Filmfestivals für Poser: die Internationalen Hofer Filmtage 2011 (1)

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Es ist nicht einfach, einen Einstieg in den Kosmos der Hofer Filmtage zu finden. Mein erstes Filmfestival war in Hof. Und die Hofer Filmtage sind das einzige Festival, dass ich regelmäßig mit einem sehr guten Freund besuche.

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Auszubildende Anfang 20 waren wir, als wir von einem Filmfestival im bayerisch-sächsischen Grenzgebiet lasen. Wir fuhren hin im Herbst 1988, ohne genau zu wissen, ob das Festival überhaupt stattfindet oder wo. Wenig Geld hatten wir – zu wenig für ein Hotel, also nahmen wir ein Zelt mit. Da uns die Polizei das Zelten verbot, nächtigte Harald in einer Betonkrabbelröhre auf einem Spielplatz, ich in meinem alten Ford Fiesta. Ein echtes Abenteuer war das noch.

1989 und 1990 kam etwas dazwischen und wir blieben Hof fern, bevor wir es ab 1991 über zehn Jahre regelmäßig wagten. Drei Jahre nächtigten wir noch gemeinsam im Fahrzeug – mittlerweile im gebrauchten Fiat Panda – ZU ZWEIT im Fiat Panda. Das zum Schlafplatz umfunktionierte Vehikel war dann nachts auf dem Parkplatz der Hofer Freiheitshalle abgestellt. Aber in einem Jahr ging es nur begrenzt, da Thomas Gottschalk zu “Wetten dass” in die Hofer Freiheitshalle einlud – das einzige nennenswerte Kulturangebot neben den Hofer Filmtagen. Zur Zeit wird die Halle aufwändig saniert und umgebaut.

Wir hatten keine Wasch- oder Duschgelegenheiten und stanken wie mancher Obdachlose, nachdem wir mitten in der Nacht zum Schlafen kamen, um 7:00 Uhr am Morgen aufstanden, um nach Karten anzustehen.

Zwischenzeitlich verdienten wir das erste Geld und suchten eine preiswerte Unterkunft. Eine Pension im Osten von Hof wurde von einer alten Oma betrieben, die damit überfordert war. Das Haus befand sich im Umbau, der während unserer Jahre dort nie abgeschlossen wurde, und so lagerten abmontierte Deckenlampen auf Sofas und offene Wände warteten auf neuen Putz. Unsauber war es. In den Betten fanden wir fremde Schamhaare und dunkle undefinierbare Flecken, die wahrscheinlich Kaffee waren, aber nach etwas Anderem aussahen. Aber das Doppelbett kostete nur DM 40,00 für die Übernachtung mit Frühstück.
In den nächsten Jahren wechselten wir dann insgesamt zwei mal dauerhaft das Domizil. Wirklich gemütlich war es nirgendwo. Die beiden Pensionen haben den Vorteil der teilweise unmittelbaren Nähe zu den Abspielstätten; es ist dann im fortgeschrittenen Alter möglich, bei uninteressanten Filmen oder kartenlosem Status ein Nachmittagsschläfchen einzuschieben. Was uns dann jeweils wieder zum Ortswechsel animierte, war im ersten Fall eine schimpfende Zimmerwirtin, die wir nach unverhältnismäßig langer Fahrt durch Stau um 23:00 Uhr aus dem Bett klingeln mussen, obwohl sowohl im Hotel- und Gaststättenverzeichnis der Stadt Hof als auch am Eingangsschild stand, die Rezeption sei bis 23:30 besetzt.

Die Duschen gaben nur mit Glück und Mühe warmes Wasser ab. Harald sorge durch ein Versehen dafür, dass in einem Jahr die Dusche nicht richtig abgedreht war und das Wasser bis auf den Flur floss. Der Ärger der Zimmerwirtin war hier nachvollziehbar. Im nächsten Jahr wollten wir nicht wieder auftauchen wie die Bittsteller. Außerdem wurde das Haus – nicht wegen des Wasserschadens – renoviert und wir zogen um zu einem Wirt, bei dem wir uns immer fühlten als wolle er uns übers Ohr hauen. Bei Buchungen, die sich nicht über die gesamte Dauer der Hofer Filmtage zogen, berechnete er uns jeweils eine zusätzliche Nacht als Filmtage-Zuschlag. Dann mussten wir öfter feststellen, dass die Pension nicht voll mit Filmtagebesuchern ausbebucht war sondern teilweise mit Bauarbeitertrupps ergänzt war, die dort auf dem Weg in oder von der Tschechichen Republik waren. So hausten wir dort zum letzten mal 2004; seitdem waren wir nicht mehr gemeinsam in Hof – erst wieder 2009 und dieses Jahr.Vor den Filmen und dem Drumherum verliere ich noch einige Zeilen über die Organisation der Hofer Filmtage, die bei allem Wohlwollen nicht wirklich professionell ist. So wir die Internetseite kaum gepflegt. Erst am Wochenende vor Festivalbeginn waren Spielplan und Filmbeschreibungen online. Wer von außerhalb anreist, ist sehr unflexibel in Anreise und Planung. Vorbestellungen im Internet sind utopisch und werden von niemandem erwartet, da dieses Stadium des Dillentantismus irgendwie zum gewissen Charme dazu gehört.

Nun werden aber immer noch Karten verkauft, auf denen nur eine Filmnummer, der Wochentag und das Kino stehen – kein Filmtitel, keine Uhrzeit. Das alles änderte sich nicht seit unseren Anfängen. Lediglich ein Umbau des Central-Kinocenters in den späten 90er Jahren vom altmodischen und gemütlichen Kuschelkino im 70er-Jahre-Stil zum modernen sterilen Multiplex führte dazu, dass der Kartenverkauf von einem Kartenhäuschen im Eingangsbereich in einen Mehrzweck-Container in der Fußgängerzone verlegt wurde, wo die Schlangen der Kinogänger seitdem ungeschützt Wind und Wetter ausgesetzt sind. Oft sind Vorstellungen offiziell ausverkauft, weil Fachbesucher Karten vorbestellen, sich dann kurzfristig umorientieren und beispielsweise auf Filmparties gehen – und die ausverkauften Vorstellungen dann auch mal nur zu zwei Dritteln gefüllt sind. Bis einschließlich 2002 oder 2003 konnte man nur am frühen Morgen Karten für den jeweils aktuellen Film erwerben; zwischendurch konnte man mit viel Glück und Durchhaltevermögen an zurückgegebene Karten kommen oder mit noch mehr Glück und noch mehr Durchhaltevermögen vor ausverkauften Kinos doch noch auf freie Plätze lauern. Erst seit den Jahren danach war es möglich, ab 18:00 Uhr Karten für Vorstellungen des darauffolgenden Tages zu erwerben. Karten für spätere Tage gibt es bisher nicht. Jetzt – 2011 – ist es tatsächlich so, dass von Anfang an Karten für das komplette Filmfestival gekauft werden können. Das ist für die Hofer Filmtage eine Entwicklung, der vergleichbar mit dem Sprung von Stummfilm auf Tonfilm oder mit dem ersten Farbfilm ist.
In den Filmprogrammen sind keine Produktionsländer aufgeführt. Das erschwert zusätzlich die Auswahl an Filmen.
Die Retrospektive des Jahres ist dem britischen Regisseur David Mackenzie gewidmet. Wir entschließen uns bereits zu Hause, verstärkt Vorstellung von Mackenzie-Filmen zu besuchen – es würden sicher nicht die schlechtesten Filme sein.

Nun zum Filmtagebuch 2009 …

Wir arbeiten beide. Harald ist zweifacher Familienvater und möchte seine Familie nur begrenzt und sehr genau geplant alleine lassen. Wir brechen am Donnerstag, den 27. Oktober auf. Innerhalb von drei Stunden müsste die Fahrt eigentlich geschafft sein – denken wir. Ein Mittagshappen dauert länger als erwartet und diverse Dauerbaustellen auf der A3, bei denen ich mich nicht daran erinnern kann, wann sie nicht da waren, verzögern die Fahrt erheblich. Darüber hinaus ist der Landgasthof, wo wir 2009 übernachteten, am Donnerstag ausgebucht und wir müssen zunächst ein Ausweichquartier im von Hof ca. 30 km entfernten Selbitz heimsuchen, um unsere Schlüssel zu besorgen. Um kurz vor 16:00 Uhr sind wir am Kartencontainer und besorgen Karten für den Tag sowie eine Ration Kaffee.

Jetzt kommen die Filmbesprechungen. Nach Titel und Produktionsangaben gebe ich die Inhaltsangabe aus dem Katalog bzw. von der Festival-Internetseite wieder, kommentiere und vergebe Schulnoten von 1 bis 6.

17:00 Uhr im Scala
NAZI GORENG (Vorfilm aus Deutschland)

Die Welt des jungen Neonazis Jan ist etwas beschränkt, aber stabil. Zumindest, bis er auf der Flucht vor der Polizei in einem asiatischen Stripclub landet und dort einen Moment erlebt, der seine Welt ins Wanken bringt.

Sowohl Titel als auch Handlung sind mehr als dämlich. So ist es durchaus erstaunlich, dass die anwesende Drehbuchautorin das Klischee der immergeilen Asiatin gebraucht, die lasziv an der Stange tanzt und im Versteck vor der Polizeirazzia für den jungen Neonazi die Beine breit macht. Optisch und erzählerisch ist der Film allerdings durchaus reizvoll. Erzälht wird ohne Dialoge – ich hasse diese bebilderten Hörspiele, in denen alles durchgequatscht wird – und in gelungener Schwarz-weiß-Optik.
Note = 3

Unter Nachbarn
von Stephan Rick, Deutschland 2011, DCP (Digitalprojektion), deutsche Originalfassung

Die aufkeimende Freundschaft der ungleichen Nachbarn David und Robert erfährt eine tragische Wendung, als David eine Frau anfährt und tödlich verletzt. Auf Drängen Roberts begeht er Fahrerflucht. Während Robert hofft, den neuen Nachbarn damit endgültig an sich binden zu können, wird David von Schuldgefühlen zerfressen. Als er Vanessa, die Schwester des Opfers, kennen lernt, glaubt er, seinen Fehler wieder gut machen zu können. Doch er hat nicht mit Robert gerechnet. Dieser ist bereit, alles zu tun, um seinen Nachbarn für sich alleine zu haben.

Manches ist schon sehr früh vorauszusehen. So ist David Reporter bei der örtlichen Zeitung und es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass David ausgerechnet von seinem Chefredakteur mit dem Fall von Fahrerflucht beauftragt wird. Auch als David die erste Begegnung mit der Schwester des Unfallopfers hat, ist es klar, dass er eine Beziehung mit ihr beginnen wird. Ebenfalls die Entwicklung von Nachbar Robert zum von Eifersucht geplagten Psychopathen kommt nicht wirklich unerwartet. Aber wir wollen nicht undankbar sein. Das Krimipsychogramm wird überwiegend spannend und überzeugend entwickelt und erzählt. Die schauspielerischen Leistungen sind sehenswert und die optische Gestaltung hat Kinoqualität. Leider ist Krimi in Deutschland fast ausschließlich Fernsehware und so ist es zu befürchten, dass dieser vom SWR produzierte Film im Dritten Programm zwischen Tagesschau und Regionalschau laufen wird, was sehr schade ist – eine Kinoauswertung wäre durchaus verdient.
Note = 2-

19:15 Uhr im Central
HOTEL DEUTSCHLAND 2

Dokumentarfilm von Stefan Paul, Deutschland 2011, HD-Video, deutsche Originalfassung

Ein postheroischer Streifzug durch die Neuen Länder. Über 20 Jahre ist es her, als die Mauer fiel, die mehr als ein Viertel Jahrhundert die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik getrennt hat. 1989 hat sich der Tübinger Dokumentarfilmer Stefan Paul auf den Weg gemacht in seine alte Heimatstadt Leipzig, um der Wende zuzuschauen, den Aufbruch aufzuspüren. In der Musikszene, unter Künstlern, auf der Straße, in Gesprächen: So entstand der Film HOTEL DEUTSCHLAND. 20 Jahre später ist Stefan Paul zurückgekehrt in den alten Osten der Republik. Wieder folgt er den Spuren des “Sprachkünstlers” Wolfgang “Zwieback” Krause aus Leipzig, der Ausschau hält, wie es speziell um die “blühenden” Kulturlandschaften bestellt ist, von denen Vereinigungskanzler Helmut Kohl seinerzeit schwärmte. “Die Zeit verging, die Kaltfront blieb”, sagt Zwieback in HOTEL DEUTSCHLAND 2 an einer Stelle im Film. Er ist unterwegs: Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt. Berlin, Leipzig, Dresden und Halle sind die Stationen. Eine musikalische Reise zwischen Früher- und Später-Zeit und Gedankensprünge voll visuellem Reiz, stiller Melancholie und präziser Erkundung des Neuen. Gespräche, Fetzen, Begegnungen, Vignetten von Lebensentwürfen: Einst und Jetzt.

Nun ja, Stefan Paul lässt uns sofort wissen, dass der Film nicht regulär ins Kino kommen wird sondern nur über ein paar Festivals und Gala-Vorstellungen tingeln wird, um für den Deutschen Filmpreis nominiert zu werden. Ansonsten geht es über den Umweg einer DVD ins Fernsehen. Einblicke in die Kulturgeschichte der DDR und des späteren Ostdeutschland sind teilwiese durchaus spannen. So manche(r) Künstler, Tänzerin oder Schauspieler scheint aber doch sehr versponnen zu sein und in einem Paralleluniversum fern unserer Galaxie zu leben.
Note = 3

Genug Zeit für ein ausgiebiges Abendessen. Denn Karten für Abendvorstellungen ohne Überschneidungen mit anderen Programmen gibt es nicht mehr.

0:00 Uhr im Central
DIE WARHEIT DER LÜGE
von Roland Reber, Deutschland 2011, DCP, deutsche Originalfassung

Ein Autor hält in einem unterirdischen Labyrinth zwei Frauen gefangen. Er will sie zu Grenzerfahrungen bringen, auf den “Gipfel”. Er foltert sie körperlich und geistig. Doch seine Methoden führen nicht zum gewünschten Ergebnis. Seine Verlegerin, eine undurchsichtige Frau, treibt ihn weiter und weiter. Die Folterungen werden immer bizarrer. Es werden Regeln aufgestellt, nur um sie gleich wieder zu brechen. Es scheint ein Kampf gegen die Zeit zu sein, denn eine Countdown-Uhr läuft unaufhaltsam gegen Null. Was geschieht dann? Der Autor sagt: “Grenzerfahrungen sind nur an der Grenze möglich. Aber wo ist die Grenze, wo der Zöllner?” Nichts scheint zu sein, wie es ist.

Vor zwei Jahren war der deutsche Amateurfilmer Roland Reber gemeinsam mit den drei Darstellerinnen, mit denen er zusammen lebt oder zu leben vorgibt[13] , in Hof und stellte ein deutsches Softporno-Roadmovie vor, in dem die Sinn- und Lustsuche dreier phlegmatischer Motorradbräute durch absurd-künstliche Dialoge und echte Bumsszenen mit debilen Swingerclub-Mitgliedern aufgelockert wurde. “Die Orgasmen waren echt” durften wir damals auf der BILD-Schlagzeile lesen. Das kurbelte zwar die Eintrittszahlen und später den DVD-Verkauf an, aber die Darstellerin wurde aus der ARD-Klosterserie exkommuniziert, in der sie eine Nonne spielte und Fritz Wepper immer noch den Bürgermeister spielt. Gleich zu Beginn der Vorstellung fuhr eine der Darstellerinnen mit einem Motorrad vor die Leinwand, drehte extra das Gas auf und stänkerte das Kino mit Abgasen voll. Auf DVD nennt man das dann Bonusmaterial. Ein nicht unerheblicher Teil des Publikums verließ das Kino während des Films, ohne zurückzukommen, und die meisten Anderen lachten sich kaputt, was nicht unbedingt beabsichtigt war.
Aber was Reber & Co. mit einem Film beabsichtigen, ist sowiso schwer zu sagen. So wissen weder Regisseur Roland Reber noch zwei der drei Darstellerinnen, die auch am Drehbuch beteiligt sind, nicht, was sie mit diesem Film zum Ausdruck bringen wollen. Auf meine Fragen, für wen sie solche Filme drehen, für sich selbst oder für ein nicht zu fassendes Kinopublikum, was er denke, wer sich so etwas überhaupt anschauen solle, weiß Reber erst mal keine Antwort und schaut mich an wie die Kuh, wenn es donnert. Na ja, antwortet er dann, für ein Publikum, wir sind ja immerhin da, um diesen Film zusehen. Dabei ist ein Filmfestival wie dieses ein künstlerisches Biotop, bei dem sowohl Filmemacher als auch das Publikum gerne experimentieren können; im normalen Kinobetrieb dürfte bei dieser Inhaltsangabe kaum jemand 8 oder 9 Euro für eine Kinokarte ausgegen.
Und wer tatsächlich einen deutschen Folter-Porno der Marke "SAW" und Fortsetzngen oder "HOSTEL" erwartet, ist selbst schuld und verdient es nicht besser. Zwar werden die beiden Frauen im Keller, diversen Verliesen und Käfigen eingesperrt, im Pranger und auf anderen Konstruktionen fixiert und einmal sogar mit dem Kopf unter Wasser gehalten (Darstellerin: Das war wirklich hart.) Das war es aber auch schon. Dazwischen sehen wir den Gastgeber gefühlte Stunden durch die Fabrikruine wandern.
Der Film ist in jeder Hinsicht dilletantisch erzählt und gespielt, mit viel Wohlwollen halbwegs professionell fotografiert und TOT-LANGWEILIG. Immer wieder versuche ich, meine Augen auszuruhen, werde aber von dämlichen Dialogen geweckt und zur Aufmerksamkeit genötigt. Der Darsteller des Buchautors (ebenfalls anwesend) ist wahrscheinlich gar nicht schlecht, agiert aber mangels kompetenter Regieanweisungen zwischen Hilflosigkeit und verpatzter Albernheit. Die beiden Folteropfer spielen meistens wie Schlafwandlerinnen, die irgendwo aufgeschriebene Texte ablesen. Anke Mönning, die Pornomaus und Ex-Fernsehnonne von vor zwei Jahren spielt als Verlegerin und Leiterin des Experiments im Hintergrund meistens wie eine Schaufensterpuppe, die an ihren Schauspielkollegen vorbei ins Leere glotzt und dies ab und zu mit hysterischem Gekicher und Winken unterbricht.
Nein, ich rege mich nicht auf. Hier gibt es genau so wenig etwas zum Aufregen wie die vermisste unfreiwillige Komik, die vor zwei Jahren das Machwerk erträglich machte. Vor vielleicht 15 Jahren war ein verhinderter Motorradrocker, der in wilder Ehe mit drei jüngeren Frauen lebt oder so tut als ob, vielleicht noch ein Skandal. Seit solche Gestalten aber jede zweite Nachmittagssendung zwischen Gerichts-Show und Bauern-tauschenden Schwalldiwall-Nannies bevölkern, sind sie nicht mehr skandalös sondern nur noch öde.
Grundsätzlich habe ich viel Respekt vor der künstlerischen Selbstverwirklichung von Filmemachern, insbesondere, wenn sie ohne Filmförderung und Beteiligung von Fernsehsendern einfach drauf los drehen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Allerdings sollte dies kein Selbstzweck sein sondern auch einen Reiz für das Kinopublum sein, was hier überhaupt nicht der Fall ist. Zum zweiten mal staunen wir über die Aussage, das Quartett könne von den Einnahmen aus diesen Filmen leben. Und wir vermuten beide erneut, dass dies nur mit Hardcore-Versionen auf DVD funktionieren kann, in denen die Kopulationen bzw. diverse Sado-Maso-Praktiken bis ins Detail gezeigt werden.
Vielleicht ist aber auch das gesamte Konzept vom Schauspielerinnen-Harem in der BILD bis zur Show mit Motorrad im Festivalkino nur ein mehr oder weniger gelungenes Marketingkonzept und dieses Quartett trifft sich nur zum Filmemachen und Fotoschießen und lebt zwischenzeitlich von Sozialhilfe. Sogar davor hätte ich einen gewissen Respekt.
Immerhin unterlässt es Reber im Gegensatz zu 2009, sich als internationaler Filmpreisträger diverser Underground-Festivals zu präsentieren. Das war wirklich bemitleidenswert.
Normalerweise verlasse ich bei so etwas das Kino vorzeitig, aber die Diskussion mit dem Filmquartett nehmen wir noch mit. Gepose bis zum Geht-nicht-mehr.
Note = 6. Wir können uns nur mit größter Anstrengung daran erinnern, bei den Hofer Filmtagen einen schlechteren Film gesehen zu haben.

Bettwärts dann. Um 3:00 Uhr liegen wir in den Betten. Selbitz ist Durchgangsstraße zu einer der wenigen übrig gebliebenen Fabriken in der Gegend – erzählt mir am nächsten Morgen der Wirt beim Frühstück - und während der gesamten Nacht donnert Lastverkehr durch die Ortschaft. Ständig wache ich wieder auf und bin nicht ausgeschlafen.

Fortsetzung hier ...

17:34 07.11.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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