Strudel

New York Madame Nielsen entführt uns in eine Hölle aus violettem Velours

Bereits der erste Satz fließt und tröpfelt, mäandert und strömt ohne Punkt, dafür mit vielen Kommata über die erste Seite hinaus in das Buch, ohne Halt, nur mit kleinen Atempausen versehen, scheint kein Ende zu finden, findet schließlich doch eines, da hat er bereits unendlich viel gesagt. Jedenfalls ein Monster von einem Satz ist das, der uns hineinwirft in das New York des Jahres 1993, in dem sich ein namenloser Er zur legendären Theatertruppe The Wooster von Willem Dafoe begibt. Nur wenigen Autoren würde man solche Satzungetüme verzeihen, aber – Achtung, ein Klischee! – Madame Nielsen, 1963 in Dänemark geboren, ist eine Ausnahmeautorin, einst selbst Teil von The Wooster, der Adresse für postdramatisches Theater in den USA.

Bereits in den ersten Szenen transformiert sich New York vor den Augen des Protagonisten zu einer Bühne. Die Stadt und ihre Bewohner sind zu Klischees geronnen, die sich eifrig wiederholen. In der legendären Diskothek „Garage“ geschieht, sehr zur Verwunderung von Protagonist und Leser, nichts, oder nicht viel, oder nichts Sichtbares. „Acting“, so tun als ob, betreibt hier niemand. Oder eben die ganze Zeit über, auch in den Pausen, in denen alle ihre Rollen zu spielen wissen. Wir alle spielen Theater, schon klar, oder auch nicht. So wie Dafoe, der Jesus nicht spielt, sondern Jesus IST, und gottgleich über Wasser zu wandeln scheint, wenn er das Theater betritt.

Dort stellt sich dem Protagonisten die Frage: Was setzt Geschichten in Gang? Oder besser: Wie tritt man in die Geschichte ein? Geschichte ist natürlich ein Doppeltes: Erzählung und Historie. Während wir so einfach in die Erzählung gestoßen werden, wabert im Hintergrund ein seltsames Zeitkontinuum: Eine beinahe mythische Zwischenzeit zwischen dem (jedenfalls prognostizierten) „Ende der Geschichte“, dem Fall des Eisernen Vorhangs, und dem gewaltigen Wiedereintritt in das Reich der Geschichte mit dem 11. September 2001, dem geschichtlichen Event, das den Namen Ereignis tatsächlich verdient. An dieser Stelle ein bisschen Name Dropping: Von Hegel über Baudrillard bis Deleuze hat sich die kontinentaleuropäische Philosophietradition diesem Text eingeschrieben und konfrontiert seine Leser mit wesentlichen Fragen: In welchem Verhältnis steht das einmalige, nicht wiederholbare und schon gar nicht antizipierbare Ereignis zum Fortschreiten der Geschichte mit ihrer ewigen Wiederholung des Gleichen? Und wie lässt sich diese Frage, das Problem, sprachlich fassen?

Andy ist Bruce ist Jerry

Der Text macht diese Fragen spürbar, erlebbar. Man muss gerade nicht Hegel, Kierkegaard oder Baudrillard gelesen haben, um den Kern der Frage nahezukommen. Die Antwort wiederum entzieht sich der Sprache, nicht aber der Erzählung, denn die ist nicht nur sprachliche Logik, sondern ein Spiel mit Bildern.

Womit wir bei Andy Warhol, dem Meister der Wiederholung sind, der die Vorstellung vom auratischen Original radikal-gründlich zerstörte. Er selbst findet bei Nielsen in den dünnen, fleischlosen, wasserstoffblondierten Zwillingen Bruce und Jerry seine Wiedergänger. Sie leben an einem Nicht-Ort, einem Albtraumort, in einem Appartement wie aus einem David-Lynch-Film. Unser Namenloser tritt ein in eine Welt, die über und über mit bordeauxrotem, nein: violettem Velours ausgekleidet ist.

Jeder Schritt hinterlässt Spuren, aber der Stoff dämmt noch jeden Schrei, der aus diesen Räumen dringen könnte. Es beginnt eine Performance sondergleichen. Gastgeber Bruce – oder heißt er Jerry? – verdoppelt sich mithilfe des klassischen „Tür-auf- Tür-zu“-Tricks aus dem Theater. Plötzlich sind da also Zwillinge. Es könnte der Auftakt einer heiteren Farce sein; tatsächlich wird es sehr düster. Der Gast wird auf einem elektrischen Stuhl platziert, der sich wie magisch aus der Warhol-Reproduktion an der Zimmerwand heraus materialisiert zu haben scheint. Ein Blitz: Schon ist er ohnmächtig.

Die seltsame Performance, die sich allabendlich wiederholen wird – sie ergibt nur für die Zwillinge selbst Sinn. Oder doch nicht? In einer Serie (fast) exakter Wiederholungen jedenfalls löst sich das Geschehen langsam von jeglichem für den Leser oder den Protagonisten selbst erkennbaren Sinn und gerinnt zur reinen Form.

Es schwindelt einem beim Lesen dieses Textes, der so dicht und semantisch so überdeterminiert ist, dass er sich der einfachen Wiedergabe einer Story entzieht. Zeichen drängt sich an Zeichen, um am Ende die Frage aufzuwerfen, ob dieses Zeichengefüge nicht – ein ungeheures Simulakrum – Bedeutung nur noch vortäuscht.

Neben einer literarisierten Zeichentheorie finden sich in diesem Text aber auch allerhand Peter-Handke-Momente. Nicht nur, weil Madame Nielsen eine ausgewiesene Handke-Kennerin ist, sondern weil es keinen anderen Autor gibt, dessen Sprache so sehr zum Moment, dem Aufgehen in „ein einziges, wirbelndes Jetzt“ (Nielsen) drängt wie Handke, sollte man diese Momente so nennen. Allerdings begegnet Nielsens Namenlosem dieses auratische „Jetzt“ jenseits der Zeichen ausgerechnet beim Pizzaessen:

„Das Erlebnis, das sich anfühlte wie ein Ereignis, war so intensiv und unerwartet, dass die Welt um ihn und sogar er selbst (bis auf den Gaumen, die Lippen und den Geruchssinn) zugleich verschwand und sich in einer Gegenwärtigkeit offenbarte [...].“ Das Sublime leuchtet zwischen Spinat und Käse. Keinen besseren Grund gibt es, diesen Text zu lesen, als sich in den ungeheuren Strudel der Geschichte zu begeben, um zuletzt dem Monster persönlich zu begegnen. Einige Albträume von heiter quiekenden Zwillingen inklusive. Are you readyyy?

Info

Das Monster Madame Nielsen Kiepenheuer&Witsch 2020, 240 S., 20 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 20.01.2020
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 14/2021

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