Verdienter Pyrrhussieg - der Grünen

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Ein überraschendes Dilemma, aber nur auf den ersten Blick: Das beste Ergebnis der Grünen bei einer Bundestagswahl jemals erweist sich, egal wie die Zahl hinter dem Komma aussieht, als klarer Pyrrhussieg für diese Partei. Sie ist nun mehr nur noch vierte Kraft im Lande... Das könnte auch auf längere Sicht so bleiben. Auch der Einzug ins brandenburgische Parlament kann darüber nicht hinweg trösten: Angetreten mit altbekannten Parolen und altbekanntem Personal haben die Grünen trotz medial professionalisierter Wahlkampfmaschinerie keine Machtoption mehr in der Bundesrepublik des Jahres 2009.

Die einstigen Ökopaxe werden auf die hinteren Bänke verwiesen, die entscheidenden Kräft im Land sind nun endgültig andere. Die historische Mission der einstmals basisdemokratisch Bürgerbewegten ist ja auch längst erfüllt - die ökologischen und sozialen Ziele sind längst von allen anderen Parteien aufgegriffen worden und können von denen dank anderer Machtoppositionen teilweise bedeutend effektiver in reale Politik umgesetzt werden. Friedenspolitisch haben sich die Grünen schon "seit Jugoslawien" von ihrem Alleinstellungsmerkmalen getrennt, da war der in der nicht eben ruhmreichen rot-grünen Ära initiierte Afghanistan-Einsatz auch nicht mehr überraschend - außenpolitisch sind die Grünen seither entbehrlich.

Die Grünen haben seit 1990 kontinuierlich zwei entscheidende Fehler gemacht und nie korrigiert, zwei existenzielle Entwicklungen versäumt und nie nachgeholt, die nun über ihre Zukunft entscheiden:

Zum einen haben sie den Osten Deutschlands bis heute nicht verstanden und zwar vor allem, weil sie die spezifischen Probleme dieser Gebiete einfach nicht interessieren. Allenfalls als Stimmenbeschaffer für die westdeutschen Helden von gestern kommt der Osten überhaupt in den grünen Fokus, vom einstigen Partner "Bündnis 90" bleibt nur noch der Name als traurige Ruine einer verpassten Chance - die wirklich Engangierten aus dem Osten sind von den Karrieregrünen des Westens längst verjagt. Lediglich als fleißige, profilarme Ostfrau mit Sekretärinnenmentalität kann man bei den Grünen heute überhaupt noch wenigstens zeitweilig auf den entscheidenden Ebenen alibimäßig mitgestalten. Und das die erste historisch erfolgreiche Revolution in Deutschland 1989 quasi ohne Mitwirkung der Grünen von statten ging, ist vielen Möchtegernrevolutionären aus dem einstigen westdeutschen Untergrund bis heute unfassbar, ja unvorstellbar.

Zum zweiten haben die Grünen trotz aller postmoderner Oberflächen-Posen die neuen Generation nicht in ihr Projekt aufnehmen können. Die jungen Gesichter, die man in den Büros und vor allem in der Selbstdarstellung der Partei sehen kann, sind in Wirklichkeit nur ein verschwindend geringer Teil des Projekts: Die grüne Klientel ist heute in der Regl älter als 40 und eher saturiert. Und wo man sie tatsächlich gewinnen kann, da dienen die Jüngeren vor allem der Dekoration der Ideen der alternden Platzhirsche - seit 1989 hat sich das Führungspersonal der Grünen kaum verändert! Es sind mehr oder weniger die immer Gleichen, die hier seither auf den diversen Posten an der Spitze rotieren. Entstanden einst aus einem kulturellen Bruch mit der Elterngeneration macht es ihnen die ewige Rebellenpose unmöglich, nun das Zepter weiterzugeben und Raum für neue Ideen und Entwicklungen zu geben. Die Grünen sind und bleiben, die heutige Wahl führt es uns überdeutlich vor Augen, vor allem ein Generationsprojekt der westdeutschen Altachtundsechziger, die mit sich selbst und ihren einst revolutionsträchtigen Ideen so beschäftigt sind, dass sie darüber vergessen haben, ihre Partei weiterzuentwickeln und sich den neuen Realitäten (Jugend, Osten - siehe oben) zu öffen. Es bleibt zu erwarten, dass sich daran auch in den nächsten Jahren wenig ändern wird. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass mit der Generation der Grünen-Begründer auch ihr politisches Projekt in den Ruhestand verschwindet - freilich erst, wenn auch die letzten ewigjungen Grünen zur Einsicht gezwungen werden, dass sie und ihre einst sensationell neuen und notwendigen Ideen alt geworden und die Entwicklung längst schon ganz woanders ist... diese der grünen Mentalität arg zuwider laufende Einsicht wird vermutlich noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. So wird auch das Fade-out dieser Partei wohl noch einige Jahre andauern. Zeit, in der es für die notwendige Bewusstseinserweiterung dieser sympathischen Partei noch eine Chance gäbe. Wirklich notwendig ist diese Partei im gegenwärtigen Zustand der deutschen Gesellschaft jedenfalls schon jetzt nicht mehr. Die SPD, wie die Grünen derzeit in einem bösen existenziellen Dilemma, wird sich weiterentwickeln müssen und überleben, denn sie ist unentbehrlich und hat vor allem eine Generationenoffenheit und damit ein junges Millieu, dass die sozialdemokratische Fackel weitertragen kann und wird (ob mit, ob in Konkurrenz zu den derzeit mit Parolen, Gesichtern und Ideen des untergegangenen 20. Jahrhunderts reüssiernden altsozialistischen Linken). Die nachhaltigen Existenzprobleme der Grünen sind vor allem selbstgeschaffen, man verdrängt sie derzeit jedoch nach Kräften erfolgreich. Aber die wirklichen Verlierer der Bundestagswahl 2009 sind bei Lichte betrachtet - die Grünen.

20:41 27.09.2009
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Geschrieben von

marsborn

Nach den Ideologien...
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adamreichold | Community
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magnus-goeller | Community
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