Zwei Kapitäninnen kreuzen hart gegen den Wind

Vorbilder Carola Rackete und Megan Rapinoe stehen für eine neue Generation von Führungspersönlichkeiten
Zwei Kapitäninnen kreuzen hart gegen den Wind
Rapinoe und ihre Manninnen wollen sich nicht zu Marionetten der Politik machen lassen

Foto: Robert Cianflone/Getty Images

Frauen und Kinder zuerst! Diese Losung stammt aus einer Zeit, als es absolut ausgeschlossen war, dass eine Frau als Kapitän einem Schiff vorstand. Denn bekanntermaßen geht der Kapitän als Letzter von Bord. Wenn es nicht so ist, wie im Fall der vor Giglio gesunkenen Costa Concordia, gilt der Kapitän als ehrlos und unheroisch, obwohl Heroismus natürlich eine ziemlich schwierige Kategorie ist. Zum Kapitänsdasein gehört, jedenfalls in unserer Fantasie von der Schifffahrt von anno dazumal, ein gerüttelt Maß an Haudegentum. Eines, das sich auch unter Strafandrohung nicht davon abhalten lässt, das Richtige zu tun. Menschen zu retten, zum Beispiel. Spätestens seit Carola Rackete, Kapitänin der Sea-Watch 3, im Hafen von Lampedusa einlief, nur um kurz darauf medienwirksam verhaftet zu werden, ist dieses Haudegentum, das in weiblicher Version weit bodenständiger wirkt, in aller Munde. Auf die harte Rhetorik von Italiens Innenminister Salvini antwortete sie kürzlich im ZDF: „Ich finde es unangemessen, andere Menschen zu beleidigen. Ich arbeite gerne mit Fakten. Und abgesehen davon ist es auch so eine generelle Sache, dass man sich als Kapitänin nicht aufregen sollte.“

Eines der Bilder von Rackete (ein Knallername, keine Script Agency könnte ihn besser erfinden) zeigt sie aus leicht schräger Untersicht. Ein ungewöhnliches Bild der Kapitänin, die sonst fest in die Kamera blickt. Auf jenem Bild also erinnerte mich Carola Rackete an Maria Falconetti in ihrer Rolle als Jeanne d’Arc in dem Stummfilm Die Passion der Jungfrau von Orléans. Entrückt, erhaben. Aber genau das passt nicht zur Rolle der Kapitänin, die dem Geschehen nicht entrückt, sondern mittendrin sein muss.

Dasselbe gilt ja für den Fußball, wo dieser Tage ebenfalls eine Kapitänin von sich reden macht. Megan Rapinoe nämlich, die mit dem Team der US-Fußballfrauen den WM-Titel verteidigte, begeisterte mit einer Rede, in der sie dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und seiner Größenwahn-Ambition eine klare Absage erteilte. Die Fußballerinnen entschieden sich gemeinschaftlich gegen den Besuch des Weißen Hauses, obwohl man ihnen vermutlich ein Big-Mac-freies Menü serviert hätte. Rapinoe rechtfertigte die Entscheidung damit, dass das vermeintlich große Amerika unter dem derzeitigen Präsidenten viele Menschen, gerade auch Menschen wie sie – also all jene, die nicht weiß, männlich, hetero sind und in den richtigen Familien geboren wurden –, ausschließt. Rapinoe und ihre Manninnen wollen sich nicht zu Marionetten der Politik machen lassen und werden natürlich gerade dadurch hochpolitisch.

Frisurentechnisch hätte die Kapitänin dem Präsidenten durchaus zur Seite stehen können. Ihr zuletzt lila getöntes Haar wäre vielleicht eine Alternative zur gelbblonden Tolle des ersten Mannes im Staate. Lilaspülungen entfernen auch hartnäckigen Gelbstich, nur übertreiben sollte man es nicht, sonst droht ein Margot-Honecker-Look.

Dass die Kapitänin ihn so hat auflaufen lassen, dürfte den bisweilen cholerisch wirkenden Twitterer ganz schön aufregen, oder jedenfalls wünscht man sich das ein bisschen. Dabei gibt der Commander-in-Chief als Kapitän des irgendwie hoffnungslos ziellos durch die Weltkriegsmeere schlingernden Mega-Kreuzers USA ja auch deswegen eine so schlechte Figur ab, weil ihm das Integre, dieses handfeste Zupacken fehlt. Mit einer Seemannsmütze à la Helmut Schmidt möchte man ihn sich, Gott behüte, nun wahrlich nicht vorstellen.

Trotz hartem Gegenwind macht keiner ihrer männlichen Fußballerkollegen Rapinoe in Fragen politischer Glaubwürdigkeit so schnell etwas vor. Hart gegen den Wind kreuzen – auch das ist ja eine Fähigkeit eines guten Kapitäns.

06:00 18.07.2019
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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Marlen Hobrack
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