Das Corona-Gefangenendilemma

Corona-Maßnahmen Die Eindämmung des Coronavirus braucht die Kooperation aller. Sich dafür auf Appelle zur freiwilligen Selbstisolation zu verlassen, ist grob fahrlässig.
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Coronabier-Picknick im Park, unnötige und disruptive Hamsterkäufe, last minute Besuche auf Einkaufsstraßen. Alles keine guten Ideen in Zeiten der Corona-Pandemie. Die Bundeskanzlerin hat daher in ihrer Fernsehansprache an die Vernunft der Bürger*innen appelliert, diese Dinge sein zu lassen.

Dieser Appell ist berechtigt und hilfreich. Ob er ausreicht, ist aber fraglich. Denn das Problem ist nicht nur, dass Menschen Risiken schlecht einschätzen können und die Situation noch nicht ernst genug nehmen. Ein anderer Effekt ist auch im Spiel: Wir befinden uns in einem Gefangenendilemma.

Das Gefangenendilemma

Damit ist nicht gemeint, dass wir zu Hause gefangen sind. Das Gefangenendilemma ist ein Gedankenexperiment der ökonomischen Spieltheorie: Zwei Gefangenen sind beschuldigt, gemeinsam ein Verbrechen begangen zu haben, und werden einzeln von der Polizei vernommen. Sie haben zwei Wahlmöglichkeiten: Sie können sich zueinander kooperativ verhalten und schweigen. Wenn beide schweigen, erhalten sie eine niedrige Strafe, da die Polizei ihnen dann nur ein weniger ernsthaftes Verbrechen nachweisen kann. Oder sie können aus der gemeinsamen Kooperation defektieren und das Verbrechen gestehen. Wenn beide gestehen, erhalten beide dafür eine hohe Strafe, wegen ihres Geständnisses aber nicht die Maximalstrafe.

Nun bedient sich die Polizei aber eines gewieften Tricks: Wenn nur ein Gefangener gesteht, kommt er als Kronzeuge straffrei davon, während der andere, der leugnet, die Höchststrafe bekommt. Das Dilemma entsteht jetzt, weil jeder Gefangene entscheiden muss, ob er schweigt oder spricht, ohne zu wissen, was der andere entscheidet.

Die Entscheidungssituation sieht aus der Perspektive eines einzelnen Gefangenen, der sich nur um sein eigenes Wohl sorgt, nun so aus: Erwartet er, dass der andere schweigen wird, ist es rational, zu gestehen, denn dann wird er mit Straffreiheit belohnt. Erwartet er, dass der andere gesteht, ist es auch rational, zu gestehen, um damit der Höchststrafe entgehen. Also ist gestehen in jedem Fall die rationale Wahl. Das gilt für den anderen Gefangenen genau so. Also werden beide Gefangenen gestehen. Sie können sich dann beglückwünschen, jeweils strategisch schlau gehandelt zu haben. Aber am Ende hat die Polizei das Lachen - denn die beste Lösung für die Gefangenen wäre ja, das beide sich in Verschwiegenheit hüllen und nichts verraten. Aber das schaffen sie trotz - oder eher wegen! - ihrer strategischen Schläue nicht.

Gefangenendilemma und Corona-Eindämmung

Was hat das mit Corona, Picknicks im Park und Hamsterkäufen zu tun? Kollektiv rational wäre, freiwillig soziale Distanzierung zu üben, und ganz normale Mengen einzukaufen. Aber aus individualrationaler Sicht ist die Lage ein Gefangenendilemma, nur eben mit sehr vielen anderen Gefangenen: Erwarte ich, dass die anderen Hamsterkäufe tätigen, sollte ich auch noch schnell auf Vorrat einkaufen, bevor mir das WC-Papier ausgeht. Erwarte ich, dass die anderen nicht hamstern, kann ich davon profitieren und mich trotzdem schon mal mit Vorräten anlegen beruhigen. Erwarte ich, dass andere zu Hause bleiben und sich sozial distanzieren, dann profitiere ich davon, dass damit die Epidemie eingedämmt wird. Ich kann dann aber “defektieren”, also als Trittbrettfahrer agieren, und einfach nicht meinen eigenen Beitrag leisten - z.B. eine Party schmeissen und mich im Park tümmeln. Machen die anderen auch nicht mit beim sozialen Distanzieren, defektieren also auch, dann ist das für uns alle sehr schlecht, aber dann scheint es schlau für mich, dann nicht als einziger Dummer allein zu Hause zu bleiben (insbesondere wenn ich mich, wie sicher so manche Partygänger - zu Unrecht! - gesundheitlich unverwundbar fühle).

Also scheint für alle individuell rational, zu defektieren, und Angela Merkels Appell an die Vernunft zu ignorieren. Aber kollektiv haben wir dann das nachsehen: Das Ergebnis, dass wir durch unsere vermeintliche Schläue, unser individualrationales Verhalten, erreichen, sind leere Regale und fortschreitende Ausbreitung des Coronavirus. Ein viel besseres Ergebnis würden wir erzielen, wenn wir alle kooperieren: uns sozial distanzieren und moderat einkaufen.

Dem Gefangenendilemma entkommen

Was können Menschen im Gefangenendilemma tun, um der Falle zu entgehen? Es gibt zwei einander ergänzende Lösungsmöglichkeiten: Erstens können wir eine kooperative, gemeinschaftliche Perspektive einnehmen. Wir denken dann nicht mehr vorrangig als Einzelne, der den eigenen Nutzen maximieren will, sondern auch als Bürger*innen, die das Gemeinwohl etwas angeht. Dann wählen wir die Handlungen, die kollektiv, wenn auch nicht individuell, das beste Ergebnis bringen: z.B. möglichst zu Hause bleiben und vernünftige Mengen einkaufen.

Diese gemeinschaftliche Einstellung können wir durch Appelle an unsere gemeinschaftliche Verantwortung, durch medial sichtbare Vorbilder, und auch durch neue Gepflogenheiten wie abendlicher Applaus für Mitarbeiter*innen in essentiellen Berufen kultivieren.

Aber es ist äußerst fraglich, ob diese weichen Maßnahmen genug sind. Ein klassischer Fall eines gesellschaftlichen Gefangenendilemmas sind öffentliche Verkehrsmittel: Ohne Kontrollen ist individuell rational, sich auf die Zahlungsbereitschaft anderer zu verlassen, und schwarz zu fahren. Aber wenn alle das tun, gibt es keinen öffentlichen Nahverkehr. Bei diesem Problem appellieren wir nun nicht einfach nur an die Vernunft der Passagiere, wir kontrollieren sie und belegen defektieren, also schwarzfahren, mit Strafen. Damit lohnt sich Defektieren dann auch aus rein individueller Sicht nicht mehr.

Wenn wir uns beim Problem des Schwarzfahrens nicht allein auf Appelle an den Gemeinsinn verlassen, so sollten wir es auch bei der Eindämmung des Coronavirus nicht dabei belassen. Genau wie beim Zugfahren braucht es zwei Dinge: Klare Regeln, und Sanktionen für das Brechen der Regeln.

Was wir von der Politik brauchen

Wir brauchen klare Regeln: Zugtickets haben einen klaren Preis, nicht nur eine Bitte, irgend einen Obolus zu bezahlen. Ebenso gibt es bei (nun erst einmal nicht mehr stattfindenden) spendenfinanzierten Konzerten oft einen empfohlenen Spendenbeitrag. Ebenso bei der Corona-Eindämmung: Wenn ich freiwillig beitragen will, sind konkrete, klare, Empfehlungen, wie denn meine Kooperation aussehen soll, extrem wichtig. Wie viel Zeit Spazieren gehen ist angemessen, so dass wir alle wenigstens ein bisschen rausgehen können, ohne öffentliche Plätze zu stark zu füllen? Was ist eine angemessene Einkaufsmenge? Hier machen wir schon zunehmend Fortschritte, aber noch konkretere Anweisungen sind nötig, siehe Verweildauer draussen. In Österreich gibt es z.B. bereits Empfehlungen, zu welchen Uhrzeiten man Supermärkte bitte nur Menschen aus Risikogruppen überlassen sollte. Durch konkrete Regeln weiss ich, wie genau verantwortliches kooperatives Handeln aussehen soll.

Wir brauchen Sanktionen: Nichts untergräbt freiwillige Kooperation effektiver als das Gefühl, dass andere nicht mitspielen. Wir wollen nicht, dass andere sich auf unseren Bemühungen ausruhen und uns ausnutzen: Wenn zu viele Menschen kostenlos Zug fahren, wollen wir nicht die Dummen sein, die das dann noch bezahlen. Wenn wir draussen andere im Park Gemeinschaft genießen sehen, werden wir ungern tagelang der gefühlt die Einzigen sein, die drinnen hocken. Daher ist es auch für freiwillig kooperierende Menschen längerfristig wichtig, dass Durchsetzung der Regelbefolgung garantiert wird, durch behördliche Kontrolle und durch Sanktionen.

In Deutschland verzichten wir auf Bundesebene derzeit noch auf klare und mit Sanktionen durchgesetzte Regeln zur Eindämmung des Coronavirus, und belassen es noch bei Appellen. Das ist so naiv, wie im Zug die Schaffnerin mit einer Spendenbox zu ersetzen. Das ist aus gutem Grund nicht das Finanzierungsmodell der Bahn, und aus noch viel besserem Grund sollten wir auch in der Coronakrise robuster agieren. Wir sollten in unserem Gefangenendilemma klug handeln und das Coronavirus nicht unsere in die Irre führende individuelle Rationalität ausnutzen lassen. Dafür braucht es Gemeinsinn und Verantwortung, aber auch klare und durchgesetzte, Regeln, wie z.B. eine Ausgangsbeschränkung. Und zwar sofort.

Judith Martens ist Philosophin an der Universität Wien und forscht zu kollektivem Handeln.

Felix Pinkert ist Philosoph an der Universität Wien und Studiengangsleiter des neuen Masterstudiengangs Philosophy & Economics.

11:42 21.03.2020
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Geschrieben von

Judith Martens, Felix Pinkert

Judith Martens und Felix Pinkert forschen an der Universität Wien zur Philosophie kollektiven Handelns.
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