Nachholender Popkornwiderstand

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Hitlerparodien und Naziverballhornung haben zu Recht seit Jahrzehnten kulturelle Hochkonjunktur, vor allem in den USA und England, seit etwa zehn Jahren verstärkt auch in Deutschland. Während Charlie Chaplin schon über den großen Diktator herzog, als dieser noch persönlich am Endsieg arbeitete, bekämpft man heute auf alle erdenkliche künstlerische Weise vor allem seinen überlebensgroßen Schatten, der offenbar nach wie vor unser Gefühl für deutsche und europäische Geschichte zu dominieren scheint. Ob Hirschbiegels pathetischer "Untergang", Walter Moers "Adolf, die Nazisau" oder Dani Levys halbgare "...wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler", um nur mal ein paar bekanntere Beispiele aus der neuen Heimat zu nennen, immer bleibt das unbefriedigende Gefühl zurück, die Sache sei damit noch nicht erledigt. Auch der Schoß des künstlerischen Widerstands ist fruchtbar noch. Nun also verwandelt der Chefsadist des internationalen Gegenwartskinos, Quentin Tarantino, dieses Gefühl - unter kräftiger Beteiligung deutscher Darstellerhoffnungen für eine Hollywoodkarriere - in einen trashigen Blockbuster voller fröhlicher nazimordender Juden, der in Deutschland bejubelt wird, während man sich im Rest der Welt eher verwundert die Augen reibt.
Mich interessiert nicht der Film, Tarantino soll machen, was er will und wer seine quietschend trashcoolen Gewaltphantasien mag, soll sich das reinziehen, so oft er will, da diese Phantasie ja "nur" als "ästhetischer" Spaß auf der Leinwand stattfindet. (Man muss sich dass ja, wenn man so etwas nicht mag, ebenso wenig anschauen wie Mel Gibsons "Passion Christi" oder Lars von Triers "Antichrist", um mal zwei andere filmische Gewaltphantasien ganz anderen Inhalts zu benennen. ) Ich frage mich aber, warum diese splatterblutige, kindische Rachephantasie "Inglorious Basterds" gerade heute und besonders hierzulande auf so viel Begeisterung stößt. Vielleicht geben wir uns ja mit diesem Film der heimlichen Illusion hin, es diesen blöden Nazimördern, die unsere Vergangenheit in so ein unerträglich schwarzes Loch verwandelt haben, mit dem Kauf einer Kinokarte mal so richtig geben zu können? Ahh, das tut gut... Endlich einmal Juden, die sich auch nicht besser benehmen als unsere Großväter seinerzeit! Darauf eine Tüte Popkorn.

Fragen: Warum gibt es derartige Filme heute eigentlich noch nicht über Stalin, Pol Pot oder Mao & Co? Quentin, Lars? Hm??

19:00 21.08.2009
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Geschrieben von

marsborn

Nach den Ideologien...
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meisterfalk | Community
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