacht ins Sudetenland führen. Aus der Wut und dem stillen Widerstand wird offener Kampf, als Deutsche die Geliebte Pravomils und deren Vater bei lebendigem Leibe verbrennen. Raichl, der sich der tschechoslowakischen Fremdenarmee anschließt, wird beim illegalen Grenzübertritt von sowjetischen Truppen aufgegriffen und inhaftiert.

Ein Schicksal des 20. Jahrhunderts

Raichls Schicksal ist eines, wie es vielleicht nur das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, und das zugleich wie gemacht ist für einen Film (tatsächlich lieferte der Stoff die Vorlage zum Film The Old Men): Ein Leben zwischen NS-Widerstand und Gulag, US-Emigration und dem wahnwitzigen Plan, Gerechtigkeit mittels Mord herzustellen. Ziel des Anschlags, der durch den Herzinfarkt des Attentäters vereitelt wird, ist Karel Vaše, ein kommunistischer Staatsanwalt.

Zwar ist der Ausgangspunkt der Rahmenerzählung um Vašes Tochter, die das Tagebuch auffindet, nicht sonderlich originell, dafür aber besser erzählt. Stančík, der auch Lyriker und Dramatiker ist und Regie studierte, hat ein Auge für Szenen. Die Rahmenhandlung ist lyrisch grundiert, der Tagebuchteil wird nach einem poetischen Auftakt (der Junge Pravomil hat einen Hang zu affektierter, weihevoller Sprache) nüchterner und knapper, was mit der gehetzten Fluchtatmosphäre korrespondiert.

Selbst in den finsteren Szenen scheint Stančíks Lust am Witz und Szenenhumor auf, beinahe kolportagehaft wirkt die Erzählung – was keineswegs abwertend gemeint ist. Kein Wunder, dass Stančík ein Bestsellerautor ist. Einer obendrein, der sich nicht scheut vor der Vermengung von Fakt und Fiktion. Da hat einer Lust am Fabulieren. Was in Deutschland im Falle von Takis Würgers’ Stella heftige Diskussionen auslöste, stößt beim tschechischen Publikum offensichtlich auf Gegenliebe. Raija Hauck trifft mit ihrer Übersetzung den richtigen Ton für diese abenteuerliche Geschichte, die hierzulande wenig bekannt ist. Was sich mit diesem Roman womöglich ändert.

Die Verjährung Petr Stančík Raija Hauck (Übers.), Wieser-Verlag 2023, 400 S., 23 €

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

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