Wir sind zu viele

Klima Verena Brunschweiger lebt kinderfrei. Das ist auch gut so, findet sie. Vor allem für den Planeten

Auf Kinder verzichten, um das Weltklima zu retten? Steile These. Obendrein vorgebracht von einer bayerischen Lehrerin! Sollte das Bundesland, wo alles irgendwie noch in Ordnung scheint, auf die falsche Bahn geraten sein? Die Thesengeberin, Verena Brunschweiger, ist überzeugte Antinatalistin und Feministin, die „kinderfrei“ statt „kinderlos“ lebt. Genau so lautete der Titel ihres Buches, in dem sie für den Verzicht auf Kinder zugunsten des Klimas plädierte. Nun hat sie ein weiteres Buch vorgelegt. Die Childfree-Rebellion ist auch eine Verteidigung: Eine Kinderhasserin und Misanthropin sei sie, so lautete der Vorwurf, und deshalb als Lehrerin ungeeignet, sogar das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus bestellte sie ein. Ein unerhörter Vorgang. Clickbait-Artikel feuerten in den Social Media den Shitstorm an. Dabei hatte sie doch nur die Welt retten wollen.

Dem neuen Buch merkt man an, wie sehr sie die Anwürfe treffen. Zugleich aber legt Brunschweiger nach. Keine Misanthropin, im Gegenteil, eine Philanthropin sei sie, schließlich gehe es ihr bei ihrem Appell für den Verzicht auf Kinder um die Erhaltung des Planeten. Wolle man den Klimawandel abwenden, reiche es nicht, auf Flugreisen zu verzichten. Die Zahl derer, die einen CO₂-Fußabdruck hinterlassen, müsse reduziert werden. Und zwar nicht dort, wo Menschen in Armut viele Kinder bekommen, sondern dort, wo der Pro-Kopf-Verbrauch von CO₂ so enorm hoch ist.

Brunschweigers Thesen sind wichtig und bedenkenswert. Sie schmerzen, weil sie sichtbar machen, dass das Kinderkriegen längst nicht nur eine Entscheidung der individuellen Lebensplanung ist, sondern Einfluss auf das Schicksal aller hat. Brunschweiger meint, dass die Antinatalisten-Bewegung in anderen Ländern vermehrt Zulauf erhält, hierzulande aber auf erbitterten Widerstand trifft. Sie führt das auf das dominante Frauen- und Mutterbild zurück. Jene Vorstellung, dass man nur dann ganz Frau sei, wenn man Kinder hat, in denen man Erfüllung finden kann. Nicht zu vergessen sei der deutsche Mutterkult der Nazis, der noch immer fortwirke und in Slogans wie „Kinder statt Inder“ auch Jahrzehnte später nachhalle.

Sabbernde Luftverpester

Trotzdem beginnen damit die Probleme. Brunschweiger zeichnet das Bild eines Landes, in dem jungen Frauen nichts Besseres einfällt, als eine mutterkreuzwürdige Kinderschar zu zeugen. Die von ihr gewünschte „abfallende demografische Kurve“ gibt es längst, setzt man die Zahlen der Jungen und Alten ins Verhältnis und rechnet man Zuwanderung heraus. Den aktuellen demografischen Daten zum Trotz, wonach die Geburtenrate seit Jahrzehnten um einen Wert von 1,5 Kindern pro Frau verharrt, und obwohl die Jahrgänge der Frauen im gebärfähigen Alter kleiner sind als vor Jahrzehnten, wird das Schreckgespenst einer von sabbernden Luftverpestern überbevölkerten Republik gezeichnet. Das klingt nun polemisch, aber genau dieses Mittels bedient sich auch Brunschweiger. Besonders da, wo es um die potenziellen Mütter geht.

Brunschweiger fordert sie auf, „kein hilfloses Opfer der pronatalistischen Propaganda“ zu sein, und suggeriert damit eine kopflose Frauenschar, die offenen Auges in ihr Unglück (und das des Planeten) rennt. Angesichts dessen erstaunt es dann, wenn die Autorin empört ist, dass viele Mütter ihr erstes Buch zum Thema negativ aufnahmen. Und das, obwohl sie individuelle Lebensentscheidungen doch gar nicht kritisieren wolle. Welche Mutter aber möchte sich gern als dümmliches Propaganda-Opfer dargestellt sehen, unfähig, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (man merkt in einer kleinen Kant-Reminiszenz, dass die Autorin Ethik-Lehrerin ist)?

Sei erst einmal ein Kind geboren, würden diese nur noch „über die neuen Wollknäuel sprechen, die der Bastelladen in der Altstadt gerade geliefert bekam“. Dass ausgerechnet eine Feministin solche Zerrbilder von Mütterlichkeit verbreitet, schmerzt. Problematisch auch: Wenn es doch ums Klima geht, warum ein breiter Exkurs über die Zufriedenheit kinderfreier Menschen? Sicher, die Autorin will das Abziehbildchen klischeeglücklicher Familien abreißen. Eine genauere Analyse der Klimadaten wäre aber sinnvoller gewesen. So beruht Brunschweigers Hauptargument auf dem Vergleich des Pro-Kopf-Ressourcenverbrauchs von Menschen in der westlichen Welt und der Subsahara-Region. Ein deutsches Kind verbraucht demnach 30-mal so viele Ressourcen wie ein Kind aus den ärmsten Weltregionen. Wäre es aber nicht sinnvoller, die Daten mit denen von Menschen aus den Schwellenländern zu vergleichen? Dort also, wo in Kürze Millionen von Menschen (glücklicherweise) in die Mittelschicht aufsteigen? Dann müsste man eben doch wieder auf die globale Bevölkerungsentwicklung schauen. Warum will Brunschweiger das nicht? Weil dann das Bild befördert würde, Inder oder Afrikaner „schnackselten“ halt einfach zu viel? Dabei muss klar sein, dass die Weltbevölkerung insgesamt schrumpfen muss. Bildung und Zugang zu Verhütungsmöglichkeiten befeuern den wirtschaftlichen Erfolg von Frauen, was wiederum ihre Kinderzahl reduzieren hilft. Das wissen wir seit Jahrzehnten. Richtig ist, dass es nicht gilt, auf andere zu zeigen. Und Brunschweiger hat ja recht, wenn sie sagt, dass Eltern sich nicht der Illusion hingeben dürfen, dass die Wahl von Biowindeln anstelle der Standardprodukte ihren kleinen Klimasünder namens „Baby“ etwas umweltfreundlicher gestalten würde.

Zugleich gilt, global wie national: Wo immer das Kinderkriegen oder der Verzicht darauf zum Gegenstand politischer Agenden wird, schwingen unheilvolle Implikationen mit. Die Aufklärung über die Zusammenhänge von Kinderkriegen und CO₂-Emission ist wichtig. Völlig unnötig dagegen ist Polemik.

Info

Die Childfree-Rebellion. Warum „zu radikal“ gerade radikal genug ist Verena Brunschweiger Büchner 2020, 148 S., 16 €

Unsere Autorin ist Mutter zweier Söhne

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 29.07.2020
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 33/2020

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