Sieg des Lustprinzips

Seele Kann eine 100 Jahre alte Methode den Digital Natives helfen? Der Band „Psychoanalyse im Cyberspace“ findet: Ja!
Marlen Hobrack | Ausgabe 42/2016 3

So scheint die psychoanalytische Urszene auszusehen: Die Patientin liegt auf der Couch, der Analytiker sitzt hinter ihr. Sie spricht, er schweigt. Nur manchmal stellt er Fragen, wie eine Stimme aus dem Off, entkoppelt von Körperlichkeit. Tatsächlich sieht die Methode nicht von Beginn an so aus. Das analytische Setting entwickelt sich schrittweise. Anfangs hypnotisierte Sigmund Freud seine Patientinnen noch, so wie es sein Lehrer Josef Breuer mit Anna O. tat. Sie übrigens war es, die den Begriff talking cure prägte. Reden als Katharsis. Freud ersetzte die Hypnose durch das Handauflegen; später verzichtete er gänzlich auf Körperkontakt. Mit dem Unsichtbarwerden des Analytikers entfaltet sich zwischen den beiden Körpern ein Assoziationsraum, eine Leerstelle, die gefüllt werden will.

Erstaunlich beständig ist dieses Setting, das sich hartnäckig gegen neue Technologien behauptet. Zwar gibt es längst Analytiker, die Telefon- oder Skype-Analysen durchführen, aber erstaunlich wenige Analytiker veröffentlichen Erfahrungen oder gar Zahlen zu diesem Thema. Eine weitere Ausnahme bilden nun Alessandra Lemma und Luigi Caparrotta mit ihrem Sammelband Psychoanalyse im Cyberspace? Und der wirft nicht nur die Frage auf, welche Chancen und Risiken sich für Analytiker und Analysanden durch die Variation des analytischen Settings durch moderne Kommunikationsmittel bieten.

Kein Prothesengott mehr

Die Aufsätze gehen weit darüber hinaus, indem sie die Frage aufwerfen, wie sich die Psyche im Cyberspace entfaltet. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Kindern und Jugendlichen, die als Digital Natives in die digitale Welt hineingeboren werden. Kann eine „analoge“ Methode, geboren um 1900 aus dem Geiste der Hysterikerinnen, denen Freud, einem Telefonhörer gleich, ihre Reden ablauschte, Psychen, die in die digitale Welt diffundieren, überhaupt noch Heilung versprechen? Es ist wenig überraschend, dass der Band die Frage bejaht, auch wenn die Autoren unterschiedlich optimistisch auf die psychischen Entwicklungen in der digitalen Welt schauen.

Längst ist der Mensch kein „Prothesengott“ mehr, wie ihn Freud in seinem Essay Das Unbehagen in der Kultur nannte; denn technische Hilfsmittel sind immer weniger Erweiterungen eines im Grunde mangelhaft an die natürliche Umwelt angepassten Körpers. Die digitalen Körpererweiterungen sind längst in uns eingedrungen, mit uns verwachsen. Zugleich sind die glatten, zärtlich gestreichelten Oberflächen unserer Smartphones zu Liebesobjekten geworden, deren Verlust ganz real schmerzt.

Was aber passiert mit uns, wenn Befriedigung – Online-Shopping hier, Internetpornografie da – immer nur ein Streicheln auf Touchscreens entfernt ist? Das Lustprinzip obsiegt. Dem Streben nach Lust und Befriedigung, das menschlicher Grundantrieb ist, wird nie ein Realitätsprinzip entgegengesetzt. Das nämlich entsteht als Reaktion auf die außerpsychische Welt, in der uns Körper, Umwelt und Mitmenschen „natürliche“ Grenzen setzen. Wie aber soll das Realitätsprinzip siegen in einer grenzen- und körperlosen Cyberwelt? Der mit Abstand interessanteste Essay stammt von Alessandra Lemma, die anhand von Fallbeispielen von Jugendlichen die Sehnsucht des Subjekts nach Dissoziation im Cyberspace analysiert. Für eine Jugendliche ermöglicht der Cyberspace die Entkopplung von dem als ekelerregend empfundenen Körper. Der Cyberspace wird zum Fluchtraum aus der überfordernden Körperlichkeit.

Ein Baby bauen

Empfindungen, Sexualität, Gewicht – all das spielt im Cyperspace keine Rolle. Alessandra Lemma zitiert einen jugendlichen Patienten, der von sich sagt, er sei ein Nobody, also ein Mensch ohne Körper. Das aber ist nicht nur eine Aussage über ein seelisches Empfinden; es ist auch seine heimliche Sehnsucht. Körper von Gewicht, so heißt der deutsche Titel des Essays Bodies That Matter von Judith Butler, in dem sie sich mit der Materialität des Geschlechtskörpers auseinandersetzt. Gar nicht zufällig richten sich in den Gender Studies und für einige feministische AutorInnen Hoffnungen auf die Welt des Cyberspace. Denn diese nimmt dem Körper das Gewicht.

Wenn sich in der Kurzgeschichte Babies machen von Laurie Penny eine Robotikingenieurin ganz einfach ein Baby baut, dann zeigt das, dass die Fantasie der Entkörperlichung durch Technik nicht nur ein Hirngespinst psychotischer Jugendlicher ist. Und was wird eigentlich aus Hirngespinsten, wenn wir uns, wie es der Science-Fiction-Autor William Gibson imaginierte, über neuronale Schnittstellen mit dem Cyberspace verbinden können?

Angesichts der Möglichkeiten von Augmented Reality, also einer erweiterten Realität, die schon heute viel mehr kann als kleine Pokémons auf Bildschirmen in unsere Umwelt zu projizieren, könnte die Frage, wie sich die Psyche im Cyberspace entfaltet, zu einer der Kernfragen des 21. Jahrhunderts werden.

Info

Psychoanalyse im Cyberspace? Psychotherapie im digitalen Zeitalter
Alessandra Lemma, Luigi Caparrotta (Hg.) Brandes & Apsel 2016, 208 S. , 24,90 €

Die Fotos der Beilage

Nikita Teryoshin wurde 1986 in St. Petersburg geboren, das damals noch Leningrad hieß, und lebt seit 2000 in Deutschland. Erst studierte er an der Essener Folkwang-Schule Fotografie, dann in Dortmund. Aber primär fotografiert er einfach. Über die Jahre entstand so eine Sammlung von Bildern, die er, wie er selbst sagt, „ganz ohne Augenzwinkern“ in die Kategorien Street, Documentary & Everyday Horror unterteilt: irgendwo zwischen entfesselter Dokumentarfotografie und subjektivem Journalismus. Am liebsten arbeitet Teryoshin auf eigene Faust, er kooperiert jedoch auch mit nationalen und internationalen Zeitungen und Magazinen wie „The Daily Mail“, „Emerge“, „Galore“, „Vice“ oder „Wired“. Die Fotografien für unsere Beilage stammen aus seiner Serie „space time discountinuum“. Mehr unter teryoshi.com

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06:00 20.10.2016
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
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