Als meine Mutter vom Krieg und von der Flucht erzählte

Krieg, Flucht, Ukraine-Krieg Meine Mutter (1930 – 2019) wurde in Haselvorwerk in Oberschlesien geboren und musste mit den Überlebenden ihrer Familie 1945 nach Westdeutschland flüchten.

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In mehreren Wochen, in denen Putins Regierung Krieg gegen die Ukraine führt, muss ich immer wieder daran denken, was sie mir immer wieder erzählte. 2019 starb sie mit stolzen 89 Jahren nach kurzer Krankheit und ich bin froh, dass sie diesen Krieg und die Berichterstattung nicht mehr miterleben muss. Ein neuer Krieg in erreichbarer Entfernung, die Gefahr eines neuen Weltkrieges bei uns und auch der Irrsinn und die Plan- und Rücksichtslosigkeit während dieser Pandemie hätten ihr den Rest gegeben.

Mutter war neun Jahre jung, als Adolf Hitler den Überfall auf Polen und den Zweiten Weltkrieg startete. Sie war noch zu jung, um alles zu verstehen. Sie war Mitglied im Bund Deutscher Mädchen, weil das so üblich war. Was richtig und was falsch war konnte sie in diesem jungen Alter nicht beurteilen. Die Informationsmöglichkeiten waren im Vergleich zum Jahr 2022 minimal.

Drei Brüder im Alter zwischen 19 und 23 fielen im Krieg an der Ostfront. 1945 marschierte die Rote Armee in Haselvorwerk ein und die Überlebenden der Familie flüchteten nach Westen. Eine ältere Schwester war durch die Erlebnisse während Krieg und Flucht traumatisiert und psychisch schwer krank. Sie lebte nach dem Krieg bis zu ihrem Lebensende in den 2000er Jahren in einer psychiatrischen Klinik in Nordrhein-Westfalen, ohne jemals wieder zu sprechen. Ich lernte sie nicht kennen, weil sie die Anwesenheit von Fremden nicht ertragen konnte; nur meine Mutter und andere Geschwister konnten sie einmal im Jahr besuchen; meine Mutter war die Einzige, die sie tatsächlich regelmäßig besuchte. Was genau passiert war, wurde mir nicht erzählt. Aber vermutlich wurde sie von sowjetischen Soldaten vergewaltigt. Meine Großeltern starben bereits vor meiner Geburt. Eine Schwester und ein Bruder meiner Mutter lebten noch bis in die 80er Jahre. Der Ehemann meiner Tante fiel ebenfalls im Krieg.

Mein Vater (1920 – 1989) kämpfte als Soldat der Wehrmacht in Italien und war mutmaßlich an Strafaktionen gegen die Zivilbevölkerung in der Gegend um Rimini und am Gardasee beteiligt. Italienische Partisanen hatten angeblich deutsche Soldaten überfallen und ihnen die Augen ausgestochen und die Nasen und Ohren abgeschnitten und sie so am Leben gelassen. Das musste aus damaliger Sicht bestraft werden. Was davon stimmt, weiß ich nicht. Mitte der 70er Jahre waren wir mal im Urlaub am Gardasee; 8 oder 9 war ich damals. An einem Tag machten wir einen Ausflug zu einem Felsen in der Gegend, an dem entweder mein Vater oder ein Kamerad seiner Einheit während eines Einsatzes eine Inschrift in den Stein gekratzt hatten; es war noch etwas zu erkennen, aber nicht zu lesen.

Wir wurden als Deutsche in dieser Gegend in Italien teilweise von den Einheimischen feindselig behandelt und damals verstand ich nicht warum. Mein Vater konnte vielleicht etwas für Strafaktionen gegenüber der Zivilbevölkerung, vielleicht auch nicht, meine Mutter und ich auf keinen Fall.

Die Erinnerung an damalige Anfeindungen lassen mich verstehen, wie sich russische Menschen fühlen, die hier wegen des Ukraine-Krieges angefeindet werden. Es ist nicht richtig. Selbst, wenn jemand Anhänger*in der russischen Regierung ist und die russische Politik möglicherweise noch immer unterstützt, kann das bei einfachen Menschen nicht unbedingt zum Vorwurf gemacht werden. Auch umfangreichere Informationsmöglichkeiten und bessere Informationstechnik im Vergleich zu den 1930er und 1940er Jahren bedeuten nicht zwangsläufig bessere Informationen. In den 1930er und 1940er Jahren war die einzige alternative Informationsquelle das deutschsprachige Programm der britischen BBC und das Hören der BBC wurde schwer bestraft. Persönliche Freunde*innen von Präsident Putin können gerne boykottiert und ausgewiesen werden.

Es ist richtig, geflüchtete Menschen aus der Ukraine aufzunehmen. Es ist nicht falsch, geflüchtete Menschen aus Syrien aufzunehmen, aber sie haben es schwerer und werden oft an den Außengrenzen der Europäischen Union zurückgewiesen. Syrischen Menschen wird leider eher mit Misstrauen begegnet, weil sie dunklere Haare und Haut haben und in der Vorstellung mancher Leute möglicherweise Muslime, Taliban oder Terroristen sind. Auch in Syrien ist Russland seit Jahren Kriegspartei und ist an Kriegsverbrechen mit zahlreichen zivilen Opfern beteiligt. Ukrainische Menschen sind in der Wahrnehmung Vieler irgendwie doch Europäer – wenn auch Osteuropäer – und haben oft blonde Haare und blaue Augen, Die Unterstützung der Ukraine und die Hilfe für ukrainische Geflüchtete ist eben irgendwie gegen Putin.

In Kommentaren zu Krieg und Kriegsverbrechen heißt es oft, das sei unmenschlich. Das stimmt nicht. Kriegsverbrechen, Massenmord, Bombardierungen, Folter und Massenvergewaltigungen sind menschlich. Im Tierreich kommen solche Verbrechen nicht vor. Tiere töten andere Tiere zur Nahrungsaufnahme und wegen Territorialkonflikten. Außerdem kommt es zu Konflikten um die Rudelführung und die attraktivsten Weibchen der Herde mit gelegentlichen tödlichen Folgen. Massenmord und die Pläne, komplette Bevölkerungsgruppen auszurotten, gibt es im Tierreich nicht. Das gibt es nur bei den Menschen.

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Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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