Überforderung ja, aber bitte heimlich

Long Mutterschaft Einem anderen Wesen bedingungslose Liebe entgegenzubringen, zieht fast zwangsläufig Erschöpfung nach sich
Überforderung ja, aber bitte heimlich
Man darf als Mutter schon überfordert sein, aber man darf es sich eben nicht anmerken lassen

Foto: Scanpix/IMAGO

Falls es eine Schreckfigur der Mutterschaft gibt, dann ist es die überforderte Mutter. Dabei bedeutet Mutterschaft immer schon Überforderung, sodass wir allenfalls von einer graduellen Verschiebung auf der Skala sprechen können, die zwischen situativer Überforderung und totalem Burnout oszilliert. Die Idealvorstellung von Mutterschaft fordert nichts weniger als totale Liebe – kein Wunder also, wenn die totale Erschöpfung folgt. Bevor es Long Covid gab, gab es Long Mutterschaft. Einem Wesen bedingungslose Liebe zu spenden, das irgendwann in die Pubertät kommt, in der es uns hassen oder ignorieren wird, ist der Forderung schon genug. Auch das Kleinkindalter spart nicht mit frustrierenden Erfahrungen; nächtliche Durchfallattacken und in pollockscher Manier im Zimmer distribuierter Mageninhalt, der jede Interieur-bezogene Ambition der Mutter für immer vernichtet, sind nur zwei der vielen Überraschungen, die das Kleinkind den überforderten Eltern zu bieten hat. Interessanterweise ist es aber nicht die regelmäßig auftretende, in ihrer Wirkung für Bettwäsche und Wandverkleidung katastrophale Erkrankung eines Kindes, die wirklich überfordert.

Viel schlimmer wiegen die schwer zu behebenden, weil der Wirkmacht der Mutter enthobenen Probleme des Kindes, weil sie uns unsere Machtlosigkeit vor Augen führen. Ungünstig auch, wenn dann noch kalamitös wirkende Ereignisse hinzutreten – man denke nur an eine Pandemie. Vor diesem Hintergrund sollte es uns eher wundern, dass nicht noch mehr Mütter Überforderung beklagen. Was dem entgegensteht? Klar, das Tabu! Es gilt die Regel: Man darf als Mutter schon überfordert sein, aber man darf es sich eben nicht anmerken lassen. Im Arsenal der überforderten Mutter gibt es hierfür einige Waffen und taktische Tricks; sie reichen von der Bestechung mit einer weiteren Folge Wicki und die starken Männer bis zum heimlichen Rückzug auf das stille Örtchen, um endlich die neue Interieur-Design-Zeitschrift in Ruhe studieren zu können. Selbst Kinder müssten doch gastroenterische Bedürfnisse respektieren können (Spoiler: nein!).

Das Eingeständnis von Überforderung, möglicherweise die Annahme eines Hilfsangebotes durchs Jugendamt, erscheint umso schwieriger, je gefestigter die soziale Situation der Mutter auf Basis ihrer Klassenzugehörigkeit ist. Die bürgerliche Mutter neigt dazu, ihre Überforderung mit sich auszumachen, notfalls lieber selbst eine psychotherapeutische Beratung aufzusuchen (bisschen neurotisch ist ja irgendwie auch chic), als das Kind der Begutachtung durch außerfamiliäre Instanzen auszusetzen. Die alleinerziehende und/oder bildungsferne und/oder Arbeiterklasse-Mutter kennt viel weniger Skrupel, sie hat sich schließlich längst daran gewöhnt, dass ihre Erziehungspraxis strenger sozialer Beobachtung unterliegt.

Nachmittags-TV-Formate (wer hat um diese Uhrzeit eigentlich Zeit fürs Fernsehen?) wie Mein Kind, dein Kind sind reich an herablassenden Bemerkungen über Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder scheinbar dauerhaft überfordert sind. Nun hege ich grundlegende Zweifel an der Art der dort propagierten Erziehung auf dem Niveau einer Hundeschule (mit fester Hand und klaren Kommandos); eine Party sprengte ich einmal mit dem Satz, man könne ein Kind überhaupt gar nicht erziehen und das sei ja wohl auch nicht Ziel der Sache, woraufhin sich ein anwesender Nicht-Vater so sehr in Rage redete, dass ich fürchtete, er könne mir jeden Moment seine schlechte Erziehung beweisen. Er zimmerte mir dann doch keine. Aber ich halte daran fest: Man kann nicht erziehen. Vielleicht spricht da nur die überforderte Mutter aus mir.

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06:00 05.07.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 29/2021

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