Warum wir Pegidas Schweigen zuhören sollten

Pegida Die Auseinandersetzung mit Pegida krankt an den Vorurteilen gegenüber ihren Anhängern. Warum wir ernsthaft mit Pegida reden sollten
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Warum wir Pegidas Schweigen zuhören sollten
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Als Kulturwissenschaftlerin neige ich dazu, nicht so sehr Meinung machen zu wollen, als vielmehr die Meinungsmache selbst untersuchen zu wollen. Dazu ist es bisweilen nötig, von den eigentlichen Debatten einen Schritt zurückzutreten und die Metaebene eines Diskurses zu betrachten.

In Hinblick auf Pegida scheint mir diese Metaebene besonders interessant. Zumal man, wie ich zu zeigen versuchen werde, das Phänomen Pegida besser versteht, wenn man den Diskurs über Pegida versteht.

Die Pegida-Debatte krankt an Stereotypen

Wenn ich in den letzten Wochen einen Artikel über Pegida las, begegneten mir darin im Wesentlichen drei Topoi immer wieder: Gerne wird auf die Figur des Organisators Lutz Bachmann verwiesen, der selbst vorbestraft ist, aber gegen „kriminelle Ausländer“ hetzt. Man wirft ihm, und indirekt den Pegida-Anhängern, also Bigotterie vor.

Zweitens äußern die Kommentatoren Verwunderung darüber, dass in Dresden gegen Ausländer und Muslime protestiert werde, obwohl die Zahl der Muslime und Migranten in Sachsen doch so gering sei.

Drittens wird immer wieder auf die scheinbar mangelnde Intelligenz der Pegida-Anhänger verwiesen. Man sei hier nicht gerade unter den „Hellsten“, stellt dabei so mancher Journalist fest, wenn er eine Pegida-Kundgebung – selbstverständlich mit der nötigen intellektuellen Distanz - besucht.

Nun sind alle drei vorgebrachten Topoi reizvoll. Natürlich ist es immer attraktiv, einem politischen Gegner Bigotterie vorzuwerfen. Das scheint die Pegida-Anhänger jedoch nicht sonderlich zu kümmern. Die Anhänger Pegidas gelten ja als besonders politikverdrossen; nicht zuletzt sind sie von so manchem Politiker Bigotterie durchaus gewohnt. Zu mehr als ein wenig – wenn auch berechtigtem Spott – taugt dieser Topos also nicht.

Der zweite Punkt scheint einen offenkundigen Widerspruch zu thematisieren: Dass Menschen Angst vor etwas haben, mit dem sie nicht unmittelbar konfrontiert sind – im Falle der Dresdner sind es Muslime. Man wirft den Demonstranten mit anderen Worten Paranoia vor.

Aber wir müssen nur für einen Moment darüber nachdenken, um zu erkennen, dass die Natur der Angst gerade darin besteht, aus einer als bedrohlich empfundenen Situation heraus zu entstehen. Das Stichwort ist dabei Empfinden – und nicht etwa das Erleben. Vielmehr noch: Gerade das Fehlen von Migranten und Moslems im kulturellen Zusammenleben kann die Angst vor eben diesen verstärken – weil es keine Chance gibt, den „Fremden“ in realen Alltagssituationen, die Ressentiments widerlegen könnten, zu erleben. Wer einen Nachbarn oder Kommilitonen hat, der Türke oder Ägypter ist, dem wird es schwerfallen, vor „dem Moslem“ Angst zu haben.

Der dritte, oben angesprochene Topos ist sowohl für das linke als auch für das konservative Lager reizvoll: Dem Gegner, in diesem Falle den Pegida-Anhängern, Dummheit vorzuwerfen, ist eine beliebte Diskursstrategie, weil man dem Gegner damit attestiert, nicht am Diskurs teilnehmen zu können.

Was dabei alle Seiten des politischen Spektrums vergessen: Schon die Annahme, alle Pegida-Anhänger seien dumm und ungebildet, ist letztlich nicht mehr als Ressentiment. Und genau dieses macht die intellektuelle Auseinandersetzung mit Pegida scheinbar unnötig – und unmöglich. Genau hierin besteht das Problem: Der Widerstand gegen Pegida versucht gar nicht erst, Pegida zu verstehen, weil er Pegida-Anhänger als nicht intelligibel, und vielmehr von dumpfen, diffusen Ängsten geplagt, begreift. Wer Pegida nicht versteht, kann Pegida nicht bekämpfen.


Der erste Schritt dahin – und an dieser Stelle mache ich nun doch Meinung –, die von Pegida geäußerten Ressentiments zu entkräften, wäre also: das Gespräch. Man räume Pegida und anderen vergleichbaren Bündnissen Redezeit ein. In Talkshows, in Zeitungen, im Netz. So viel wie möglich. Reden wir also nicht über Pegida – reden wir mit Pegida. Ja, sie mag dadurch durchaus noch mehr Anhänger gewinnen. Aber zugleich würde damit die Behauptung Pegidas – aber übrigens auch der AfD - entkräftet, der „Meinungsmainstream“ würde bestimmte Meinungen unterdrücken. Hören wir auf, den Pegida-Anhängern Verstand abzusprechen und sie über ihre intellektuellen Irrtümer belehren zu wollen (womit wir letztlich nur unsere moralische Überlegenheit demonstrieren möchten).

Pegida legt den Finger in die Wunde

Ich habe oben den Begriff des Meinungsmainstreams fallen lassen: Hier nun sind wir beim spannendsten Teil der Pegida-Diskussion angekommen. Egal, ob es um Ausländer, Gender-Mainstreaming, den Ukraine-Konflikt oder „Kriegstreiberei gegen Russland“ geht: Pegida und andere Gruppierungen behaupten einen Meinungsmainstream, der bestimmte Meinungen ausklammert. Viele Medienvertreter negieren diesen Umstand und weisen die Behauptung als generelle Medienschelte zurück.

Tatsächlich aber negieren sie damit einen Umstand, der zur Natur der medialen Repräsentation von Meinungen gehört und nicht verleugnet werden darf: Dass es eine Differenz gibt zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Dass es sehr wohl einen Meinungsmainstream gibt – und dass anders Meinungsbildung nicht denkbar wäre.

Diese Lücke zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung besteht, seit es Meinungsmedien gibt. Die Lücke ergibt sich erstens daraus, dass nicht jeder Meinung machen kann, aber sehr wohl jeder eine Meinung hat (und sei es eben Indifferenz gegenüber bestimmten Themen). Zweitens aber resultiert sie daraus, dass Gesellschaft diese Filter braucht – sie muss nämlich eine Grenze ziehen zwischen dem, was gesagt werden darf, und dem, was unausgesprochen bleiben muss. Und genau deshalb erscheint es uns so unheimlich, wenn die Pegida-Demonstranten schweigen: Weil sie genau jene Lücke - das Unsagbare - durch die Abwesenheit von Gesagtem markieren und hierdurch mit Bedeutung aufladen.

Meinungen verschwinden nicht, wenn sie nicht öffentlich repräsentiert werden. Sie wandern vielmehr an jene nicht-öffentlichen Orte ab, an denen sie von jeher geäußert werden durften - man denke hier nur an den Stammtisch (der letztlich auch ein Topos ist).

Der Stammtisch oder das Internetforum sind Orte, an denen man sagen darf, was man ansonsten nicht sagen dürfte. „Das muss man doch noch sagen dürfen“ ist quasi der Leitspruch des Stammtisches. Nun ist der Stammtisch der Ort des "kleinen Mannes" und mittlerweile ohnehin eher ein Anachronismus. Der Bürger aber frequentiert keinen Stammtisch. Er kann hier also buchstäblich keinen Dampf ablassen. Er benötigt andere Ventile zum konstanten Druckausgleich. Aber diese verweigern ihm Medien und Politik.

Viele Zeitungsredaktionen bemerken erstaunt, wie aggressiv der Ton vieler Leserbriefe geworden sei. Aber er ist nichts gegen Kommentare in den Foren der Zeitungen und Internetblogs. Häufig genug werden gerade in den Foren der großen Zeitungen Beiträge deswegen grundsätzlich moderiert (was immer den Anschein einer „Zensur“ erweckt) oder aber Kommentarfunktionen gänzlich abgeschafft. Dies aber bestätigt nur das Ressentiment, dass bestimmte Meinungen nicht geäußert werden dürften. Wo oder wie können extremere Meinungen dann überhaupt noch öffentlich repräsentiert werden?


Die alte Bundesrepublik kannte extreme politische Lager und mit ihnen extreme Positionen in der Zeitungslandschaft. Sowohl Politik als auch Medien (und das ist gerade keine allgemeine Medien- und Politikschelte!) müssen sich eingestehen, dass mit dem Verschwimmen von Lagern zu „der Mitte“ viele Meinungen, die im Grunde weder links- noch rechtsradikal, aber eben nicht „mittefähig“ (in unserem Verständnis von "der Mitte") sind, nicht mehr ausreichend repräsentiert werden.

Die Wahrheit ist, dass Pegida und AfD – so schmerzhaft das für „uns“ in der Mitte sein mag – einen wunden Punkt treffen. Die Wahrheit ist, dass wir besonders bürgerlichen Kreisen kein Forum bieten, bestimmte Sorgen und Ängste zu artikulieren. Im Gegenteil, wir identifizieren diese Ängste als „unbegründet“, „diffus“ oder gar phobisch – als neurotische, übersteigerte Angstform also.

Wir zwingen dadurch Menschen, die -was ihren Bildungs- und Einkommenshintergrund anbelangt - eigentlich Teil der Mitte sind, sich mit Parteien der politischen Ränder zu identifizieren, weil nur diese bestimmte Themenfelder überhaupt besetzen dürfen.

Ressentiments gegen Ausländer, Muslime – aber auch Juden - werden von Menschen der Mitte eben nicht offen geäußert, sind aber sehr wohl vorhanden. Wenn es Gruppierungen gelingt, das Ressentiment „marktfähig“ zu machen, es also von den Stammtischen auf die Straße zu holen, dann kann es - wie in Dresden - geschehen, dass zehntausende dem Aufruf zum Protest folgen.

Pediga macht sichtbar, was wir nicht sehen wollen

Ich habe oben gesagt, dass solche Meinungen, die der öffentlichen Meinung widersprechen, sehr wohl geäußert werden – jedoch im nicht-öffentlichen Rahmen. Die Tatsache, dass in Form von Pegida und anderen ähnlichen Vereinigungen Meinungen öffentlich repräsentiert werden, die die meisten Menschen der Mitte als „radikal“ einstufen würden, kann also zweierlei bedeuten: Entweder erscheinen diese Haltungen vielen Menschen als bei weitem nicht so radikal, wie sie die veröffentlichte Meinung einstuft. Eben deshalb, weil sie sich mit gängigen und akzeptierten Ressentiments gerade auch der Mittelschicht decken.

Das sollte uns Sorgen bereiten, weil sich hinter vielen dieser Ressentiments – „Ausländer sind faul“, „Moslems stellen eine Gefahr für das Zusammenleben dar“, „Flüchtlinge bringen Krankheiten ins Land“ usw. - erhebliches Aggressionspotenzial verbirgt.

Oder aber die Demonstrationen schließen die scheinbar klaffende Lücke zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung und wirken damit als Kanal für Aggressionen und Ängste – und führen auf diesem Wege zumindest zu einem „Druckabbau“. Denn, das dürfen wir nicht vergessen: Erst dadurch, dass Pegida die Straße eroberte, wurde die Masse der Menschen, die bestimmten Ressentiments zustimmt, sichtbar. Diese Menschen fühlen sich nun immerhin „gehört“ – wenn auch nicht verstanden.

Im Grunde genommen müssen wir daher dankbar sein für das Sichtbar-Werden bestimmter Meinungen, die eine Gefahr für das friedliche und tolerante Zusammenleben in diesem Land darstellen. Pegida könnte den Weg weisen zu einer nötigen öffentlichen Debatte, die über das Thema Zuwanderung weit hinausweist und vielmehr die Frage nach der wirklichen Mitte, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner bürgerlicher Meinungsvielfalt, stellt.

23:45 22.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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