Aus alt mach neu im Deutschen Kino – Vol.4

Film + Kino Seit Jahren verarbeiten nicht nur Hollywood ausländische Filme zu neuen Machwerken sondern auch die Deutschen. Besser werden die deutschen Versionen nicht. Teil 4
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Teil 1: hier

Teil 2: hier

Teil 3: hier

Das Original: PERFETTI CONOSCIUTI - WIE VIELE GEHEIMNISSE VERTRÄGT EINE FREUNDSCHAFT?

Italien 2016, von Paolo Genovese, mit Giuseppe Battiston, Anna Foglietta, Marco Giallini, Edoardo Leo, Valerio Mastandrea, Alba Rohrwacher, Kasia Smutniak, Benedetta Porcaroli

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Der sehr erfolgreiche italienische Film von 2016 kam erst im Oktober 2020 auf dem Deutschen Heimkinomarkt heraus und ich schaute ihn mir inzwischen an.

Drei Paare und ein einzelner Freund treffen sich zum Abendessen. Nach einer Unterhaltung über Beziehungen und Ehrlichkeit beschließen sie als Art Gesellschaftsspiel, alle Mobiltelefone auf den Tisch zu legen und jeden Anruf laut abzuspielen, jede Nachricht vorzulesen und alle Bildinhalte zu zeigen. Dabei werden verschiedene Geheimnisse von Ehebruch und kriminellen Aktivitäten bis zur verschwiegenen Homosexualität aufgedeckt. Zwischenzeitlich wird auch eine Mondfinsternis an diesem Abend bestaunt. Achtung, Spoiler: Teile des Abends stellen sich im Finale als Rollenspiel heraus, wobei nicht klar ist, wer wie viel wusste, wie viele der Telefonate inszeniert waren und wer von wem getäuscht werden sollte.
Es ist spannend, raffiniert und sehr interessant und hätte schon vor vier Jahren eine Chance im deutschen Kino verdient; im Arthouse-Kinobereich hätte durchaus ein Erfolg daraus werden können. Aber erfolgreiches Kino aus unseren europäischen Nachbarländern sind weder unseren Verleihern noch den Kinobetreibern etwas wert. Es ist ein absolutes Elend.

Es war von insgesamt 18 Neuverfilmungen zu lesen und zu hören. Die italienische Version variiert die Geschichte an manchen Stellen. Die Zahl und Art vorgetäuschter Trennungen ist im Finale der italienischen Version niedriger, aber ebenfalls irritierend. Den deutschen Machern waren solche filmischen Raffinessen entweder zu kompliziert oder sie wollten oder konnten ihr Publikum nicht überfordern und daher lieber seichte Beziehungsinhalte bringen.

Eine ausführliche Analyse der italienischen und der deutschen Neuverfilmung gibt es in Teil 3 dieser Reihe.

SPURLOS – DIE ENTFÜHRUNG DER ALICE CREED (THE DISAPPEARANCE OF ALICE CREED)

Großbritannien 2009, von J. Blakeson, mit Gemma Arterton, Martin Crompton und Eddie Marsan

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Ein älterer und ein jüngerer Mann entführen die junge Alice Creed, um Lösegeld von ihrem Vater zu erpressen. Entführung und Geiselnahme sind gut und logisch geplant. Bei einem Toilettengang kann sich Alice befreien, eine Waffe an sich bringen und ihren Entführer bedrohen, den sie nach Entfernen der Gesichtsmaske als ihren Ex-Freund erkennt. Überwiegend auf kleinstem Raum entwickelt sich ein Drei-Personen-Psychospiel mit spannenden Wendungen und Überraschungen. Alle Rollen sind sehr gut und intensiv gespielt.

Die deutsche Neuverfilmung: KIDNAPPING STELLA

Deutschland 2019, von Thomas Sieben, mit Jella Haase, Max von der Gröben und Clemens Schick

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Die Handlung ist über weite Strecke dem Original sehr ähnlich. Die großen Nachteile sind eine flachere Handlung, das Fehlen von Charaktertiefe und die ideenlose Fernsehspieloptik. Das Publikum soll auch nicht gefordert werden, so dass Vieles verbal erklärt anstatt visuell gezeigt wird. Die Darsteller*in versuchen das Beste, was ihnen im Rahmen der Möglichkeiten, des Drehbuchs und der Handlung gegeben wird; sie arbeiten mit dem Material, das sie haben und können leider nur scheitern. Besonders Jella Haase und Max von der Gröben sind tragischerweise Fehlbesetzungen, ohne etwas dafür zu können. Denn jemand entschied, die ehemaligen Schulkameraden aus der FACK-JU-GÖTE-Klasse aus Entführungsopfer und Entführer zu besetzen, was nur misslingen kann.
Scheinbar wurde der Film ursprünglich für das Kino gedreht und auch mit Filmförderung gesponsort. Dann wurde er von NETFLIX gekauft und ist seitdem dort abrufbar. Auch NETFLIX braucht Geld und verkauft viele Serien und Filme ans Fernsehen weiter; Ende August lief er auf PRO7. Kein Vergleich zum Original.

KOPS (KOPPS)

Schweden 2003, von Josef Fares, mit Fares Fares, Torkel Peterson, Göran Ragnerstam, Sissela Kyle, Eva Röse, Christian Fiedler

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In einer schwedischen Kleinstadt hat die Polizei nicht viel zu tun. Verschwundene Weidetiere sind schon spektakulär. Umstrukturierungen sollen dazu führen, dass dieses Polizeirevier aufgelöst und die Polizisten versetzt werden sollen. Die vorgesetzte Behörde schickt eine Expertin zwecks Analyse. Die Polizisten begehen nun nach und nach eigene Straftaten, um sie aufzuklären und die Notwendigkeit eines eigenen Polizeireviers zu beweisen. Mit der Zeit eskaliert die Situation und der Betrug fliegt auf. Nebenbei lässt sich die Liebe zwischen der auswärtigen Inspektorin und dem einheimischen Polizisten nicht verhindern.
Originell und mit Augenzwinkern erzählt können die KOPS überzeugen und gut unterhalten.
Hauptdarsteller Fares Fares ist gebürtiger Libanese, hatte mit diesem Film seinen Durchbruch und wurde als Partner von Carl Moerck im dänischen Dezernat Q nach Jussi Adler Olson zum europäischen Weltstar.

Die deutsche Kopie: FAKING BULLSHIT – KRIMINELLER ALS DIE POLIZEI ERLAUBT

Deutschland 2020, von Alexander Schubert, mit Erkan Acar, Adrian Topol, Susanne Schnapp, Alexander Hörbe, Sina Tkotsch und Bjarne Mädel

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Im pandemischen August 2020 lief diese deutsche Komödie sehr kurz und sehr begrenzt in den deutschen Kinos. Beim Anblick von Plakat und Trailer und bei 34°C Außentemperaturen beschloss ich, etwas Besseres zu tun zu haben. Einer der vielseitigsten Schauspieler Bjarne Mädel spielt ironischerweise einen Obdachlosen, der mit Gesetz und Polizei in Konflikt gerät. Wir kennen ihn – oder auch nicht – als Polizisten aus der sehr originellen Serie MORD MIT AUSSICHT und als TATORTREINIGER. Die üblichen unwitzigsten Darsteller*innen des deutschen Filmkomödien-Unwesens bleiben uns hier erspart. Die Sichtung werde ich noch nachholen.

ES POR TU BIEN

Spanien 2017, von Carlos Theron, mit Jose Coronado, Javier, Cámara, Roberto Álamo

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Drei Familienväter sind unzufrieden mit den Freunden ihrer Töchter und planen, sie los zu werden. Alle drei tun sich zusammen, um sich dabei gegenseitig zu unterstützen.
Der Trailer macht Laune und seit den spanischen Psychothrillern EL CUERPO - DIE LEICHE und CONTRATIEMPO – DER UNSICHTBARE GAST finde ich jeden Film mit dem spanischen Altstar Jose Coronado sehenswert. Leider ist der Film in Deutschland nicht verfügbar. Es gibt nur eine spanische Imoprt-DVD ohne Untertitel.

Die deutsche Kopie: ES IST ZU DEINEM BESTEN

Deutschland 2020, von Marc Rothemund, mit Heiner Lauterbach, Jürgen Vogel, Hilmi Sözer

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Der Trailer macht Laune zum Abschalten. Die Zeit bis zur SAT.1-Ausstrahlung werde ich ertragen können.

Sogar die Filmzeitschrift CINEMA, die normalerweise fast den Boden anbetet, auf dem Til Schweiger geht, gibt nur magere zwei von fünf Punkten.

Welche deutschen Neuverfilmungen müssen wir für die Zukunft befürchten ?

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Spanien 2017, von Vincente Villanueva, mit Oscar Martinez, Alexandra Jiminez, Paco Léon, Adrian Lastra, Nuria Herrero, Ana Rujas und Rossy de Palma

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Sechs Menschen mit unterschiedlichen Zwangsstörungen haben einen Termin in der Praxis eines bekannten Psychotherapeuten. Sie haben Waschzwang, Kontrollzwang, Zähl- und Rechenzwang sowie ein Tourette-Syndrom und weitere psychosomatische Beschwerden. Dummerweise verspätet sich der Psychotherapeut und wegen eines Computerproblems haben alle einen Termin zur gleichen Uhrzeit. Das ist alles hinreißend, sympathisch und total lustig erzählt und hingebungsvoll gespielt. Die Identität des verspäteten Psychotherapeuten ist schließlich eine Überraschung, die nicht verraten wird. Spaniens Superstar und ehemalige Almodovar-Muse Rossy de Palma ist als manische Frau mit Kontrollzwang und Perücke kaum zu erkennen.
Wer den Trailer sieht, befürchtet Heiner Lauterbach als schimpfenden Senior mit Tourette, Karoline Herfurth als hysterisch quiekende Frau mit Waschzwang, Katja Riemann als Schlüssel-verlegende Kontrollhexe und Elias M´Barek als Taxifahrer, der bei jeder Gelegenheit rechnen, zählen und Statistiken basteln muss; es wäre ein Jammer.

Auch nach dem weltweiten Erfolg des koreanischen OSCAR-Abräumers PARASYTE kommen die erfolgreichsten koreanischen Filme hier nur ins Heimkino; vereinzelte Sondervorstellungen sind schon die Ausnahhme.

In EXTREME JOB – SPICY CHICKEN POLICE (2019) versucht eine Polizeieinheit ein Drogenkartell zu stoppen. Die einzige Möglichkeit zur Annäherung ist ein Imbiss, den sie übernehmen. Mit der Marinade aus einem alten Familienrezept werden sie so erfolgreich, dass sie ihre Mission aus den Augen verlieren. Auch der gigantische Erfolg im Heimatland ist keine reguläre Kinoauswertung in Deutschland wert.

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Eine deutsche Wiederverwertung schreit nach Kommissar Til Schweiger, der seine Freunde und Kumpels und Teile seiner Verwandschaft unterbringt.

RETTET DEN ZOO (2020): Der Angestellte einer Unternehmensberatung und Anwaltskanzlei bekommt den Auftrag, einen heruntergekommenen Zoo lukrativ zu machen, um ihn an Investoren zu vermitteln, was gar nicht einfach ist, da fast alle Tiere verkauft wurden. Sie beschließen, sich Tierkostüme zu besorgen und die Tiere selbst zu spielen. Es wird ein Riesenerfolg, auch im koreanischen Kino, nicht in Deutschland.

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Es ist bereits eine Neuverfilmung von Hollywood geplant. In Deutschland ist allerdings eine Neuverfilmung von und mit dem affektiert wimmernden Matthias Schweighöfer als Unternehmensberater und seinem Kumpel Milan Peschel (KLASSENTREFFEN 1.0 + DIE HOCHZEIT) als verbittertem Ex-Zoodirektor denkbar. Für die Tierärztinnen-Rolle kann Schweighöfer seine Lebensgefährtin Ruby O. Fee unterbringen.

Mögen diese drei Albträume mögen bitte nicht wahr werden.

07:08 17.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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