Wir Frauen von der Sonnenallee

Familie Als junge Frau Kinder zu haben gilt als „Unterschichtenphänomen“. Das war nicht immer so

Neulich schaute ich mit meinem Teenagersohn zum ersten Mal seit vielen Jahren den Film Sonnenallee. Bereits eine der ersten Szenen verblüffte mich. Michi streift darin durch die Sonnenallee, eine Armada von Frauen mit Kinderwagen kommt ihm entgegen. Es sind blutjunge Frauen, eigentlich kaum älter als Michi. Michi nimmt die Mütter offensichtlich nicht als außergewöhnlich jung wahr; vielmehr fühlt er sich unter Druck gesetzt. Er ist ja Jungfrau, Single. In der Kinderwagenszene winkt eine mögliche nahe Zukunft. Die Filmszene führt klandestin zusammen, was sonst eigentlich streng getrennt wird: Mutterschaft und Sex-Appeal. Was sie dagegen ignoriert: die Verbindung von früher Mutterschaft und Klassenfrage.

Die frühe Mutterschaft ist hier kein Signifikat einer „Unterschichtenexistenz“. Die Mütter werden nicht als „asozial“ charakterisiert, wie in RTL2-Vorabendserien, sondern als regelrecht begehrenswert dargestellt. Tatsächlich brachte eine junge Mutter in der DDR niemanden auf die Palme, im Gegenteil, es handelte sich um eine allgemeine Norm, und zwar unabhängig vom Bildungsabschluss.

Meine Mutter war 22, als sie ihr erstes Kind gebar. Da hatte sie bereits eine Ausbildung abgeschlossen und stand seit einigen Jahren im Berufsleben. Meine Schwiegermutter bekam ihr erstes Kind, meinen Mann, mit 25. Da war sie „studierter Bauingenieur“ (damals war weniger Gendern) und hatte den obligatorischen Arbeitseinsatz vor dem Studium (das Verlegen von Bahnschienen im Winter) hinter sich gebracht. Keine der beiden sorgte sich darum, dass ihre Kinder ihre Karriere beeinflussen oder ihre Freiheit einschränken könnten. Man könnte ätzen, dass ein Sabbatical in Thailand oder ein Work-and-Travel-Jahr in Neuseeland irgendwie auch nicht zur Debatte stand. Jedenfalls bekam man Kinder, wenn man es wollte, und das war erstaunlich jung im Leben.

Ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich – einige Jahrzehnte später – meinen neugeborenen Sohn durch die Straßen schob und mit verächtlichen Blicken, Zischeln und noch verächtlicheren Bemerkungen wie „Kinder kriegen Kinder“ konfrontiert wurde. Ich war nämlich sehr jung, als ich meinen Sohn bekam. Gerade einmal 20.

Jetzt, fünfzehn Jahre später, markiert frühe Mutterschaft noch immer und immer wieder die Klasse, auf die negative Art. Wer jung Mutter wird, so der Volksglaube, hat keine Ausbildung, keine Perspektive (Hallo? Was natürlich schon dadurch widerlegt wird, dass ich beim Freitag gelandet bin!). Bei Menschen der „Unterschicht“, als die man junge Mütter rasch identifiziert, darf auch der Klein- und Kleinstbürger spotten und werten. Bürgerliche Kreise beschränken sich auf pikierte Blicke. Das dahinterstehende Urteil bleibt dasselbe. Der Ausbruch aus der Mütternorm von exakt 30,0 Jahren bei der Geburt des ersten Kindes wird sozial sanktioniert.

Nun kenne ich aus meiner Zeit an der Universität erstaunlich viele junge Mütter. Und ich erinnere mich an eine tschechische Dozentin, die gerne betonte, dass junge Mütter alles richtig machten. „Im Alter“ sei man immer so müde und könne Kind und Karriere nicht mehr so gut schaukeln, berichtete sie aus eigener Erfahrung. Sie war 35. Auch sie mag noch vom sozialistischen Muttermodus, den Sonnenalleefrauen, geprägt sein: Jung und knackig und selbstbewusst und eben auch zufällig Mutter – was spricht eigentlich dagegen?

Das Moment der Selbstbestimmung ist entscheidend. Junge Mutterschaft, besonders da, wo sie nicht mit Ehe oder fester Beziehung einhergeht, also Lotterleben signifiziert, durchkreuzt jede patriarchal-bürgerliche Norm. Gelebte antipatriarchale Guerilla und feministische Praxis.

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06:00 02.05.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 19/2021

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