Die Unsichtbaren

Obdachlosigkeit Zu Besuch bei einer Notunterkunft für Frauen. Dort werden dringend mehr Plätze gebraucht
Die Unsichtbaren
Wegen ihres gepflegten Äußeren fallen obdachlose Frauen häufig gar nicht auf
Illustration: Jonas Hasselmann für der Freitag

In der ersten Nacht, als Anja ihren Freund und die gemeinsame Wohnung verlässt, weiß sie nicht, wohin. In einem Imbiss lernt sie zwei Männer kennen, die bieten ihr an, bei ihnen zu übernachten. Sie überlegt lange. „Männer sind schnell die einfachste Lösung“, sagt sie. Aber Anja entscheidet sich für den U-Bahnhof. Sie wählt eine Bank vor dem Gebäude. Dort hat sie die Mauer im Rücken und eine Überwachungskamera vor sich. „Damit mich niemand verscharren kann.“

Über zehn Jahre ist diese Nacht jetzt her. Heute schläft Anja in Evas Obdach, einer Notunterkunft für obdachlose Frauen in Berlin. Am Bahnhof Zoo, wo man viele Obdachlose sieht, riecht es nach Urin. Hier riecht es nach Duschgel. Frauen mit frisch gewaschenen Haaren laufen durch die Vierzimmerwohnung. Im Wohnzimmer stehen zwei weiße Esstische, eine Schrankwand mit Fernseher, daneben eine Lichterkette mit bunten Lampions. Die Gewöhnlichkeit des Ortes macht fast vergessen, in welch außergewöhnlicher Situation diejenigen sind, die sich hier aufhalten.

Anja ist Mitte 40. Sie sitzt am Esstisch neben dem Fenster. Ihre Augen blicken wach umher. Ihre Haut ist glatt, die Poren fein. Sie trägt ein braun-gelb geringeltes T-Shirt, das wunderbar zu ihren langen, honigfarbenen Haaren passt. Sie ist hier keine Ausnahme: Die meisten Frauen tun alles, damit man ihnen ihre Obdachlosigkeit nicht ansieht. Sie pflegen sich, verkaufen ihr Eigentum bis hin zum eigenen Körper. Das gepflegte Äußere ist ein Grund, warum die Gruppe der obdachlosen Frauen so oft übersehen wird.

Im Sommerloch

Nach einem Bewerbungscoaching hat Anja wieder einen Job ergattert, in der Buchhaltung. Damit will sie ihre Schulden abarbeiten und dann endlich eine eigene Wohnung finden. Denn solange die Schulden ihre Schufa-Auskunft ramponieren, wird sie wohl ohne bleiben. Ihr Ex-Lebensgefährte hat das gemeinsame Konto in die Miesen getrieben. Erst als er sie zusätzlich noch betrügt, verlässt sie ihn. Eine Weile bleibt sie ohne Job. Die Schulden werden größer, die Miete kann sie nicht mehr bezahlen. Sie beantragt Mietzuschuss, aber die Wohnung ist zu groß, er wird nicht bewilligt. Sie weiß, dass sie die Wohnung alleine nicht halten kann, also kündigt sie, noch bevor sie eine neue hat. Frauen lernen früh, was sozial erwünscht ist. Später sagt das Amt, sie hätte fragen müssen, ob sie umziehen könnte. „Aber ich hatte Angst vor der Räumungsklage und bin lieber gleich gegangen“, sagt Anja. „Ich dachte, eine Räumungsklage ist noch schlimmer als Schulden. Dann bekomme ich nie mehr eine Wohnung.“ Tage wie heute, wo sie von der Arbeit in die Notunterkunft kommt, will Anja bald hinter sich lassen. Trotzdem ist sie froh, hier einen Platz gefunden zu haben. Denn die sind knapp.

„Der Senat sagt, der Bedarf von Frauen ist ja nicht so hoch. Aber ich sage: Viele Frauen lassen sich auf Partnerschaften ein, nur um nicht obdachlos zu werden. Darum gibt es ein falsches Bild in der Öffentlichkeit“, sagt Anja. Frauen tun alles, um nicht auf der Straße zu schlafen. Viele gehen Zweckbeziehungen ein. Verdeckte Obdachlosigkeit nennt man das. Auch Anja kommt mal hier unter, mal dort. Wenn gar nichts mehr geht, schläft sie bei ihrer Mutter. Aber auch das ist eine ungesunde Beziehung, in die sie nicht länger fliehen möchte. Der Schlafplatz im Sechs-Bett-Zimmer bedeutet Unabhängigkeit für sie.

Einen Satz muss Sozialarbeiterin Natalie Kulik viel zu oft sagen: „Du kannst hier nicht bleiben.“ Von April bis November gibt es in ganz Berlin 30 Schlafplätze in frauenspezifischen Einrichtungen. Im Winter wird das Angebot von der Kältehilfe aufgestockt. Nun ist August. Das bedeutet, 30 Betten stehen schätzungsweise 3.000 obdachlosen Frauen gegenüber. Tendenz steigend. Wie groß der Bedarf genau ist, weiß so recht keiner. In Deutschland werden kaum Statistiken zum Thema Obdachlosigkeit erhoben. Der Berliner Senat begründet das so: „Obdachlose, die sich nicht im Hilfesystem aufhalten, sind grundsätzlich nicht zählbar.“ Ohne einen ermittelten Bedarf gibt es keine entsprechende Hilfe.

Wenn sie aus dem Fenster vor ihrem Schreibtisch blickt, schaut Natalie Kulik auf das Hotel de Rome, eines der teuersten Hotels in Berlin. Im vergangenen Winter ist die Notunterkunft hier eingezogen, im November läuft der Mietvertrag aus. Eine dauerhafte Bleibe kann der Träger nicht finden. „Wir nehmen keine Obdachlosen auf“, heißt es immer wieder von Vermietern. Mit anderen Mietern lässt sich im Zentrum Berlins mehr Geld verdienen. Aber im Zentrum ist das Hilfsangebot der Hauptstadt versammelt. Wenn die Frauen am Morgen die Unterkunft verlassen müssen, finden sie in den Suppenküchen ein Mittagessen, können in den Tageseinrichtungen ihre Wäsche waschen. Die wenigsten besitzen ein Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel. Zweimal schon hat sich Natalie Kulik gewundert, weil Frauen am Abend nicht zurück in die Unterkunft kamen. Dann klingelte das Telefon und es stellte sich heraus, dass sie im Gefängnis saßen, weil sie wiederholt schwarzgefahren waren.

Weiblich, alt, arm

Es war der 10. März, als Leonore aus ihrem Haus entführt wurde. Das weiß sie noch ganz genau. Mehrere Männer wären gekommen und hätten sie abgeholt, erklärt sie mit ruhiger Stimme auf die Frage, wie sie obdachlos geworden ist. Sie sei psychisch krank, hätten sie ihrer Tochter damals gesagt. Obwohl das nicht stimme, sagt Leonore. Ein dünner Film legt sich über ihre blauen Augen, aber sie lächelt weiter. Ihre blond-grauen Haare sind kinnlang und ihr Pony endet einen Zentimeter über der randlosen Brille. Mit ihrem Aussehen würde sie hinter jeden Schreibtisch passen. „Man hat mich ins Krankenhaus gebracht und mich für verrückt erklärt, obwohl ich das nicht bin. Und dann bin ich geflüchtet“, erzählt sie weiter.

„Viele unserer Frauen sind traumatisiert“, sagt Natalie Kulik. „Wir bewerten nicht, was sie uns erzählen. All das ist Teil ihrer Realität.“ Psychische Belastungen spielt unter Obdachlosen eine nicht unerhebliche Rolle. Das muss man so vage sagen. Denn beziffern lässt sich auch dieses Problem nicht. Was zuerst da war, das Problem mit der Wohnung oder das in der Seele, lässt sich ebenfalls nicht beantworten. Eine Notunterkunft ist kein Kurort für Menschen, in deren Leben gerade alles aus den Fugen geraten ist. „Es ist anstrengend. Man hat keine Rückzugsmöglichkeit. Die Nerven vieler Frauen hier liegen blank. Die Situation macht ja was mit einem“, sagt Anja.

Es klopft an der Tür der Sozialarbeiterin. Eine Frau fragt nach Windeln für ihre 69-jährige Bettnachbarin. Natalie Kulik steht von ihrem Schreibtischstuhl auf, ohne eine Miene zu verziehen, reicht eine Unterhose für Inkontinenz und eine Slipeinlage weiter. „Auch deswegen ist es wichtig, dass es frauengerechte Einrichtungen gibt“, sagt sie, „damit schambehaftete Themen offen angesprochen werden können.“ Ein Großteil der Frauen in Evas Obdach ist über 60. „Vielleicht ist es auch Zufall, dass in den vergangenen Monaten besonders viele ältere Frauen zu uns gekommen sind“, doch Natalie Kulik sieht es als Zeichen, dass Altersarmut ein wachsendes Problem ist. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer. Besonders im Alter sind sie armutsgefährdet. Ein Zusammenhang liegt nahe. Die Kausalitäten in diesem Feld sind schwer zu durchdringen. Die Betroffenen hätten sich selbst niemals träumen lassen, hier zu stranden.

Um neun Uhr am Morgen müssen die Bewohnerinnen das Haus verlassen, um 19 Uhr dürfen sie wiederkommen. Niemand, der ihnen in der Zwischenzeit begegnet, sieht ihnen an, dass sie nicht wissen, wo sie hingehen sollen.

Obwohl die Zahl obdachloser Frauen steigt, sind sie nicht im politischen Blickfeld. Weil sie von der Straße in fremde Wohnungen fliehen. Weil sie ihre Not unter sauberer Kleidung verbergen. Weil sie ausziehen, bevor sie jemand rausschmeißen kann. Weil sie sich nicht volllaufen lassen, sondern Schmerztabletten schlucken. Ihre Unsichtbarkeit in den Straßen und der Statistik führt dazu, dass kein Bedarf diagnostiziert wird. Ohne öffentliche Hilfe bleiben sie in Abhängigkeitsverhältnissen. „Ein einfaches Feldbett reicht ja schon“, sagt Anja, „und keine Uhrzeitbeschränkung.“ Damit man sich mal richtig ausschlafen kann. „Dann hat man auch wieder die Kraft, etwas zu verändern.“

06:00 12.09.2017

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