Sex mit Hitler

Psychoanalyse Der neue Kanon-Verlag startet mit einem unerhörten Buch über Nazivergangenheit und Penisneid
Sex mit Hitler
Da ist er also, der Schuldkomplex

Foto [M]: Central Press/Hulton Archive/Getty Images

Alles Unbehagen soll aufgelöst und korrigiert werden, was schiefgelaufen ist, eine neue Identität soll her. Da liegt sie also, die Protagonistin von Katharina Volckmers Der Termin, und spreizt die Beine für einen Gynäkologen namens Seligman, der ihr das verfertigen soll, was sie schon immer neidete: einen Penis. Was wie eine Transitionsgeschichte anfängt, entwickelt sich sogleich zu einer Farce um Nazischuld und philosemitische Projektionen. Verhandelt wird obendrein ein (gelinde gesagt) ausgeprägter Mutterkomplex, der Hass auf alles Weibliche.

Der Termin ist ein aberwitziger Monolog einer Protagonistin, die vor ihrem jüdischen Arzt ihr Innerstes entblößt. Was nicht nur ihre Vagina, sondern auch Hitler-Sex-Fantasien einschließt. Allein das ist auf aufregende Art unerhört und wohl auch der Grund, weswegen sich zunächst kein deutscher Verlag für das Buch fand, das in England bereits veröffentlicht und von Volckmer, der Deutschen, die in London als Literaturagentin lebt, auch nicht in ihrer Muttersprache verfasst wurde. Der vom früheren Aufbau- und Ullstein-Verleger Gunnar Cynybulk neu gegründete Kanon-Verlag war glücklicherweise mutig.

Dass die Protagonistin angeblich auf Hitler-Bildchen masturbiert und sich „dabei vorstellte, dass sein Schnurrbart mich untenrum kitzelte“, ist einerseits ein genial-abstruses Bild für die deutsche Hitler-Fixierung. Andererseits ist es die eher zweifelhafte Selbstaussage einer nicht ganz vertrauenswürdigen Erzählerin, die obendrein nur imaginär ihre womöglich ebenso imaginäre Hitler-Fixierung vor ihrem Arzt ausbreitet. Auch jedes Detail zum Leben des jüdischen Arztes ist Produkt ihrer Imagination, zumal von Klischees beherrscht: „… es war bestimmt ein Riesentriumph, Ihre Frau zu schwängern und dabei an all jene zu denken, die das unmöglich machen wollten. Auf gewisse Weise sind Sie also wie ich und denken bei Ihren Höhepunkten an Hitler“, adressiert sie Dr. Seligman.

Die Aufgabe des Adressaten ist es, das Problem, die Vagina, zu beseitigen und an ihrer Stelle einen Penis zu installieren, ein Schwert, das hoffentlich den vermaledeiten Mutterkomplex ein für alle Mal durchschlägt. Zugleich würde das die Protagonistin von einer anderen Wunde heilen, von jener nämlich, die ihre letzte romantische Beziehung zu einem Hetero-Mann schlug, der sie liebte, tatsächlich liebte, sie, die ja gar nicht an die romantische Liebe glaubt. Diese Liebe aber erscheint wie eine Falle, wie die Rückbindung an Strukturen der heterosexuellen Zwangsmatrix, wie man vielleicht sagen könnte. Dass dieser Mann auch noch ein ominöser „K“ ist, macht dann auch noch Kafka zum Zeugen in diesem ganz besonderen Prozess um Nazivergangenheit und Penisneid.

Die Hose anbehalten

Die Selbstentblößung vor Dr. Seligman liest sich wie ein psychoanalytisches Gespräch, nur dass man dabei – im Idealfall – die Hose anbehält. Auch die Protagonistin hat es bereits mit einem Therapeuten namens Jason versucht. Jason, der vom Namen her gut der Sänger einer Boygroup sein könnte, ist Verkörperung des „Normalo-cis-Mannes“ – und schon deswegen nicht satisfaktionsfähig. Nein, die Heilung muss durch die Hände eines jüdischen Mannes erfolgen, die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug – oder so ähnlich.

Dass Dr. Seligman tatsächlich Sinnbild für den jüdischen Analytiker ist, zeigt dann auch die Fehlleistung, der „Freudian slip“, der der Protagonistin unterläuft, als sie die von ihr erdachten sieben Kinder des Mannes als „sieben Nazis“ bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um eine „Überschreibung“ der Kinder mit jenen ihres Großvaters. Ihr Großvater war kein böser Nazi, nur ein mittelmäßig pflichtbewusster Eisenbahner. Das ist er also, der Schuldkomplex, die Banalität des Bösen. Spätestens hier bleibt einem das hysterische Lachen im Halse stecken. Nicht, weil es die erwartbare Wendung zu einer persönlichen Nazigeschichte gibt; sondern weil der Text ins Unheimliche kippt. Diese Geschichte ist ja bei Weitem nicht die erste Geschichte, die sich mit Nazialtlasten oder – auf einem anderen politischen Feld – mit dem Unbehagen am Geschlecht auseinandersetzt. Aber wie erklärt sich die Verknüpfung?

Der Schlüssel wird zu Beginn des Textes gegeben: „Ich will damit nicht sagen, dass Hitler mir leid tat, und es ist natürlich trotzdem inakzeptabel, sämtliche Angehörigen eines Kulturkreises auszulöschen, weil man sich in seinem Körper nicht wohlfühlt und sie das repräsentieren, was man an sich selbst hasst, aber der Traum hat mich doch dazu gebracht, über sein Privatleben nachzudenken.“ In der Fantasie der Protagonistin also gestaltet sich die Sache so: Hitler sieht in den Juden, was er an sich selbst hasst, das „Weibische“, das Unmännliche. Der Kampf mit der Geschlechtsidentität mündet in totalen Vernichtungswillen, oder anders: Es gibt nichts Gefährlicheres als einen gefährdeten Mann. Das Unerhörte an diesem Text sind also nicht Hitler-Sex-Fantasien, sondern die ironisch-mehrdeutig explizierte Idee, einer wie Hitler wäre gar nicht möglich, wenn sich alle Menschen von gewaltsamen Zuschreibungen ans Geschlecht lösen könnten. Ebenfalls am Anfang heißt es: „… mein Wunsch ist keineswegs politisch, Dr. Seligman.“ Womit bestätigt wäre, dass es sich um einen politischen Wunsch handelt (Sie wissen schon: Freud, die „Verneinung“).

Die Protagonistin vollzieht eine symbolische Wiedergutmachung, begibt sich ans andere Ufer, an jenes der Männlichkeit, wo sie die potenziell gefährliche Cis-Männlichkeit durch eine Transidentität gleichsam neutralisiert. Das könnte man nun abstrus finden. Allerdings deutet eine Frau die Geschichte, die ihren eigenen Mutterhass zwar registriert, nicht aber als Ergebnis der gesellschaftlichen Abwertung des Weiblichen erkennen kann, keine belastbare Zeugin also. So bleibt die Möglichkeit, dass die „Heilung“ durch die OP eine neue, noch schlimmere Wunde schlägt.

Info

Der Termin Katharina Volckmer Milena Adam (Übers.), Kanon-Verlag 2021, 128 S., 20 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 11.09.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 38/2021

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