Schuld ist der Feminismus

Debatte Frustrierte Frauen, gescheiterte Ehen, Kindermangel. Wer trägt die Schuld? Offensichtlich der Feminismus. Oder etwa nicht?
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Vielleicht haben Sie’s noch nicht mitbekommen, aber der Feminismus ist eigentlich an allem schuld. Ja, wirklich. Die Welt war mal so schön und übersichtlich, und irgendwie ist sie jetzt… naja, es ist kompliziert, wie man so schön sagt. Und es ist ja klar, wer dafür verantwortlich ist. Wer auch immer mal auf die Idee gekommen sein mag, dass Feminismus und Gleichberechtigung irgendwie Vorteile für die Weltbevölkerung haben könnten, der muss schon einen tüchtigen Schaden gehabt haben. Haushohe Scheidungsraten und Schlüsselkinder mit eingefallenen Wangenknochen, weil ihnen niemand das Mittagessen kocht… das haben wir nun davon! Und das Schlimmste: Der Feminismus hat das Verhältnis zwischen Männern und Frauen für immer zerstört. Es ist ja so: Beziehungen vertragen doch gar keine Gleichheit. Wenn immer beide etwas zu sagen haben wollen, dann kracht es eben in einer Tour. Und dann erst die Sache mit der Erotik! Erotik kann ja nur glücken, wenn einer bereit ist, sich auf den Rücken zu legen.

An dieser Stelle nun muss ich den Ironie-Modus ausschalten und ein wenig ernst werden. Gut, ich habe in der Vergangenheit ab und zu Texte geschrieben, in denen ich den ein oder anderen Seitenhieb auf manche feministische Einsichten loswurde. Nicht, weil ich eine Antifeministin wäre. Ich bin ja quasi die feministische Vorzeigefrau! (War das jetzt Ironie? Keine Ahnung.) Ich hätte Emanzipation mit der Muttermilch aufgesaugt, hätte meine Mutter mich denn gestillt anstatt mich dem herzlosen DDR-Erziehungssystem auszusetzen (hat’s mir geschadet?!). Nein, ich reibe mich bisweilen an dem Feminismus (jaja, den Feminismen!), weil es mir darin manchmal an Liberalismus im positiven Wortsinne mangelt, an ein bisschen laissez faire.

Ekel hat mich allerdings nie getrieben. Ich bin da ganz und gar frei von Ekel. Der überkommt mich tatsächlich nur angesichts von Herren und Damen, die ganz unverhohlen die gute alte Zeit heraufbeschwören wollen, in denen Mutti in Küchenschürze und Pumps backt und kocht und auch ansonsten sehr servil ist. Klar, ich könnte da liberaler sein. Wo bleibt da mein laissez faire? Nun gut, auch ich habe meine Grenzen, vor allem wenn es um Familienbilder à la AfD geht, da will ich die Grenzen sehr dicht machen, da verstehe ich keinen Spaß.

Feuilleton und Feminismus

In der Zeit stritten in den letzten Wochen Sabine Rückert und Mariam Lau darüber, wer von beiden nun das fortschrittlichere oder furchtbarere Frauenbild habe. Bei allem Zwist in der Sache waren sich aber beide einig, dass der Feminismus ziemlich viel kaputt gemacht habe. Und zwar weil er Frauen zu einer Art Turbo-Autonomiestreben verführt habe, das sie letztlich nur in trauriger Einsamkeit enden lasse. Zudem gebe der Feminismus im Grunde immer den Männern die Schuld an allem, so Sabine Rückert, die verzweifelt feststellt: „Ich suche in den feministischen Debatten inzwischen die Antwort auf die Frage: Woran bin ich eigentlich noch selbst schuld?“ Hm… daran, dem Feminismus die Schuld zu geben?

Ist diese Schuldfrage nicht eigentlich eine reine Feuilleton-Spaß-Inszenierung, ein typisches Beispiel für den endlosen Prozess der Verhandlung über das richtige Frauenleben mit oder ohne Kind, mit oder ohne Partner, mit oder ohne Karriere? Muss man da nicht herzhaft lachen, wenn sich beide Autorinnen vom Feminismus und seiner Bevormundung abgrenzen und beide gleichermaßen Texte schreiben, in denen sie jungen Frauen einen Rat - oder besser: eine Lektion - erteilen wollen? Seit Jahren nun debattieren wir (auch ich bekenne mich schuldig), ob der Feminismus alles richtig gemacht habe oder nicht, ob nun der West- oder Ost- oder Neo- oder Netzfeminismus die richtigen Fragen stelle oder gute Antworten gebe?

Schon vor zwei Jahren stellte Mariam Lau anlässlich des Weltfrauentages die Frage "Was will das Weib?" und gab Antwort, dass der Feminismus es jedenfalls nicht wisse. Nun gut, könnte man sagen, solange jede Frau es für sich selbst weiß, ist doch schon einmal allen Frauen geholfen! Wirklich schade ist dabei eher, dass eine kluge Frau wie Frau Lau glaubt, es sei ausgerechnet der Feminismus, der den Frauen den Mut nehme, Beziehungen einzugehen oder gar Kinder zu haben. Wenn man mich nun fragt, warum ich ein Kind habe und nicht etwa fünf, dann käme mir nicht unbedingt in den Sinn, dem Feminismus die Schuld zu geben. Übrigens auch nicht den Männern. Mir käme eher die Länge einen durchschnittlichen Arbeitstages oder der Gedanke an meinen Rentenbescheid in den Sinn.

Wo waren wir? Ja, also der Feminismus ist schuld. Die Behauptung lautet ungefähr so: Frauen wollen dank feministischer Erzeihung autonom sein und sich nicht länger in Beziehungen verlieren. Gleichzeitig aber verspüren sie eine tiefe Sehnsucht eben danach, die natürlich von Hollywoodromanzen gefördert wird. Folglich fühlen sie sich zerrissen, unglücklich, scheitern irgendwo zwischen gewünschter Realität (= Autonomie) und idealisierter Vorstellung von romantischer Liebe (= Hollywoodklischees). Am Ende sind sie einfach nur fertig.

In Mariam Laus Text taucht die Serie Girls als Schreckbild auf, weil die Mädels in der Serie irgendwie gar keine ernsthaften Beziehungen mehr eingehen können. Girls wird gerne als die Serie der Frauen meiner Generation betrachtet. Ich kenne gar kein Girl meines Alters, das Girls mag. Ich auch nicht, was vor allem daran liegt, dass diese bemitleidenswerten Girls ständig schlechten Sex haben. Girls, das als die ehrlichere und realistischere Alternative zu Sex and the City gilt, zeigt in Wahrheit Frauen, die permanent frustrierende sexuelle Erfahrungen machen. Vor allem weil sie selbst ziemlich unfähig sind. Und hier müssen wir doch einmal den Feminismus loben: Schließlich stellte er einst die Frage nach dem weiblichen Orgasmus. Und gab die passenden Antworten. Der Feminismus mag also an vielem schuld sein, an schlechtem Sex aber wohl nicht. Gott sei Dank. Haben wir doch noch etwas gefunden, an dem wir selbst schuld sind!

22:54 04.03.2016
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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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