Wie ein kratziger Pulli

Feminismus Hübsch unbequem: Die Mutter in der Postmoderne präsentiert sich als glückselig Überarbeitete. Warum tun wir uns das an?
Okay, beim ersten Mal kann keiner ahnen, wie sich das Muttersein anfühlen wird, aber spätestens beim zweiten Kind ist man vorbereitet
Okay, beim ersten Mal kann keiner ahnen, wie sich das Muttersein anfühlen wird, aber spätestens beim zweiten Kind ist man vorbereitet

Foto: Westend61/IMAGO

Muttersein stresst, es verlangt dir bisweilen alles ab. Das ist eine Binse. Doch war allein diese Feststellung lange etwas Besonderes, widersprach sie doch den pastelligen Weichzeichner-Bildern, die über Mutterschaft produziert wurden. Plötzlich sprach man ständig von den Lasten des Mutterseins – und konnte sich wundern, warum überhaupt jemand freiwillig Mutter wurde.

Mutterschaft erscheint prekär vor allem mit Blick auf andere Diskurse ums Frausein. Die 2000er machten die KK-Frage – wie hältst du’s mit Kind und Karriere? – zum Zentrum von Debatten. In den 2010er Jahren rückte in feministischen Debatten immer häufiger der Frauenkörper in den Fokus, die echten und imaginären Bilder, die ihn umgeben. Auch hier konnten Mutterschaftsdiskurse andocken: Man sprach über Schwangerschaftsstreifen und Kaiserschnittnarben als heroische Zeichen des Kinder-in-die-Welt-Setzens. Seit einigen Jahren ist Care-Arbeit und ihre Verteilung das große Thema. Wer wie viel davon verrichtet und zu welchem Preis, ist kein privates Problem, sondern politisch.

Ich muss gestehen, dass ich selbst in einigen Texten, und nicht nur in dieser Kolumne, über die ein oder andere Last geschrieben habe, die das Muttersein so mit sich bringt. Okay, beim ersten Mal kann keiner ahnen, wie sich das Muttersein anfühlen wird, aber spätestens beim zweiten Kind ist man vorbereitet. Wenn das Muttersein also so schrecklich ist, warum machen wir’s? Einerseits handelt es sich um einen Fall von „Klappern gehört zum Handwerk“: Für Muttis soll ein bisschen mehr herausspringen als eine selbst gebastelte Makkaroni-Kette zum Geburtstag. Beispielsweise eine faire Rente und ein bisschen soziales Ansehen, das über die Anerkennung als „Familienmanagerin“ hinausgeht.

Zweitens kommt eine ungute Dynamik ins Spiel, die sich bei allen Formen der Identitätspolitik – auch den Mutti Politics – einstellen kann: Aus Verständigung und Selbstvergewisserung wird eine therapeutische Gemeinschaft. Leid und Traumata treten in den Vordergrund. Auch in Mutter-Debatten kommen diese Aspekte nun immer häufiger vor: Gewalt unter der Geburt, „Regretting Motherhood“ (also das Bereuen der Mutterschaft), das Gefühl, nie den Anforderungen gerecht werden zu können.

Das sind fraglos wichtige Themen, noch dazu mit Tabus belegte, aber ich vermisse ein Bild von Mutterschaft, das weder weichgezeichnet naiv noch der Inbegriff von Horror ist. Gewissermaßen eine fröhliche Mutterschaft, die brutal Klischees und Erwartungen an Mütter zertrümmert, ohne sich in eine Gemeinschaft der Leidklagenden zu verwandeln.

Mareice Kaiser prägt in ihrem Buch Das Unwohlsein der modernen Mutter das schöne Bild der Mutterrolle als etwas kratzigem Pullover: Er sieht verdammt hübsch aus, aber er zwickt an allen Ecken und Enden. Man muss diesen kratzigen Pullover abstreifen, so schön er zunächst auch wirkt. Vielleicht in ein weniger hübsches, aber bequemes Sweatshirt schlüpfen. Oder anders: Ein nicht unerheblicher Teil der Last des Mutterseins hängt mit den Bildern und Vorstellungen der anderen zusammen; und die wichtigste Handlungsmacht der Mutter besteht darin, sich diese Vorstellungen der anderen nicht zwangsweise und unreflektiert überstülpen zu lassen.

Nicht zufällig übrigens spricht Kaiser von der „modernen“ Mutter. Denn deren Unbehagen ist ein Charakteristikum des Subjekts in der Moderne, besser: Post- und Postpostmoderne. Erkennt man einmal, dass das Unbehagen nicht im Muttersein, sondern in der Gegenwart wurzelt, dann kann man sie wahrhaftig mit stoischer Gelassenheit angehen. Amor Fati, äh, Mutti!

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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