Unsympathen

Hype Ronja von Rönne ist eine starke Stimme ihrer Generation. Die flotte Schnoddrigkeit zum Roman aufzublasen war allerdings keine ganz so gute Idee

Diese Rezension versucht ohne die Begriffe „schön“ und „jung“ auszukommen. Als Attribute für die Autorin. Nicht weil diese nicht schön oder jung wäre (schon in die Falle getappt!), sondern weil Texte über Maxim Biller oder Clemens Setz ja auch sehr gut ohne Schilderung ihrer Physiognomie auskommen. Also, man könnte viel über das Aussehen der Autorin sagen, und steckte dann eben in einer Falle, aus der der Feminismus eventuell befreien könnte. Aber auch darüber wollen wir nun nicht schreiben. Und überhaupt! Es geht hier um einen Roman!

Wir kommen, also. Das ist übrigens keine sozialistische Form des Sexualratgebers, sondern eben der Romantitel. Wer oder was kommt da? Nora und die ihr polyamorös verbundenen Freunde Leonie, Karl und Jonas samt Kleinkind, von dem niemand weiß, wer denn nun eigentlich der Vater ist, fahren ans Meer in eine kleine Hütte. Sehr schnell bricht das Arrangement aus gegenseitiger Liebhaberschaft auseinander. Dass das so schnell geschieht, liegt weniger an der Dynamik der Figurenkonstellation, als vielmehr einfach daran, dass der Text möglichst schnell zum Ende kommen will.

Anwesend und abwesend

Ronja von Rönne sagte in einem Interview, ihre Charaktere seien ihr durch und durch unsympathisch gewesen. Das merkt der Leser. Es ist nichts Schlechtes, wenn einem der eine oder andere Charakter beim Schreiben oder Lesen unangenehm ist, man kann sogar eine regelrechte Lust an der Verkommenheit, Langweiligkeit, Spießigkeit einer Figur verspüren. Mit ein bisschen mehr Psychologisierung und dank des Talents der Autorin für Komik hätte aus dem Text eine Art Gott des Gemetzels werden können: über rumgeisternde Halbgescheiterte, deren Soziologiestudium oder das Geld ihrer Eltern die nächsten fünf Jahre ihrer Existenz absichert. Erst als einer der Männer, Jonas, mit der kleinen Emma-Lou verschwindet, gewinnt die Geschichte doch an Fahrt. Plötzlich fühlen die Charaktere etwas. Sie sind hilflos, weil sie ihre Smartphones zerstört haben, können keine Polizei kontaktieren und ohne Siri-Assistentin weiß keiner, was zu unternehmen ist.

Und dann ist da noch die Geschichte der ominösen Maja, die ewig im Kopf der Erzählerin rumgeistert, die am deutlichsten anwesend ist, weil sie abwesend ist. Aber auch die Maja-Passagen wirken nicht auserzählt, nicht fertig. Dabei ist diese kleine Maja eigentlich ziemlich durchtrieben, abgründig. Man hätte ihr eine fiese Perversion andichten sollen, ein wenig mehr Sadismus. Überhaupt, möchte man dann doch anmerken, dass dem Text, der doch immerhin eine Ménage à quatre schildert, völlig der Sex fehlt. Einmal, da passiert er schon, aber eben nicht so richtig schlüpfrig. Papier kann so steril sein.

Man könnte nun sagen, dass der talentierten Autorin wohl einfach die Zeit fehlte, einen reifen Text zu schreiben. Zumal man den Eindruck hat, dass auch das Lektorat nicht allzu gründlich war. Wenn fünf Absätze auf einer Doppelseite mit „Später …“ beginnen, kann man natürlich behaupten, dass das so beabsichtigt ist. Dass die Aneinanderreihung von belanglosen Ereignissen genau so geschildert werden muss. Aber stilistisch überzeugt das nicht.

Dabei gibt es eine Ebene im Roman, die nicht enttäuscht. Die genau jene Ronja von Rönne zeigt, die man aus ihren Welt-Kolumnen kennt, oder ihren Facebook-Einträgen. Schnodderig, ironisch, cool. Womöglich ist sie damit tatsächlich die Stimme ihrer Generation (was natürlich ein bescheuertes Label ist): „Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend mache. Vielleicht markiere ich etwas mit ‚Gefällt mir‘.“ Aber vielleicht sollte man einfach gar nicht erst versuchen, diesen Stil auf Gerade-so-Romanlänge auszuwalzen, vielleicht sollte man den Mut haben, Kurz- und Kleinstgeschichten zu erzählen. Es muss doch nicht immer ein Roman sein.

Info

Wir kommen Ronja von Rönne Aufbau Verlag 2016, 208 S., 18,95 €

06:00 13.04.2016
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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