And the OSCAR 2020 goes to !

Film und Kino In der Nacht von Sonntag auf Montag lieferten sich die OSCARs ein verhältnismäßig spannendes Duell mit Sturmtief Sabine und meinem Schlafdefizit.
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Kürzlich hatte ich einen kleinen Ausflug in die Karriere des verstorbenen Kirk Douglas gemacht, der nie einen OSCAR bekommen hatte und meine Prognosen bzw. Hoffnungen wieder gegeben.

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Jetzt kommt eine kurze Zusammenfassung mit Einschätzung.

Bester Nebendarsteller (best actor in a supporting role): Brad Pitt

Der OSCAR ist verdient, allerdings nicht in der Nebenrolle. Pitt´s Rolle Cliff Booth ist die zweite Hauptrolle, die fast so umfangreich ist wie Leonardo di Caprio´s Ray Dalton und er hat einen großen Handlungsverlauf als Hauptdarsteller. Die Kriterien für Haupt- und Nebenrollen sind unlogisch.

Die Animationsfilme übergehe ich; prinzipiell sehe ich Animationsfilme sehr gerne, aber hier gibt es meistens keine großen Überraschungen. In den vergangenen Jahren wurden hervorragende Anime-Werke aus Japan oder ein neuer WALACE & GROMIT-Film übergangen. Welcher Bildschirmschoner von Disney oder Pixar gewinnt, ist mir egal.

Drehbücher

Beim Original-Drehbuch tippe ich auf ein Trostpflaster mit weißer Salbe für Quentin Tarantino; es wäre sein dritter Drehbuch-OSCAR. Der OSCAR geht überraschend an den koreanischen Film PARASITE. Beim Drehbuch nach einer Vorlage tippe ich auf THE IRISHMAN. Der Goldjunge geht an den Neuseeländer Taika Waititi für die umstrittene Nazi-Satire JOJO RABBIT.

Ausstattung und Dekoration (Production design):

Ich tippe auf den Kriegsfilm 1917. Immerhin hier kann ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD für die sehr schöne und detaillverliebte Ausstattung noch einstecken.

Schauspielerin in einer Nebenrolle (actress in a supporting role):

Laura Dern in MARRIAGE STORY. Sie war vielfach als Favoritin genannt worden. Das gönne ich ihr, denn ich mag sie seit WILD AT HEART sehr gerne, hatte aber aufgrund des Netflix-Hintergrundes nicht mit ihr gerechnet. Mein Tip war Scarlet Johannson, die sowohl in einer Nebenrolle in JOJO RABBIT als auch in einer Hauptrolle in MARRIAGE STORY nominiert ist.

Eminem tritt mit einem Rap-Song an, für den er 2003 den OSCAR bekam; damals dachte er, keine Chance zu haben und war wohl gar nicht da. Oder er wollte nicht auftreten, weil er auf einige Schimpfworte verzichten sollte; das können die Experten sicher besser erklären. Darauf hätte ich verzichten können. Rap mag ich nicht.

Filmschnitt (Film editing)

Überraschend sind in der wichtigen Kategorie weder ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD noch 1917 nominiert, der so geschnitten ist, dass er aussieht wie in einer einzigen Einstellung gedreht.
Ich tippe auf den Rennfahrer-Film FORD VS. FERRARI und liege ausnahmsweise richtig; die Technik-Preise geben sie gerne an solche Filme.

Interessanterweise wird der Filmschnitt in Deutschland seit Jahrzehnten Cutting oder Cut genannt und die Spezialisten Cutter, weil man international sein und einen englischen Begriff verwenden möchte. „Cut“ heißt im Zusammenhang mit einer Filmaufnahme „abbrechen“. Der echte englischsprachige Ausdruck ist edit bzw. Editor – also vergleichbar mit einem Redakteur: auseinander Nehmen und neu Zusammensetzen. Englischsprachige Filmschaffende denken, wenn sie „Cutter“ hören, eher an die Änderungsschneiderei. Auch so kann man sich lächerlich machen.

Bildgestaltung (Cinematograpy):

Roger Deakins für 1917. Der Brite Roger Deakins war 13 mal für den OSCAR nominiert, bevor er 2018 seinen ersten Goldjungen für BLADE RUNNER 2049 bekam. 1917 ist so gefilmt, dass der Eindruck einer einzigen Einstellung entsteht. Dieser OSCAR war für mich eine klare Sache.

Visuelle Effekte: 2017

Die besten visuellen Effekte sind ja oft die visuellen Effekte, die nicht als visuelle Effekte zu erkennen sind. Also ist es durchaus berechtigt und positiv, wenn solche Filme bzw. solche Effekte belohnt werden anstatt digitaler Reizüberflutungsorgien.

International Feature Film (fremdsprachiger Film)

Es ist keine große Überraschung, dass einer der besten Filme des vergangenen Jahrzehnts die Auszeichnung bekommt: PARASITE aus Südkorea.

Original-Filmmusik (Original Score): Hildur Guðnadóttir (JOKER)

Original-Song:

Elton John für einen ROCKETMAN-Song. Hier hatte ich mit einem Song aus einem Disney-Film gerechnet; solche Songs gewinnen sehr oft.

Beste Regie

Ich hatte den Regie-Oscar endlich mal Quentin Tarantino gegönnt, hatte realistisch mit 1917 gerechnet und sogar Todd Philips (JOKER) befürchtet. Der Südkoreaner Bong Joon-ho für PARASITE verdient ihn auf jeden Fall. Allerdings bin ich sehr überrascht, dass zum zweiten mal nacheinander der Regisseur eines fremdsprachigen Films den OSCAR erhält; letztes Jahr war der Preisträger der Mexikaner Alfonso Cuaron für seinen ROMA.

Bester Schauspieler in einer Hauptrolle (best actor in a leading role)

Die meisten Experten hatten mit Joaquin Phoenix für JOKER gerechnet. Und sie sollten recht behalten. Den Film kenne ich noch nicht, da ich die meisten Comic-Filme hasse. Die Ausschnitte konnten mich nicht überzeugen und es ist eine Darbietung, die ich als OSCAR-Schrei-Rolle bezeichne. Alles und jeder im Film und besonders die betreffende Darstellung der Schauspielerin / des Schauspielers schreien mit jedem Laut und jeder Bewegung „Ich will den OSCAR“. Das gefällt mir nicht besonders. Das letzte mal konnten wir das bei Leonardo di Caprio als REVENANT erleben, was nicht seine beste Rolle war. Dieses Jahr hätten sowohl Leo als auch Brad Pitt den Hauptrollen-Oscar verdient, da beide großartige Leistungen zeigen.

Kirk Douglas hatte drei OSCAR-Nominierungen, hätte mindestens doppelt so viele verdient gehabt und bekam den OSCAR nie. Peter O´Toole wurde seit seinem Debut als LAWRENCE VON ARABIEN neun mal nominiert und bekam den OSCAR nie. Albert Finney war fünf mal nominiert (4 mal Hauptrolle und 1 mal Nebenrolle) und bekam den OSCAR nie; zuletzt war er gar nicht mehr da. Vielfach ist zu beobachten, dass Schauspieler/innen für herausragende Leistungen keinen OSCAR bekommen und bei einer späteren von zahlreichen Nominierungen den OSCAR für eine eher schwächere Rolle bekommen. Das könnte auch so gewesen sein.

Weibliche Hauptrolle (best actress in a leading role)

Renée Zellweger als JUDY (Judy Garland). Biografien mit Krankheit, Sucht, Tod und Tragik - solche Rollen liebt OSCAR und hier war ich sicher.

Bester Film

Längere Zeit hatte ich mit 1917 gerechnet, auf ONCE UPON A TIME gehofft und JOKER befürchtet. Es passiert, was noch nie passiert war, und ein nicht-englisch-sprachiger Film bekommt den OSCAR als bester Film des Jahres: PARASITE aus Süd-Korea. Ausnahmsweise gewinnt wieder einer der absolut besten Filme.

Bester Spruch

Tom Hanks berichtet über das Museum der Academy of Motion pictures arts and sciences, das zu Jahresende eröffnet werden wird und beendet seinen Vortrag mit „I AM SPARTACUS“.

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IN MEMORIAM

Sehr bewegend ist immer der Teil des Abends, an dem den Verstorbenen aus der Filmbranche gedacht wird. Neu-Superstar Billie Eilish (der nächste Bond-Song wird von ihr sein) sang dazu YESTERDAY von den Beatles. Hier wurde bemängelt, dass einige Verstorbene vergessen oder übergangen wurden. Ich persönlich fand es daneben, dass abwechselnd eine oder zwei Verstorbene auf einer Tafel gezeigt wurden; das hinterließ bei mir den Eindruck, als gäbe es Verstorbene erster und zweiter Klasse.
Für die wenige Tage davor mit 103 Jahren verstorbenen Hollywoodlegend Kirk Douglas hätten sie sich etwas mehr Mühe geben und einen eigenen Beitrag mit Filmausschnitten bringen können.

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5:30 Uhr. Ende der Veranstaltung

Bong Joon-ho wird sich jetzt feiern gehen und betrinken, wie er ungefähr drei mal ankündigte. Nach weniger als sechs Stunden Schlaf und einem überwiegend guten Jahrgang bei den OSCARs duschte ich und ging arbeiten.

Bildquelle: Filmstarts.de via Twitter

16:26 12.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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