Sinnsuche auf der Donau

Literatur Die Story „Tochter findet Vater“ ist zwar nicht neu, aber Ilona Hartmanns „Land in Sicht“ weiß zu unterhalten
Sinnsuche auf der Donau
Die „MS Mozart“ am Ufer der Donau in Budapest

Foto: Imago Images/Imagebroker

So ein Kreuzfahrtschiff ist ein eigenes Milieu. Vermutlich ließen sich soziologische Abhandlungen über das seltsame Treiben auf oder unter Deck verfassen. Die Idee vom schwimmenden Luxus, des Sich-treiben-Lassens zwischen Reisezielen, die eben nur als Vorwand fürs Reisen an den Schiffsfenstern vorbeischwimmen: Land in Sicht, irgendwo, aber ankommen will man eigentlich nicht. Das ist, vielleicht, auch der Kern der Reise, auf die Ilona Hartmann ihre Ich-Erzählerin Jana Bühler schickt. Mit der MS Mozart schippert sie über die Donau. „Über allem schwebt der verblichene Titanic-Charme, die bittersüße Hoffnung, etwas Großes könnte, ja: möge bitte hier und jetzt auf dieser Reise passieren. Vielleicht trifft man die Liebe seines Lebens, vielleicht rammt man einen Eisberg, vielleicht fällt einem das Smartphone in die Trüffelpasta.“

Grund der Reise ist weder Eisberg-Sightseeing noch die Sehnsucht der Vierundzwanzigjährigen, Zeit mit Rentnern in Funktionskleidung zu verbringen, nein, sie folgt einem großen Zweck: der Suche nach dem Vater, Milan. Der ist Kapitän auf diesem Schiff. Woher den Mut nehmen, den Vater anzusprechen? Und was sagt man zu einem lange Verschollenen?

Nun kennt der Leser das „Tochter sucht verschollenen Vater“-Genre zu gut, um anzunehmen, dass der Prozess der Enthüllung und Familienwerdung reibungslos verlaufen könnte. So ein abwesender Vater hat schließlich seine Gründe. Auch dass er ein Hansdampf in allen Gassen ist, mal hier, mal da lebte, mal Skilehrer, mal Bergführer in Lappland war, folgt der Genre- und Lebenslogik. Janas Motivation für die Vatersuche wiederum ist einfach (so einfach, wie komplexe Lebensfragen eben sein können): „Ich muss meinen Vater finden und kennenlernen, sagte ich mir, sonst bleibe ich vielleicht für immer nur halb – halb Ich, halb da, halb am Leben. Diese Furcht überstieg die Vorstellung, einem Fremden zu begegnen, der mein Vater war, sich aber nicht vertraut anfühlte.“

Es geht also um eine biografische Leerstelle, eine Lücke in der Familienaufstellung. Um den Abwesenden, der keinen Platz im Gefüge einnimmt, und gerade in seiner Abwesenheit zum Zentrum des Geschehens oder Nicht-Geschehens wird. Die töchterliche Suche nach Identität und Herkunft ist als Thema so originell nicht; daher kommt es ganz auf die Umsetzung an.

Humor nimmt die Schwere

Hartmanns Erzählerin spricht heiter und flapsig, bisweilen gelingen witzige Bilder mit einer Prise – oder soll man sagen „Brise“? – Poesie. Hartmanns Stärke ist der trockene, dialogische Szenenhumor, wie im Gespräch zwischen noch unwissendem Vater und Tochter: „ ,Jana, ich rede so viel von mir.‘ ,Stimmt. Stell du mir doch mal eine Frage.‘ ,Gern. Also: Was möchtest du über mich wissen?‘ “

Der Text nimmt der Tragik des Verlassenwerdens und Sinnsuchens mit viel Humor eine immerhin mögliche Schwere. Dabei kann der Eindruck entstehen, dass der heiteren Geschichte durchaus noch mehr Gravitas zu entlocken gewesen wäre. Dass vielleicht noch eine andere Bearbeitung des Stoffes möglich gewesen wäre, in Form eines komplexer gebauten Romans, der gefüllte Leerstellen problematisiert. „Das Gefühl für den Vater ist flüchtig. Der Ort, an dem ich es aufbewahre, ist nicht sicher.“ Nun ist aber das, was die Autorin macht, Gesetz. Dass es sich entgegen den Verlagsangaben nicht um einen Roman handelt – angeblich verkaufen sich „Romane“ besser –, Schwamm drüber.

To cut a long story short: Natürlich ist das kein Roman, eine Pop-Novelle vielmehr. Ein Text, dem zwischendrin kurz der Drive ausgeht, weil – so seltsam es klingt – ein verlorener Vater allein die Handlung nicht vorantreibt. Gerne hätte man mehr von den seltsamen Gästen an Bord, den verstockten Dänen und den munteren Kanadiern erfahren. Schließlich kommt man sich unfreiwillig nah. „Während ich darauf warte, dass die Klimaanlage endlich die aufgeheizte Kabine kühlt, höre ich dem erschöpften Sex des britischen Ehepaars nebenan zu. Wir schlafen irgendwann zeitgleich ein.“ Und irgendwie wäre Platz gewesen für einen kleinen Katastrophenfall, gar einen veritablen Mord an Deck. Death on the Donau, vielleicht.

So, immerhin, richtet sich der Fokus auf die Tragikomik des abwesenden Vaters, der irgendwie gesellschaftlicher Standard ist, selbst wenn Elternpaare nicht geschieden sind. Zwischen Vierzigstundenwoche und dem oktroyierten Posten des Machtwortsprechers bleibt dann gar nicht viel Raum für ausgeprägte Vateridentität. „Wenn in meiner Kindheit vom ‚wichtigsten Mann im Leben‘ geredet wurde, dachte ich nie an meinen Vater, sondern immer an den Busfahrer.“ So geht das ja nicht wenigen. Die Autorin, die 1990 geboren wurde, hat damit – Achtung!, Achtung! – im Grunde ein Generationenproblem artikuliert.

Land in Sicht ist ein Buch, das gut unterhält. Sommer, Sonne, Reisen, bisschen Verlust und Wunde gibt es obendrauf, und das alles vor schöner Kulisse, der Donau, die, trotz der anderslautenden Zeile im Strauss-Walzer, überhaupt gar nicht blau ist. Jedenfalls nicht auf ganzer Länge. Man muss sich allerdings fürchten, wenn ein Kritiker sagt, es handle sich um genau das Buch, das wir für den Sommer bräuchten. Denn ach, die Sommer verfliegen so schnell. Aber Ilona Hartmann ist ein literarisches Talent, das länger im Gedächtnis bleiben sollte, als der Flügelschlag einer Schwalbe dauert.

Info

Land in Sicht Ilona Hartmann Blumenbar 2020, 160 S., 18 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 07.08.2020
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 39/2020

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