Rebellen mit Grund

Baseballschlägerjahre Eberhard Seidel und Klaus Farin haben Frust und Aggression junger Erwachsener nach 1990 konserviert
Marlen Hobrack | Ausgabe 47/2019 1

Es war kurz nach 1990, überall in den östlichen Kleinstädten schossen Skinheads wie Pilze nach kräftigen Regenschauern aus dem Boden. Fast jede Familie beherbergte einen Sohn, der sich die Haare abrasierte und die zerfallenen Turnschuhe gegen Springerstiefel tauschte. Wenn man nicht rechts war, tat man gut daran, nicht offensichtlich links zu sein. Bunte Haare bedeuteten Mische, manchmal Lebensgefahr. Es waren Baseballschlägerjahre, man verabredete sich zum „Fidschis-Klatschen“ und wollte Punks am liebsten vergasen.

Heute trendet der Begriff Baseballschlägerjahre als Hashtag auf Twitter. Er erinnert daran, dass die Stärke der AfD im Osten eine Vorgeschichte hat, eine, die auch weit über die Erfolge der NPD in Landtagswahlen zurückreicht. Eberswalde, Hoyerswerda – jene Städtenamen, die zu Synonymen für rechte Gewalt und Mordlust wurden, standen am Anfang einer Entwicklung, nicht am Ende.

Allerlei prügelnde Mädchen

Die Jugend der Wendezeit bestand freilich nicht nur aus marodierenden Neonazi-Gangs. Sie lebte auch nicht nur östlich der nun gefallenen Mauer. Wendejugend, das war eine bestimmte Alterskohorte, die über große soziale und kulturelle Unterschiede hinweg eines verband: In der wohl größten Umbruchssituation seit dem Zweiten Weltkrieg ein junger Erwachsener zu sein, der neben den üblichen Problemen – dem Aufbegehren gegen Autoritäten, dem ersten Liebeskummer und dem fehlenden Geld für ein paar neue Jeans – mit einer neu verfassten Gesellschaft zurechtkommen musste.

Klaus Farin und Eberhard Seidel widmen dieser Wendejugend ein gleichnamiges Buch. Sie konfrontieren heutige Leser mit den frustrierten, wütenden, tumben und klugen Stimmen junger Menschen, die sie in den Jahren nach dem Mauerfall interviewten. Hammerskins, türkische Jugendgangs, linksalternative Hausbesetzer und allerhand prügelnde Mädchen kommen zu Wort. Klaus Farin gründete das Archiv der Jugendkulturen,das bis heute eine Bibliothek in Berlin unterhält und unter anderem Ministerien und andere Organisationen berät. Er leitete es von 1998 bis 2011. Heute ist er heute Vorsitzender der Stiftung Respekt!, die die Erforschung, Sammlung, Aufbereitung und Vermittlung von Wissen über jugendliche Lebenswelten fördert. Gemeinsam mit dem Soziologen Eberhard Seidel veröffentlichte er bereits 1991 das Buch Krieg in den Städten, das von rivalisierenden Jugendgangs erzählt. Seidel ist Experte für Jugendkulturen und Rassismus und Geschäftsführer von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.

Die Autoren erklären im Vorwort, dass sie die Stimmen der Jugendlichen unverfremdet wiedergeben wollten. Was natürlich auch bedeutet, dass das Gesagte nicht eingeordnet oder hinterfragt wird (allenfalls in den Nachfragen im Interview). Das wiederum verlangt vom Leser, die Äußerungen der Jugendlichen einzuordnen. Manche bringen offen rassistisches, rechtsextremes Gedankengut vor.

Neonazis und türkische Gangmitglieder sind sich in ihrem lautstarken Schwulenhass einig, folglich wimmelt es im Text von „Kanaken“, „Negern“ und „Schwuchteln“, Begriffen also, die heute selbst als Zitate kaum noch zulässig sind in Texten. Und trotzdem ist es wichtig, sie genau so zu lesen. Hass und enorme Frustration sprechen aus den Worten. Und viele innere Widersprüche. Einige der Jugendlichen wirken hochreflektiert, andere dumpf und abgestumpft, kaum zur Empathie fähig.

Was fast alle Jugendlichen gemein haben, egal zu welcher Szene sie auch gehören: Sie zeigen sich erstaunlich offen dafür, mit Jugendlichen rivalisierender Gruppierungen zu reden. Viele geben an, dass sie die anderen ganz okay finden, solange sie allein auftreten. Man habe hier und da mal ein Bier miteinander getrunken. Es gibt sogar einen Bekehrten, eine Saulus-zu-Paulus-Figur im Text. Mike nämlich, der Neonazi, der plötzlich ziemlich bester Freund des jungen Äthiopiers Markus wird, nachdem er ins Asylbewerberheim zieht: Da nämlich landet der obdachlose Deutsche, nachdem sein Vater ihn vor die Tür geworfen hat. Zum Zeitpunkt des Interviews will er eine Afrikanerin heiraten. Was die Jugendlichen bewegt, das wird rasch klar, ist die Art und Weise, wie sich Geschichte und sozialer Umbruch in ihrer eigenen Biografie manifestieren.

Diskutieren statt Kloppe

Gemeinschaften zerbrechen, Zu- und Abwanderungswellen verändern das Gesicht der Orte, in denen sie leben. Besonders für die jungen Männer aus bildungsfernen Schichten, die sich vorrangig über Arbeit definieren, sind der Verlust der Jobs und die totale Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt Quelle für Dauerfrust und Aggression.

Trotzdem, und das geben die Neonazis auch freimütig zu: Rechts waren sie auch vor der Wende. Nur verhinderte der „Polizeistaat“ DDR, wie ihn einer der Jugendlichen nennt, dass sie ihre Aggressionen offen auf der Straße ausleben konnten.

Viele Jugendliche zeigen sich auch der eigenen Szene gegenüber kritisch. Eine Gruppe aus der Connewitzer Hausbesetzerszene schimpft über Antifas, Anarchos und Kommunisten, die stets nur mit sich selbst beschäftigt seien und in stundenlangen Pow-Wows über Gott und die Welt verhandeln – ihnen aber nicht zur Seite springen, wenn Faschos ihren Club überfallen. Skin-Girls schimpfen über Machos in der eigenen Szene und über Mädels, die nur schmückendes Beiwerk sein wollen. Hammerskins beklagen sich über zu aggressive Szene-Mitglieder, und mit den Blood-and-Honour-Skins will man sowieso nichts zu tun haben. Offensichtlich waren (und sind) die Szenen komplexer organisiert, als man das als Beobachter wahrhaben möchte. Was sie alle gemein haben, ist eine völlige Isolation von einer positiven Erwachsenenwelt.

Erwachsene gibt es, aber nur als autoritäre Väter, vernachlässigende Mütter oder als Erwachsenenfiguren, die besonders im Falle der türkischen Teens strenge Moralkodizes auferlegen. Interessanterweise bleibt die Rebellion gegen die oft verhassten autoritären Väter aus – bei prügelnden Türken wie auch bei den Nazis.

Warum diese Interviews heute relevant sind? Ein nicht unerheblicher Teil der Jugend von damals dürfte Frustration und Enttäuschung noch immer in sich tragen. Es sind Bürger mittleren Alters, die heute womöglich über Wendetraumata klagen und bei autoritären Führerfiguren Halt suchen. Und: Die zornige Jugend von damals hat heute selbst Kinder. Welches Weltbild sie ihnen wohl vermittelt hat?

Info

Wendejugend. 14 Interviews Klaus Farin, Eberhard Seidel Hirnkost Verlag 2019, 160 S. 18 €

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06:00 26.11.2019
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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