Spießig, aber wahr: Auch Kleinfamilie macht glücklich

Meinung Dass die Familie Unheil bringt und deshalb abgeschafft werden muss, ist eine fortschrittliche Theorie und nennt sich Familienabolitionismus. Unsere Autorin bleibt lieber konservativ
Ausgabe 08/2023
Eine ganz „normale“ Familie: Mutter, Vater, Kind
Eine ganz „normale“ Familie: Mutter, Vater, Kind

Foto: Imago/Westend61

Vor Kurzem stieß ich zum ersten Mal auf den Begriff Familienabolitionismus. Begegnet ist er mir in Sophie Lewis’ Buch Die Familie abschaffen, ein griffiger Titel, der ausbuchstabiert, worum es Lewis geht – den Beginn der Überwindung der Kleinfamilie. Natürlich weiß Lewis gleich im Vorwort ihres Buches zu beruhigen: Niemand muss seine Familie verlassen, niemand möchte irgendjemandem eine Mutter oder einen Vater wegnehmen. Vielmehr geht es um die – abgenutzter Begriff – Dekonstruktion der Familie als kleinster und zugleich wirkmächtigster gesellschaftlicher Einheit, als, wie es Lewis nennt, „disziplinierender knappheitsbasierter Trauma-Maschine“.

Puff und Bang! Beinahe automatisch sieht man eine Psychoanalytiker-Couch vor dem inneren Auge. Wir verstehen schon: All die Neurotizismen, all die psychischen Malaisen und Entstellungen sind im Kern das Ergebnis der unantastbaren sozialen Organisationsform namens Kleinfamilie. Nur wirken sie eben nicht nur innerseelisch und individuell, sondern erzeugen auch eine insgesamt verkorkste, lieblose Gesellschaft. Schon der Psychoanalytiker Erich Fromm machte diese Feststellung, knüpfte daran allerdings eine Hoffnung: Dass ein innerfamiliäres Liebesideal mit Achtung und Akzeptanz zuletzt auf die Gesellschaft zurückwirken könnte. Diese Hoffnung ist nun anscheinend verflogen. Familien sind nur mehr vermachtete Räume, biopolitische Herrschaftszonen, das Produkt patriarchaler, heteronormativer, kapitalistischer Ideologie.

Wie gesagt, der Begriff des Familienabolitionismus war mir neu, das Mindset dahinter ist es keineswegs. Spätestens seit den 70er-Jahren beschäftigt nicht nur den Feminismus die Frage, wie es mit der Familie weitergehen soll (es gibt sogar ein Buch, das genau so heißt: What is to be done about the family?). Jahrzehnte der Dekonstruktion von Geschlechterrollen und Konzepten wie Mutterliebe und nicht zuletzt eine emphatische neue Version von „kinship“, also von Verwandtschafts- und Nähebeziehungen außerhalb des familiären Nukleus, haben ihre Spuren hinterlassen. Wenn man sich heute nicht aus umweltschutztechnischen Gründen gegen Kinder entscheidet, dann deshalb, weil man das „Trauma“ nicht reproduzieren will, das einem die eigene Familie eingebildet hat.

Sophie Lewis gratuliert denjenigen Lesern, die eine glückliche Familie haben, wirft jedoch die rhetorische Frage auf: „Aber meinst du nicht, dass wir alle so viel Glück haben sollten?“ Und etwas bedeutungsschwanger, es klingt gar bedrohlich, erklärt sie, dass wir alle etwas aufgeben müssten, wenn die Welt von Grund auf erneuert werden solle. Lewis versteht sich selbst als Utopistin, die eine radikal neue Version von kollektiver Care-Arbeit aufzeigt. Wenn ich Texte wie ihren lese, befällt mich eine Art hoffnungslose Melancholie, weil ich offensichtlich zu konservativ, zu bieder bin, schlimmer noch: weil ich das überschaubare Leben in einer kleinen Familie sehr genieße. Ich stehe nur ungern auf der Seite der Verlierer eines radikalen gesellschaftlichen Wandels.

Vielleicht springe ich Lewis bereits an jenem Punkt ab, an dem sie das Glück aller in einer entfernten Zukunft verortet. Zwar sollte die Idee misstrauisch stimmen, dass man nur verheiratet, nur mit Kindern, nur in einer Familie glücklich werden könne, aber genauso sind Zweifel angebracht, wenn allein der Wechsel einer Organisationsform, das Kollektiv anstelle der Kleinfamilie, das Glück auf Dauer stellen soll – noch dazu erst in irgendeiner Zukunft. Vielleicht ist der Mensch gar nicht geschaffen für andauerndes Glück? Oder probieren wir es eine Nummer kleiner: Vielleicht bin ich für kollektive Glücksversprechen nicht allzu empfänglich.

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson

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