Die besten Filme des Jahrzehnts: Vol. 1

Film und Kino Die Plätze 10 bis 6
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das Jahrzehnt neigt sich dem Ende zu und es ist zeit für einen persönlichen und subjektiven Rückblick auf die filmischen Höhepunkte und Tiefpunkte.

10. ROMA

Mexico 2018, von Alfonso Cuaron, mit Yalitza Aparicio, Marina de Tavira, Daniela Demisa, Diego Autrey, Carlos Peralta

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Die junge indigene Cleo arbeitet als Kindermädchen und Haushälterin bei einem Ehepaar mit vier Kindern im titelgebenden Stadtteil Roma; das Verhältnis ist vertraulich und familiär. Cleo wird von ihrem Freund schwanger, der sie darauf hin verlässt. Auch die Familienmutter Sofia muss damit zurechtkommen, dass ihr Mann sie verlässt. Und in Mexico-Stadt eskalieren Studentenproteste.

Der erfahrende Hollywood-Mexikaner Cuaron (HARRY POTTER 3, GRAVITY) kehrte für sein intensives Schwarz-weiß-Drama in sein Heimatland zurück und schuf ein Meisterwerk. Der Film wurde nach dem Filmfestival in Venedig von NETFLIX aufgekauft, weil kein Verleih den Film in die Kinos bringen wollte. Der NETFLIX-Aspekt sorgte für eine größere Aufmerksamkeit und eine kurze Kinoauswertung mit beachtlichen Zuschauerzahlen, die es sonst eher nicht gegeben hätte.

9. PARASITE (Gisaengchung 기생충)

Südkorea 2018, von Bong Joohn-ho, mit Song Kang-ho, Lee Sun-kyun, Jo Yeo-jeong, Jang Hye-jin, Park So-dam, Choi Woo-shik

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Die vierköpfige Familie Kim, die als arme Tagelöhner in einer stinkigen Kellerwohnung haust, schleimt sich der Reihe nach als Fremdsprachenlehrer, Kunstlehrerin, Fahrer und Haushälterin bei der reichen Familie Park in deren Luxusvilla ein. Dazu werden der bisherige Chauffeur und die bisherige Haushälterin mit wirklich üblen Verleumdungen aus der Familie und aus dem Haus verdrängt. Die ehemalige Haushälterin kommt zwischenzeitlich zurück und wir entdecken ein kurioses Geheimnis von ihr im Keller, was aber hier nicht verraten wird – nur dass ein früheres traumatisches Erlebnis des Park-Sohnes damit zu tun hat, das nun durch Kunsttherapie kuriert werden soll. Durch die zurück kehrende Ex-Haushälterin und ihr Geheimnis eskaliert die Situation im Haus bei einem Familienfest.
Sehr viel in diesem Film funktioniert über die grandiose Ausstattung und Architektur der Häuser und durch die Vermittlung von Gerüchen. Familie Kim wird den Geruch von Armut, Entbehrung und Verwahrlosung nicht los und wird darüber von den reichen Parks kategorisiert und vorurteilsvoll behandelt. Extrem gelungen ist auch die Montage, die den Unterschied zwischen Luxusproblemen und existentiellem Mangel veranschaulicht: Während eines Wolkenbruchs muss Familie Park einen Campingausflug abbrechen, bevor die Kims in ihre Unterstadt-Siedlung zurückkehren und die überflutete Wohnung vorfinden. Während ein Park-Kind in die Toillette kotzt, sehen wir bei den Kims in der nächsten Einstellung das Abwasser aus der Kloschüssen fließen. Während Frau Park sich in ihrem begehbaren Kleiderschrank nicht für ein geeignetes Kleid für die bevorstehende Gartenparty entscheiden kann, sehen wir in der nächsten Einstellung, wie sich die armen Überschwemmungsopfer in der Notunterkunft um zu wenig Kleidung streiten.
Die Grenzen zwischen Parasit und Wirtstier sind nicht eindeutig. Die abgehobene Familie Park nimmt gerne die Dienste von Hausangestellten in Anspruch und nutzt sie auch gerne aus. Familie Kim dringt durch Betrügereien und Verleumdung in das Leben der Parks ein und verdrängt zwei Vorgänger. Die wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen im modernen Kapitalismus und die daraus resultierende Konkurrenzsituation werden sehr gut analysiert und dargestellt. Dabei ist der Film gleichzeitig Sozialstudie, Tragödie, Komödie und makaberer Psychothriller und sehr unterhaltsam.

Tut mir leid, Quentin Tarrantino, aber ONCE UPON A TIME flog dafür aus der TOP 10.

8. BOYHOOD

USA 2002 – 2013, von Richard Linklater, mit Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Lorelei Linklater, Ethan Hawke, Marco Perella, Brad Hawkins, Zoe Graham

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Wir nehmen über die Dauer von zwölf Jahren an kurzen Episoden im Leben von Mason, Samantha und ihren getrennt lebenden Eltern teil. Wir erleben gescheiterte Ehen und Beziehungen, das Kennen Lernen und Trennen von Freunden, die Wege durch Kindheit, Jugend, Pubertät und Schule. Wir erleben die Flucht vor dem cholerischen und alkoholkranken Stiefvater, diverse berufsbedingte Umzüge, peinliche Jungs-Gespräche über den ersten echten oder angeblichen Sex, den ersten Suff, die erste Liebe mit späterer Trennung. Interessante Nebenfiguren, von denen wir gerne mehr erfahren hätten, kommen und gehen, weil sie aus der Handlung ausscheiden, oder vielleicht auch, weil die Darsteller/innen nicht mehr zur Verfügung standen.
Das ist alles ganz unspektakulär und normal und wie aus dem richtigen Leben. Das Besondere ist, dass Richard Linklater nicht seine Darstellerinnen und Darsteller auf alt oder jung schminken ließ und auch seine Kinder- und Jugenddarsteller nicht auswechselte sondern sich tatsächlich zwischen 2002 und 2013 jedes Jahr mehrfach einige Tage oder Wochen mit seiner Filmfamilie traf, um einzelne Episoden zu drehen. Wir sehen unsere Filmfamilie natürlich altern und erleben den jungen Mason im Alter zwischen 6 und 18 und seine Schwester Samantha als 8 bis 20jährige. Dabei sind die Übergänge und Sprünge gar nicht auf Anhieb zu erkennen. Wir bemerken sie erst durch die längeren Haare oder Samantha´s geänderte Haarfarbe oder Mason hat plötzlich Ohrstecker. Und die Dialoge sind einfach großartig.
Hier wird trotz der tollen Eltern-Darsteller alles von den beiden Kindern und Jugendlichen Ellar Coltraine und Lorelei Linklater getragen. Beide waren absolute Naturtalente und Glücksgriffe. Und Regisseur Richard Linklater´s Tochter Lorelei ist das 180%ige Gegenteil von Til Schweigers untalentierten Töchtern. Der Film war ein finanzielles und logistisches Höchstrisiko. Wenn ein Mitglied der Filmfamilie durch berufliche Entscheidung, Streit, Krankheit oder Tod ausgefallen wäre, hätten die Dreharbeiten ergebnislos aufgegeben werden können.
Und wenn Mason dann später auf das College geht, bekommt seine Mutter in der mittlerweile kleinsten Wohnung einen Heulanfall, weil sie nach drei gescheiterten Ehen und Beziehungen ganz alleine bleibt und als nächstes nur noch ihre Beerdigung kommen werde. Bei einem Wanderausflug am Anfang der Collegezeit endet der Film. Und auch wir möchten Mason eigentlich nicht los lassen sondern ihn bei uns behalten und weiter an seinem Leben teilhaben.
Einzigartig.

7. BLACKKKLANSMAN

USA 2018, von Spike Lee, mit David John Washington, Adam Driver, Laura Harrier, Topher Grace und Harry Belafonte

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In BLACKKKLANSMEN infiltrieren ein afroamerikanischer und ein jüdischer Polizist den Ku-Klux-Klan. Der afroamerikanische Polizist, der das damals in den 70er Jahren erlebte, schrieb ein Tatsachenbuch darüber, nachdem die Ermittlung auf Veranlassung höchster politischer Kräfte eingestellt wurden, und Spike Lee verfilmte das. Und er geht dahin, wo es weh tut, und konfrontiert uns direkt mit Alltagsrassismus in allen Lebenssituationen und sogar bei der Polizei: "Nigger, bring mir mal die Ermittlungsakte Soundso ..." Dabei wechselt er zwischen trockenem Humor, Stilmitteln des Blaxploitationkinos und Entsetzen, was sehr gut funktioniert und wirklich fesselt. Wenn am Schluss alles gut auszugehen scheint und wir eigentlich mehr oder weniger zufrieden das Kino verlassen könnten, zieht uns Spike Lee noch mal herunter und zeigt Nachrichtenaufnahmen von einem echten Autoattentat auf eine Gruppe schwarzer Demonstranten von 2017.
Für diese Erzählweise wäre für mich Spike Lee ein würdiger Oscar-Preisträger als Regisseur gewesen. Einer der Höhepunkt des Films ist eine Parallelmontage zwischen einer Filmvorführung von David W. Griffith´s fragwürdigem Filmklassiker BIRTH OF A NATION beim Ku-Klux-Klan und der Erzählung eines alten Afroamerikaners über den grauenhaftem Lynchmord an seinem 17jährigen Freund - Gaststar ist der Mittneunziger Harry Belafonte. David W. Griffith war der Erfinder der Parallelmontage und wechselte hier zum ersten mal zwischen verschiedenen Szenen und schuf sehr verachtenswerte Zusammenhänge zwischen angeblichen schwarzen Verbrechen und der Lynchjustiz an den Verdächtigen. Diese Szenenabfolge wird in der Parallelmontage von Spike Lee gezeigt; er kritisiert also die Erzählweise des Films und die Folgen und nutzt dabei die Stilmittel des David W. Griffith. Das ist so brilliant, dass es dafür den Oscar für die beste Filmmontage hätte geben müssen. Parallel bringt Spike Lee die Floskel "America first" durch den Ku-Klux-Klan sowie eine Liebesgeschichte und die Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung ein. Der Mut und auch der Zorn des Spike Lee hätten für die erbrachte Leistung und auch wegen der aktuellen politischen Situation mit den Oscars für die beste Regie und den besten Film des Jahres belohnt werden müssen. Es blieb beim Oscar für das beste Drehbuch nach einer Vorlage, während als bester Film der viel schwächere GREEN BOOK ausgezeichnet wurde.

6. DER NACHTMAHR

Deutschland 2016, von Achim Bornhak („Akiz“), mit Carolyn Genzkow, Julia Jenkins, Arnd Klawitter, Wilson Gonzales Ochsenknecht

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Tina ist 17 Jahre alt und hat scheinbar alles, was sich ein Mädchen in ihrem Alter wünschen kann. Doch nach einer Party beginnt plötzlich der Albtraum: Nacht für Nacht wird sie von einem abgrundtief hässlichen Wesen heimgesucht. Ihre Eltern glauben ihr nicht. Der Einzige, mit dem sie über ihre Ängste spricht, ist ihr Psychiater. Er rät ihr, Kontakt mit diesem seltsamen Wesen aufzunehmen. Zunächst weigert sich Tina, doch als sie merkt, dass ihre Eltern sie in eine Klinik einweisen wollen, überwindet sie ihre Angst und geht auf das Wesen zu. Zu ihrer Überraschung stellt sie fest, dass das Wesen die gleichen Gefühle und Empfindungen spürt wie sie selbst. Aus Angst, im Freundeskreis und in der Familie als Freak zu gelten, versteckt sie das Wesen in ihrem Zimmer. Mit der Zeit entsteht ein zutrauliches Verhältnis zwischen den beiden. Im Umgang mit ihm scheint Tinas wahres Ich durch. Doch dann sehen ihre Eltern und schließlich auch ihre Freunde dieses Wesen mit eigenen Augen. (Inhaltsangabe: Filmportal.de)

Der grelle, subtile und verstörende Psychohorror war für mich die Überraschung des Jahres. Filmisch, erzählerisch und darstellerisch ist er absolut überzeugend, wobei die Hauptdarstellerin Carolyn Genzkow als zerbrechliche und psychisch labile 17jährige bei den Dreharbeiten bereits ungefähr 23 Jahre alt war. Wir wissen lange Zeit nicht, ob das Monster die Ausgeburt einer psychischen Erkrankung oder eine echte Heimsuchung ist, was die Handlung sehr spannend macht.
Eher daneben finde ich die offizielle Altersfreigabe ab 12 Jahren; für Zwölfjährige halte ich den Film nicht geeignet.
DER NACHTMAHR wurde ohne Filmförderung und ohne Fernsehbeteiligung produziert, lief erfolgreich auf diversen europäischen Filmfestivals und niemand wollte den Film in die Kinos bringen. Der Film lief dann mit bescheidenem Erfolg in örtlichen Programmkinos, aber dann ganz gut auf DVD.

04:56 20.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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