Zurück im Covid-Dilemma

Sachsen Es wiederholt sich. Wieder sitzt unsere Autorin mit ihren Kindern im Homeoffice und denkt darüber nach, ob man sie wirklich in Kita und Schule schicken sollte. Und dann ist da noch diese Frage mit der Impfung
Es sind schwierige Zeiten
Es sind schwierige Zeiten

Foto: Photothek/Imago

Als ich diese Kolumne übernahm, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass über Monate, gar Jahre eine globale Pandemie Gesellschaft und Politik beherrschen würde. Mehr als einmal habe ich darüber geschrieben, inzwischen erschöpft mich das Schreiben und Lesen über die – hier und da gelinde gesagt mangelhaft anmutenden – Maßnahmen mehr als die Pandemie selbst. Das mag nun auch wieder Ausdruck meiner Privilegien als Schreibende sein.

Zu den erschöpfenden Debatten um Corona gehört die immer noch eifrig diskutierte Frage nach Kinderimpfungen: Wer darf, muss oder kann geimpft werden? Wann gibt die STIKO, die ständige Impfkommission, eine Empfehlung bezüglich der Impfungen für Kinder unter fünf aus? Meine Facebook-Bubble erscheint bei der Diskussion der Frage wahlweise wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen oder ein Expertengremium, das jederzeit aktuelle Studiendaten zur argumentativen Absicherung vorhält.

Sind Kinder nun Pandemietreiber, Virenschleudern auf Stampfebeinchen? So manche Mutter will allein in der Frage eine Sündenbockdebatte erkennen, die politisches Versagen verschleiert: Warum über Kinderimpfungen diskutieren, wenn andernorts vorerkrankte Erwachsene aufs Boostern warten? Alle wollen ja irgendwie nur das Beste fürs Kind – und für die einen ist das die Impfung, für die anderen ein von Impfverpflichtungen und Schulschließungen unbelastetes Kinderleben. Die einen fürchten einen wachsenden politischen Druck auf die Impfkommission, die anderen eine potenziell folgenreiche Erkrankung des Kindes. Bei der Kinderimpfung werden auch die Freundinnen kritisch, die sich selbst selbstverständlich haben impfen lassen. Wenn ich die Bedenken befreundeter Mütter richtig deute, so geht es ihnen darum, ob das Impfen primär ihre Kinder schützen soll – oder doch eher die Gesellschaft. Auf einer Metaebene könnte man freilich fragen, ob es hier überhaupt einen Widerspruch gibt.

Ein weiteres Problem: Wenn es, wie es aussieht, permanente Booster-Impfungen braucht, müssten besonders Kleinkinder auf Jahre (gar lebenslang?) geimpft werden. Wäre es da nicht besser, sie die Infektion im Kleinkindalter durchmachen zu lassen? Schon mahnt der designierte Gesundheitsminister Karl Lauterbach, auch Kinder seien von Long Covid betroffen.

Als Nicht-Mediziner möchte man nun gerne mit dem Arzt des Vertrauens über die Impfung sprechen, dabei erlebe ich an dieser Adresse immer wieder eine Enttäuschung. Als ich, noch recht früh in der Pandemie, mit meinem hustenden, fiebernden Kleinkind bei unserer Kinderärztin aufschlug und fragte, ob ich nicht in einem separaten Wartezimmer warten solle – immerhin habe das Kind ja eine potenziell gefährliche, ansteckende Krankheit –, schaute man mich nur irritiert an. Bei der anschließenden Untersuchung trug die Ärztin (sie ist wirklich nett, und es ist wirklich schwer, einen Kinderarzt in Leipzig zu finden) ihre Maske mehrmals unter der Nase. Kinderimpfungen scheinen, jedenfalls in unserer Kinderarztpraxis, nicht so weit oben auf der Prioritätenliste zu stehen. Einen Impftermin für meinen Teenagersohn gibt es erst im Januar. Unterdessen explodiert die Inzidenz in meinem Heimatbundesland Sachsen, die Schulpflicht wurde bereits ausgesetzt.

Nun sitze ich frisch geboostert im Homeoffice, während meine ungeimpften Kinder Kita und Schule besuchen. Zurück ist das bereits zu Pandemiebeginn etablierte Dilemma: Wer sein Kind in Kita und Schule schickt, riskiert eine Ansteckung. Aber geschlossene Kitas und Schulen kann niemand wollen. Wohl dem, der jetzt keine Impfsorgen hat.

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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