Sistah Kohlhaas

Theater In Leipzig geben Sandra Hüller und Jens Harzer eine formidable „Penthesilea“

Nein, Aussicht auf Restkarten gibt es nicht an diesem besonderen Abend! Betretene Gesichter in der langen Schlange, die sich vor dem Ticketschalter im Schauspiel Leipzig gebildet hat. Beinahe wäre auch ich zu spät gekommen. Und was mir da entgangen wäre! Die Penthesilea von Johan Simons, eine Koproduktion des Bochumer Schauspielhauses mit den Salzburger Festspielen, in den beiden Hauptrollen, einzigen Rollen: Sandra Hüller als Amazonenkriegerin Penthesilea und Jens Harzer als griechischer Heros Achilles. Das Stück feierte Ende 2018 Premiere und beruht auf Heinrich von Kleists Trauerspiel, das vielen Zeitgenossen als unspielbar gilt, hier erleben wir es in radikaler Zuspitzung. Elegant zurechtgehauen ist der Text, wie ein Marmorblock, bei dem die Skulptur auch immer schon im Block steckt, man muss sie eben „nur“ freilegen. So wird das Zwei-Personen-Stück plötzlich zur „natürlichen“ (schlimmes Wort!) Darreichungsform des Stoffes. Der lautet so: Dem alten Amazonenbrauch folgend, will sich Penthesilea einen Mann erobern.

Der Kriegsgott Ares hat dem Amazonenstamm für die Auswahl des Opfers das passende Kriegervolk zugewiesen, Penthesileas Mutter prophezeite der Tochter, dass sie sich den legendären Achilles zu eigen machen würde. Dafür muss Penthesilea den Krieger im Kampf besiegen. So reproduziert sich eben das Amazonenvolk, zwar nicht ganz ohne Hilfe der Männer (ein Albtraum!?), aber doch fast. Kein Wunder, dass Achilles den Brauch „widernatürlich“ findet. Obwohl, ein wenig reizt ihn das Ganze schon.

Penthesilea, dann im Kampfe verwundet, glaubt zuerst, Achilles besiegt zu haben, wird aber eines Besseren belehrt. Er möchte sie nun beschlafen, allerdings nicht in ihrer Heimat, wie es der Brauch verlangt. Das kann und will Penthesilea nicht zulassen. Ein erneuter Kampf soll Sieger und Verlierer bestimmen. Aber Achilles, der sich besiegen lässt, wird von Penthesilea tödlich verletzt und von der rasenden Frau und ihren Bluthunden zerfleischt.

Penthesilea – eine Frau zwischen Grazie und Furie. Damit ist sie als Frauenfigur nicht unproblematisch. Während Achilles keinen Zweifel daran lässt, dass sein Begehren „natürlich“ und vor allem ein körperliches ist, weiß man nicht recht, was die wütende Frau antreibt: eigenes Begehren oder das Gesetz der Mutter? Oder ist auch diese Differenz zuletzt nur eine Konstruktion und Begehren immer zugleich ein Eigenes und Fremdes? Penthesilea wird in dieser Inszenierung zur Schwester eines anderen Kleist-Antihelden, des Kohlhaas, der so rechtschaffen wie wahnsinnig ist. Beide beharren auf dem Gesetz. Beide stürzen sich und andere mit ihrem grenzenlosen Beharrungsvermögen ins Unglück.

Hüller zeigt die Penthesilea immer schon an der Grenze zum Wahnsinn. Wenn sie mit Achilles spielt, dann nicht kindlich, sondern in der Verstellung, sie äfft ihn nach oder probiert die Rollen an, die er ihr andichtet. Ihre angeblich so zarten Glieder legt sie frei, indem sie den Rock lüftet: Zum Vorschein kommen die starken Beine einer Kriegerin. Die angeblich wallenden Locken der Amazone sind bei Hüller kurze blonde Haare, so wird das Bild zum ironischen Kommentar auf den Text.

Bisse auf Küsse

Grandios in seiner Aufspaltung von Schauspieler- und Textkörper: Mitunter scheint sich die Sprache von den Sprechenden zu lösen, widersprechen Intonation und Stimmlage den Körpern. Textkörper und Spielerkörper arbeiten mal mit, mal gegeneinander, unterstützt vom Bühnenbild (Johannes Schütz), einem gänzlich schwarzen Quader, der die Darsteller zu schlucken droht, wenn sie sich zu weit vom Lichtstreifen am vorderen Bühnenrand entfernen. Dieser Lichtstreifen (Lichtdesign: Bernd Felder) verwandelt die Körper, die in schwarze Röcke und Oberteile gekleidet sind (Kostüm: Nina von Mechow), in lebendigen Marmor, griechisch-antike Plastik. Nur edle Einfalt und stille Größe sieht man nicht. Vielmehr entfaltet sich ein Pas de deux, der sich immer weiter Wahn und Wüten hingibt. Dass beide Protagonisten auch bei Kleist als Parallelfiguren angelegt sind, mit demselben Streben ausgestattet, wie getrennte Kugelmenschen, das wird in der Aufführung augenfällig. Immer wieder liegen sie verschlungen, die Gliedmaßen des einen aus der Seite des anderen ragend, auf der Bühne.

Auch das Publikum ist bald so atemlos wie die Schauspieler auf der Bühne, links und rechts neigen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer immer weiter aus den Sitzen, dem Geschehen zu. Als Penthesilea begreift, dass sie alles verloren hat, entfahren ihr markerschütternde Schreie, die dem Zuhörer eine Gänsehaut über den Körper jagen.

Dass die Raumakustik des Gastspielortes dafür sorgt, dass manche von Hüllers Worten verschluckt werden, ist etwas ärgerlich, aber nicht tragisch. Am Ende gibt es frenetischen Applaus und Standing Ovations. Auch bei den Salzburger Festspielen wurde das Stück gefeiert, an diesem Abend wird offenbar, warum Hüller zuletzt den Theaterpreis Berlin erhielt und Harzer Träger des Iffland-Ringes ist. Auf der Bühne erscheinen sie wie geschaffen füreinander. Kleist reimte Bisse auf Küsse. Hüller und Harzer verkörpern den eigentümlichen Reim und das, was dabei und dazwischen passiert, perfekt.

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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