Russia abstrakt

Essays Die Russin Olga Martynova ist eine moderne Kosmopolitin, die auch ein Zuhause hat. Aber da lässt sie uns nur so halb rein

Diese leidige Frage „Wo kommst du her?“ Jeder kommt doch von irgendwoher. Was sagt Herkunft noch über uns aus, wenn der Wohnort zur Wahlheimat wird? Nun, genau das. Er erzählt, wofür wir uns entschieden haben. Das erklärt Olga Martynova im titelgebenden Essay ihres Bandes Über die Dummheit der Stunde. Sie erklärt, dass sie auf die Frage „Where are you from?“ lange die Antwort gab „I am from Russia“. Obwohl sie seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Dann, sie reist nach Jerusalem, lautet ihre Antwort plötzlich „I am from Germany“. Ausgerechnet hier! Ausgerechnet an diesem Ort, an dem ein Taxifahrer nicht zuerst an deutsches Bier denkt.

Warum? Darüber muss sie selbst nachdenken. Dann erklärt sie es sich so: Es hat „nichts damit zu tun, dass ich nun schon lange genug in Deutschland lebe, sondern damit, dass ich mich vor der geschichtlichen Verantwortung nicht drücken will, die ich zusammen mit der Wahl der deutschen Sprache für meine Romane auf mich genommen habe“.

Was sagt man dazu? Da reist man als Bio-Deutsche durch die Welt und ärgert sich über Nazi-Witze, weil das letzte geschichtliche Großereignis, das man bewusst miterlebte, die WM 2006 war. Nationalstaaten, historische Verantwortung, sind das nicht antiquierte Konzepte? Gehen wir heute nicht vor allem als Individuen durch die Welt? Martynovas Antwort, die sie in Jerusalem gibt, legt indessen nahe: Wenn es überhaupt Sinn machen sollte, im Kollektiv zu denken, dann so. Wir, das sind die, die eine Geschichte betroffen macht.

In Lissabon, schreibt sie in einem anderen Essay in diesem Band, kennt man ein Geheimnis: Katastrophen sollen unüberwunden bleiben. „Unsere Katastrophe von 1917 soll unüberwunden bleiben (...) Die deutsche (und nach mehr als zwanzig Jahren in einem gewissen Sinne auch ,unsere‘) Katastrophe von 1933 kann auch nicht überwunden werden.“

Olga Martynova verfasst ihre Lyrik auf Russisch, während sie ihre Prosa auf Deutsch schreibt. Warum?, werde sie immer wieder gefragt, beklagte sie, als sie 2012 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann und der Herkunftsfragen überdrüssig schien. Trotzdem bleibt auch sie für die ersten Essays im Band beim Thema. Sie war 28, als sie nach Deutschland zog. Migration und eben Herkunft – Olga Martynova schreibt über Themen, die aktueller nicht sein könnten. Sie tut es allerdings ohne Bezug zu aktuellen Debatten. Zeitlos. Im titelgebenden Essay „Über die Dummheit der Stunde“ begründet sie ihren Ansatz. Die Kunst solle sich ihre Themen nicht von der aktuellen Politik diktieren lassen. Sie zitiert einen Satz des Kunsthistorikers und Schriftstellers Carl Einstein: „Aktualität ist Kollaboration“. Die aktuellsten Bücher veralten am schnellsten, schreibt Martynova.

Martynova wohnt die meiste Zeit des Jahres in Russland, dem Land, in dem sie geboren und aufgewachsen ist. So muss sie auch nicht immer gleiche Geschichte einer Zugezogenen in Deutschland zu erzählen. Sie beschreibt, wie sich Petersburg für seine Künstler verändert hat. Man will mit am Tisch sitzen, wenn sie und ihr Mann, der Dichter Oleg Jurjew, eine Hauslesung in ihrer alten Petersburger Wohnung veranstalten. Leider lässt Martynova den Leser nicht wirklich eintreten. Vieles bleibt abstrakt.

Es bleibt bei einer Ahnung, dass dieses Petersburg der Literaten ein zauberhafter Ort sein muss, wenn sie schreibt: „Die Literatur ist in dieser Stadt ein unterirdischer Fluss geblieben. Sogar die Heizerräume sind immer noch Zuflucht für die von der kommerziellen Literatur (damals aus ideologischen, jetzt aus wirtschaftlichen Gründen) ausgeschlossenen Dichter.“ So sitzt manch ein Dichter dort seit dreißig Jahren. Der Monatslohn kommt und während der Schicht kann man schreiben, mit Freunden ein Gläschen trinken und über Poesie sprechen. Dann fällt die Tür zum Heizerraum wieder zu und ein neuer Ort kommt, bevor der eine vertraut werden konnte.

Eine russische Bildungsreise

Eine gute Stadtführung lebt davon, dass einem ein fremder Ort näher rückt, das kann nur der Ortskundige. Martynova aber bleibt oft auf Distanz. Wenn sie berichtet, wie der Glaube in Russland kurz vor Ende der Sowjetzeit en vogue wurde, dann will man fragen: Warum? Was steckt dahinter? Und kann es nicht. Dort, wo dann doch Nähe aufscheint, hängt man an ihren Lippen, als würde man einer – schwer intellektuellen – Verwandten zuhören, die unverhofft von früher erzählt. Sie gibt sogar das Familienrezept für ihr Lieblings-Ostergericht preis, für die Paskha. Wo hingegen allgemeine Beschreibungen walten, nimmt sie einen nicht mit. Ihr Entgegenkommen bleibt manchmal ein frommer Wunsch. Martynova schreibt: „In der Regel vermeide ich das nur Russland-Interessierten geläufige Wort ‚Intelligenzija‘ “ – und nutzt es doch.

Der Band ist prall gefüllt von Bezügen zu Russland, Namen russischer Autoren. Dadurch macht der Leser eine Bildungsreise. Nur: „Der ganze postsowjetische Raum“ ist für viele Westdeutsche unbekanntes Gebiet, wo doch nicht mal das Leben in der DDR zum Allgemeinwissen gehört. Und ohne den Trägerstoff Wiedererkennung lernt es sich schwer. Würden Martynovas Beobachtungen öfter für etwas Größeres stehen, könnte der Leser in der Beschreibung ihrer Welt seine wiedererkennen. Aber zu oft stehen die Beschreibungen der Straßen nicht auch für den Weg zur Wahrheit, sondern nur für Straßen.

Info

Über die Dummheit der Stunde Olga Martynova S. Fischer 2018, 304 S., 22 €

Die Bilder des Spezials

Zuerst ist da ein leeres weißes Blatt Papier mit unendlichen Möglichkeiten, bald findet sich darauf eine absurde Welt der Abstraktion. Zu sehen sind fiktive Gebäude, unendliche Tunnel, lauernde Treppen. Es gibt rätselhafte Hinweise. Nur: Nie führen diese zur Auflösung des Rätsels.

Die Illustratorin Pia-Mélissa Laroche, Jahrgang 1985, zeichnet surreale Welten. Sie will die Macht der Suggestion hinterfragen. Sie sagt: „Wie die Krypten der christlichen Kirchen oder Nabateans Gräber sind diese architektonischen Strukturen direkt in den Boden gehauen. Sie drängen sich durch Subtraktion auf, um unzerstörbar und mehr als je zuvor zu werden. Mit einer extremen Haltbarkeit trotzen die ,Hyper Residenezen‘ Zeit und Raum.“ Laroche lebt und arbeitet in Paris.

06:00 15.03.2018

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