Darum hasse ich AVENGERS & Co.

Film und Kino AVENGERS & Co sind Anti-Filme und Anti-Kino und verursachen eine Monokultur.
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Normalerweise schaue ich diese modernen Comic-Verfilmungen nicht im Kino. Das Geld ist mir zu schade. Der letzte MARVEL-Film, den ich bis vor Kurzem im Kino schaute, war der erste SPIDERMAN-Film von Sam Raimi; das war 2002. Mir gefallen die meisten Filme dieser Art nicht, aber das ist Geschmackssache. Ich bin auch kein Superfan, der alle mögliche Comics mit all ihren Eigenheiten und Einzelheiten bis zur letzten Nebenfigur kennen. Die MARVEL- und gelegentlichen DC-Comic-Verfilmungen schaute ich im Abo-Fernsehen. Dabei hielt ich in Unkenntnis der Materie nicht immer die genaue Reihenfolge ein, was für gelegentliche Überraschungen und Verwirrung sorgte.

AVENGERS – INFINITY WAR schaute ich Anfang des Jahres im Abo-Fernsehen und der Film war für mich visueller, akkustistischer und inhaltlicher Terror. Interessehalber wollte ich auch den Abschlussfilm AVANGERS ENDGAME sehen. Und meine Vorurteile wurden voll bestätigt.

Das ist kein Film sondern ein Anti-Film. Filmisches Erzählen, Dramaturgie und Schauspielerei werden entwertet. Das Kino als Kunstform wird entwertet. Die Handlung ist nur eine Variation einer fast immer gleichen Handlung vom Kampf einiger Guten gegen das übermächtige Böse. Die teilweise sehr guten Schauspieler*innen werden entwertet. In wie vielen Szenen sie tatsächlich miteinander spielen, kann ich nicht sagen. Ein Großteil der Szenen sind Effektszenen, in denen sie nicht mit anderen Schauspielern*innen spielen agieren und reagieren sondern mit einer grünen Wand und Sensoren; sie werden zu Impulsgeber für Sensoren und Spezialeffekte degradiert. Im Überangebot von Filmfiguren und Stars und Sternchen zähle ich alleine vier Hauptrollen-Oscar-Preisträger, die teilweise zu Statisten und Sekundenauftritten degradiert werden. Michael Douglas, William Hurt, Natalie Portman und Brie Larson. Eigentlich wunderte ich mich, Oscar-Preisträger Anthony Hopkins nicht wie einen Demenz-Kranken durch die Handlung irren zu sehen, wie er das schon in einem dieser grauenhaften TRANSFORMERS-Filme tat.

Das Kino als Kunstform wird entwertet.

Durch den gigantischen Erfolg der Marvel-Filme werden überwiegend solche Filme oder so ähnliche Filme produziert und ins Kino gebracht. In dem Multiplexer, in dem ich den Film sah, wurde er abwechselnd in fünf von acht Kinos gespielt. Das animiert dazu, bevorzugt solche Filme zu zeigen. Im Kino entsteht eine Monokultur. Sehenswert und gut gemachte Filme aus Europa, Asien oder Südamerika haben keine Chance, gezeigt zu werden. Jeder sehenswerte Film, der wegen MARVEL & Co. nicht im Kino gezeigt wird, ist zu bedauern, ist ein Verlust. Leider werden die Sehgewohnheiten des Publikums auch entpsrechend beeinflusst. Besonders junge Menschen wollen keine normalen Filme mit normaler Erzählweise sehen, weil sie sich langweilen und nur noch die digitale Reizüberflutung von Marvel, DC, Transformers oder den inflationären STAR-WARS-Nebenprodukten gewohnt sind. MARVEL & Co. sind das Glyphosat der Kinokultur.

Achtung: Spoiler

Die meisten Leser*innen werden das Machwerk bereits im Kino gesehen haben. Es ist keine Überraschung, dass die die Vernichtung der halben Bevolkerung des Universums durch Auflösung in Staub oder Asche oder Pixel rückgängig gemacht wird. Wer halbwegs aufmerksam Nachrichten hört, sieht oder liest, weiß, dass die nächsten Filme mit DOCTOR STRANGE, SPIDERMAN oder den GUARDIANS OF THE UNIVERSE entweder fertig abgedreht oder geplant sind; alle Genannten außer dem Waschbären der GUARDIANS wurden in INFINITY WARS aufgelöst. Dass die Rettung allerdings mit mehreren Zeitreisen durchgeführt wird, ist eine unglaublich einfallslose Lösung und ein filmischer und erzählerischer Offenbarungseid. Unter Marketingaspekten ist es natürlich eine unvergleichliche Genialität, die Handlungsorte früherer Marvel-Filme nochmals zu besuchen. Zeitreisen sind sehr fehleranfällig. Wir befinden uns auf vier Zeitebenen:

  1. Jetzt (2019)
  2. in fünf Jahren, wenn die Zeitreisen unternommen werden (2024)
  3. Irgendwann vor sieben oder acht Jahren, bevor Thanos die ersten Steine einsammelt (2011 / 2012) und
  4. Irgendwann in den 1970ern

Ich lasse mich von Kennern*innen gerne eines Besseren belehren, bemerke und kommentiere aber folgende Situationen, die ich als unlogisch bzw. als Anschlussfehler beurteile.

Captain America begegnet sich selbst in der jüngeren Version. Der Jüngere hält den Älteren für einen Anderen und beide prügeln sich und stürzen mehrere Stockwerke in die Tiefe. Das hat keine Auswirkungen. Thanos Tochter, die Cyborgerin Nebula oder so ähnlich, begegnet sich selbst in der jüngeren Version. Die Jüngere ist noch treue Anhängerin ihres Vaters Thanos, die Ältere kämpft zusammen mit den Avengers gegen ihren Vater Thanos. Im Verlauf dieses Zeitreisen-Durcheinanders erschießt die Eine die Andere. Soweit ich es verstand, erschießt die Gute - die Spätere – die Böse – also die Frühere. Also erschießt sie sich selbst und müsste demnach als spätere und ältere Tochter selbst tot sein. Es passiert nichts. Wenn Thanos mit seinen Truppen zum finalen Gefecht anreist, ist das doch im Jahr 2024, nach Beendigung des Zeitreisen-Durcheinanders – oder irre ich mich? Das wäre dann etwa fünf Jahre, nachdem er selbst geköpft wurde. Schließlich beseitigt Captain America alle Infinity-Steine durch eine finale Zeitreise in die 40er Jahre und beschließt, bei seiner damaligen Freundin zu bleiben, ein normales Leben mit ihr zu führen und als alter Knacker ins Jahr 2024 zurück zu kehren. Dass er zwischen seinem ersten Filmauftritt 2011 und seiner Zeitreise von 2024 in die 40er Jahre körperlich um 13 Jahre alterte, scheint niemandem in den guten alten Zeiten aufgefallen zu sein. Das ist alles so schlampig entwickelt und erzählt, dass es einfach nur noch weht tut.

AVENGERS ENDGAME (Trailer)

Eingebetteter Medieninhalt

Die Filmanalyse: Warum MARVEL-Filme eine Plage sind

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20:30 16.05.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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