NIPPON CONNECTION,das japanische Filmfestival

Filmfestival Vom 23. Bis 28. Mai fand in Frankfurt am Main das 17. Japanische Filmfestival NIPPON CONNECTION statt. Ein kurzer Bericht.
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Zum vierten mal begann das Filmfestival schon am Dienstag und hat damit eine Dauer von sechs Tagen hatte. Der Feiertag am Donnerstag dieser Woche, den Viele mit anschließendem Brückentag als verlängertes Wochenende planen, wurde sehr zielsicher genutzt. Nicht mehr ganz so neu ist der Veranstaltungsort. War zwölf Jahre lang der Frankfurter Universitätscampus Bockenheim mit seinem Studierendencampus das Festivalzentrum, wechselte das Festival 2013 in das Künstlerhaus Mousonturm und das benachbarte Naxos-Theater; die Universität zieht an andere Standorte um und wird neu bebaut. Vorteil des alten Festivalortes war das großräumige Universitätsgelände, auf dem mehrere Tausend Festivalbesucher/innen ausreichend Platz hatten; eindeutiger Nachteil war der Mehrzwecksaal des Studierendenhauses mit seiner Mehrzweckbestuhlung, auf denen mehrere Kinovorstellungen an einem Tag sehr anstrengend und unbequem waren. Der Vorteil der neuen Spielorte sind im Gegensatz dazu die Theaterräume mit verhältnismäßig bequemen Stühlen. Der Nachteil ist, dass hier - besonders am Festivalzentrum Mousonturm - viel weniger Platz ist und es daher zwischen den Filmvorführungen zu viel mehr Gedrängel kommt. Weitere Spielorte sind ein etwas entfernt liegendes kleines Programmkino im Frankfurter Nordend, in dem Wiederholungen gezeigt werden sowie das Kino des Deutschen Filmmuseums; beide Kinos sind als Spielorte angenehm, aber vom Festivalzentrum etwas entfernt und ein Programmablauf funktioniert aufgrund der Fahrerei nicht unbedingt ohne größere Pausen.

Ein sehr großer organisatorischer Vorteil ist, dass die Filme und der Spielplan sofort nach Fertigstellung im Internet veröffentlicht werden und eine gute bis sehr gute Planung ermöglichen. Knappe zwei Wochen vor Festivalbeginn war auch das Programmheft im Internet eingespielt und ermöglichte es, die Filme und den Zeitplan sehr angenehm zu lesen.

Mit einer Ausnahme laufen alle Filme in japanischer Originalfassung mit englischen Untertiteln.

Im weiteren Verlauf zitiere ich die Filmbeschreibungen von der Internetseite von Nippon-Connection, gebe Ergänzungen und bewerte nach einem Schema, das die Festivalmacher auch für deutsche Erstaufführungen verwenden: 5 Sterne (sehr gut) bis 1 Stern (schlecht)

Dienstag, 23. Mai

Eine Besprechung außerhalb und ein längerer Arbeitstag machen den Tag stressig. Urlaub haben Andere und so müssen Arbeitstag und Filmfestival nach einander stattfinden. Der Eröffnungsfilm ist erfahrungsgemäß etwas schwächer und der Abend ist aufgrund diverser Reden von Veranstaltern, Sponsoren sowie Vertretern hessischer und kommunaler Kulturpolitik länger, worauf ich verzichte.

Mittwoch, 24. Mai

14:30 Uhr im Mousonturm: Shin Godzilla

Mit U-Bahn, Fahrrad und ausreichendem Zeitpolster komme ich zum Festivalzentrum und fast zu spät. Im Mousonturm-Saal, einem Mehrzwecksaal für Theater- und auch Kinovorstellungen ist es fast komplett dunkel und die Originalmusik aus dem Original-Godzilla-Film läuft. Ich möchte die Treppe hinaufgegen und mich auf einen höher gelegenen Platz auf der Tribüne setzen, werde aber von einem Mitarbeiter aufgehalten. Ich soll mich erst einmal unten an den Rand setzen. Er sagt mir noch eine Begründung, die ich aber nicht verstehe, da genau in dem Moment Godzilla-Gebrüll eingespielt wird. Und dann sehe ich auf der Treppe, die ich eben noch hoch gehen wollte, wie sich jemand oder etwas bewegt; es ist fast nichts zu erkennen, aber ich vermute dann, dass es sich um jemanden im Godzilla-Kostüm handeln könnte. Die Dunkelheit wird bewusst genutzt, um den Showeffekt vorzubereiten. Kurz schaue ich nach oben zum Geflacker der rosa Scheinwerfer und plötzlich steht neben mir Godzilla und packt mich von der Seite. Wir umarmen uns kurz. Godzilla trampelt vor der ersten Sitzreihe von rechts nach links und fällt noch über weitere Zuschauerinnen und Zuschauer her. Das Spektakel dauert vielleicht fünf Minuten. Eine sehr lustige Idee. Das kulturelle Begleitprogramm lässt nichts zu wünschen übrig.

Entgegen der Ankündigung im Programmheft läuft der Film mit deutschen Untertiteln.

Das größte Monster der Filmgeschichte ist zurück – und es ist größer denn je! Zahlreiche Filmpreise und ein Rekord-Einspielergebnis in Japan beweisen, dass Godzilla seit seinem ersten Auftritt 1954 kein Stück älter geworden ist. In der 29. Auflage wird in der Bucht von Tokio eine riesige unbekannte Kreatur gesichtet, die sich auf die Stadt zubewegt. Die Behörden müssen schnell handeln, doch in keinem Notfallplan der Welt ist geregelt, wie man mit solch einem gigantischen Monster umgeht. SHIN GODZILLA ist weniger konventioneller Monsterfilm als politisches Drama: Hochspannend sind nicht nur die Kämpfe gegen Godzilla, sondern auch die Dialoge im Konferenzraum.

Der Film ist sehr modern und tricktechnisch sehr gut gemacht und sieht insgesamt sehr teuer aus. Bei seismischen Aktivitäten mit einstürzenden Großstadtgebäuden und radioaktiver Kontamination denkt natürlich jeder an die Katastrophe von Fukushima und das ist wohl nicht unbeabsichtigt. Verantwortlich dafür ist eine unbekannte Lebensform, die aus dem Meer kommt und in ihrer ersten Erscheinung aussieht wie ein riesiger Papierdrache beim chinesischen Volksfest mit riesigen Manga-Knopfaugen. Erst im Verlauf der ersten halben Stunde mutiert das Wesen zum Godzilla wie wir ihn seit über 50 Jahren kennen. Das gesamte japanische Militär schießt mit allen Waffen auf Godzilla und auch das US-Militär macht mit und richtet dabei mindestens so viel Schaden an wie Godzilla. Sogar der Abwurf einer thermonuklearen Waffe wird in Erwägung gezogen. Das lassen sie aber bleiben, denn die Wissenschaftler bekommen heraus, dass Godzilla wahrscheinlich ein lebender Kernreaktor ist, der die thermonukleare Energie absorbieren und weiter verarbeiten könnte. Auf dem Höhepunkt der Zerstörung fackelt Godzilla einen Großteil von Tokio mit seinem Feueratem und Blitzen aus seinen Flossen ab. Die Zerstörungsorgie könnte so auch in einem Hollywood-Blockbuster wie X-MEN oder TRANSFORMERS vorkommen. Der naive Charme der späten 60er und frühen 70er Jahre ist komplett eliminiert. Konkurrierende Monster, die sich mit Godzilla prügeln fehlen ebenso wie die außerirdischen Invasoren oder der absurd-verspielte Irrsinn aus GODZILLA – FINAL WARS zum 50. Geburtstag von Godzilla, der damals hier auf dem Festival gezeigt wurde. Ein großer Vorteil für die Handlung sind die wissenschaftlichen Aspekte, mit denen Godzilla untersucht und analysiert werden.

Etwas viel Zerstörung und etwas wenig Tradition. *** 3 Sterne.

17:00 Uhr im Mousonturm: Happiness

Ein mysteriöser Mann namens Kanzaki taucht eines Tages in einer japanischen Kleinstadt auf. Bei sich trägt er eine nicht weniger mysteriöse Erfindung: einen Helm, der es der*dem jeweiligen Träger*in ermöglicht, sich in den glücklichsten Moment seines Lebens zurückzuversetzen. Nachdem zahlreiche Bewohner*innen den Helm ausprobiert haben, lässt sich auch der Bürgermeister begeistern und bittet Kanzaki, in der Stadt zu bleiben. Doch der vermeintliche Glücksbote verfolgt einen Plan, hinter dem sich grausame Erfahrungen verbergen. Kultregisseur SABU präsentiert ein Drama von existenzialistischer Kraft, das nach harmonischem Beginn wie ein Schlag in die Magengrube geht.

Die Glücksmomente sind nur die ersten 20 Minuten der Handlung. Mit dem Helm sind auch die Reaktivierung der schlimmsten Erinnerungen und die totale Gehirnwäsche möglich. Kanzaki und seine Familie wurden einst Opfer eines grauenhaften Verbrechens, das wir in ausgiebigen Rückblenden ertragen müssen und dessen ausgeklügelte Rache er plant.

Co-Produzenten sind der deutsche Filmverleih und DVD-Vertrieb RAPID EYE MOVIES mit Schwerpunkt asiatisches Kino und die Filmförderung Nordrhein-Westfalen – selten wird deutsches Filmfördergeld so gut investiert.

An manchen Stellen wird es etwas lang. Die Hauptfigur zwei Minuten lang durch ein Treppenhaus gehen zu sehen und ähnliche Szenen sind nicht immer in voller Länge nötig. Zehn bis 20 Minuten kürzer wären nicht die schlechteste Idee gewesen.

Sehenswert. **** Vier Sterne.

Donnerstag, 25. Mai

17:30 Uhr im Mousonturm: Let’s Go, JETS! From Small Town Girls to U.S. Champions?!

Cheerleader sind in den US-Highschools die Stars des Schulbetriebs. In Japan scheinen sich aber nur Nerds für den Sport begeistern zu können. Neuankömmling Hikari tritt trotzdem dem Cheerdancing-Club unter der Leitung der eisernen Lehrerin Kaoruko bei. Ihr Ziel: trotz aller Widrigkeiten bei den US-Meisterschaften anzutreten und zu gewinnen. Die Produzenten des Riesenhits FLYING COLORS und Regisseur Hayato KAWAI legen 2017 nach und ziehen erneut alle Register einer gelungenen Teenie-Komödie. Schräge Charaktere, fetzige Choreographien, Situationskomik, Herzschmerz und ganz viele Pom Poms. Macht garantiert glücklich!

Teenie-Sport-Komödien laufen oft gut. Die japanischen Beiträge dieses Sub-Genres, die früher bei NIPPON CONNECTION gezeigt wurden, waren sehr gute und unterhaltsame Beispiele. WATERBOYS von 2001 um eine Jungs-Mannschaft im Synchron-Schwimmen / Wasserballett war international erfolgreich und kurioserweise ein besonderer Hit in Schwulenkreisen. OPPAI VOLLEYBALL von 2009 um eine erfolglose Volleyballmannschaft, die beim Gewinn der Meisterschaft von der hübschen Trainerin einen Oben-ohne-Anblick in Aussicht gestellt bekommt, ist ein süßer Teenie-Film und gleichzeitig eine Satire über Leistungsdruck. Beide Filme sind leider nicht auf dem Heimkinomarkt erhältlich.
Also scheint der Cheerleader-Film eine sicher Sache zu sein. Denn dieses Team gab es wirklich und es gewann fünf mal die Meisterchaft. Der Film ist insgesamt unterhaltsam, bleibt aber hinter seinen Möglichkeiten zurück. Konflikte im privaten und amourösen Bereich werden zu sehr ausgebreitet. Zum Schluss wird es viel zu pathetisch, wenn auf Entscheidung der Trainerin die Mitwirkung einer führenden Tänzerin für den Erfolg des Teams geopfert wird. Etwas mehr Frechheit und Irrsinn wie in den beiden oben beschriebenen Beispielen hätten dem Film gut getan. Die Tanzszenen sind allerdings hervorragend choreographiert und gefilmt und bringen enormes Tempo in den phasenweise etwas zähen Film.

20:30 Uhr im Filmmuseum:
Tampopo

von Juzo Itami, Japan 1985

Es ist etwas konfus. Zwei japanische Filmklassiker von 1985 bzw. 1996 sind angekündigt. In beiden Filmen spielt der diesjährige Gaststar Koji Yakusho mit und beide Filme laufen zeitgleich an verschiedenen Veranstaltungsorten. Beide Filme möchte ich sehen und ärgere mich etwas über die ungünstige Planung. Da ich TAMPOPO auf DVD habe und SHALL WE DANCE (eine herrliche Tragikomödie über das Amateurtanzen, die später glattgebügelt mit Richard Gere neu verfilmt wurde) nicht auf dem deutschen Heimkinomarkt erhältlich ist, möchte ich SHALL WE DANCE sehen. Den bekommen sie aber kurzfristig nicht und so läuft TAMPOPO fast gleichzeitig am Festivalzentrum und im Deutschen Filmmuseum.

Zwei Trucker lernen bei einem Stopp in einem schlecht laufenden Imbiss dessen Besitzerin kennen: die junge Witwe Tampopo. Um dem Laden wieder auf die Sprünge zu helfen, fassen die beiden den Entschluss, gemeinsam mit Tampopo nichts geringeres als die perfekte Nudelsuppe zu kreieren. Mit zahlreichen skurrilen Einfällen persifliert Juzo ITAMI die japanische Kultur. TAMPOPO ist Komödie, Gangsterfilm und Western zugleich – vor allem aber eine Liebeserklärung ans Essen, die sicherlich jeder*jedem Zuschauer*in das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. In einer seiner ersten größeren Rollen ist NIPPON HONOR AWARD-Preisträger Koji YAKUSHO zu sehen.

Schon die Anfangsszene springt dem Publikum sozusagen ins Auge. In einem Kino nehmen ein feiner Mann im cremefarbenen Anzug und Hut und seine Freundin in der ersten Reihe Platz. Vor sie wird ein Bistrotisch gestellt und mit Schinken, Wurst und Käse gedeckt. Wein und Champagner werden eingeschenkt. Der Mann schaut direkt in die Kamera, kommt näher und begrüßt das Publikum. Er äußert sich negativ über Leute, die zum Beispiel eine Kinovorstellung mit dem Geknister von Knabbertüten und dem Geknusper von Chips stören – wer könnte ihm widersprechen. In der Reihe dahinter öffnet eben in diesem Moment ein anderer Mann eine Chipstüte und fängt an zu knabbern – mit Currygeschmack. Es kommt zur Auseinandersetzung.
Die Fernfahrer Goro und Gun sind unterwegs. Bevor sie eine Pause in Tampopo´s Nudelsuppenbar machen, liest Gun auf dem Beifahrersitz ein Buch, dessen aktuelles Kapitel wir als Szene sehen. Ein alter und ein junger Mann bekommen eine Ramen serviert, die traditionelle japanische Nudelsuppe. Der alte Mann führt in den Genuss der Nudelsuppe ein, lässt das Aroma der Brühe ausströmen, beobachtet, wie die Wakame (getrocknete Algen) in der Brühe aufquellen, liebkost das Schweinefleisch mit den Stäbchen. Als der Appetit beim Lesen des Buches kommt, kehren die Fernfahrer in Tampopo´s Nudelsuppenlokal ein und sind alles andere als begeistert. Daraus entwickelt sich die Suche nach dem ultimativen Nudelsuppenrezept. Dazu werden Körpersprache gegenüber dem Gast geübt, Zubereitungstips gesammelt und Körpertraining zum Schleppen der schweren Suppenkessel praktiziert. Die Rezepte der Konkurrenz werden ausspioniert, ein reicher Mann, der beim Essen vor dem Erstickungstod gerettet wird, leiht seinen Koch zur Verstärkung aus. Und der Anführer der Bettler hat die größte Lebenserfahrung und die beste Kenntnis über das Essen.
Als Nebenhandlung erleben wir die Abenteuer des Mannes im Anzug und seiner Geliebten. Beim Liebesspiel verwenden sie ausgiebig Delikatessen und Zutaten, mit denen sie sich einreiben und genussvoll ablecken. Der Höhepunkt ist ein rohes Eigelb, das der Mann in den Mund nimmt und seiner Geliebten in den Mund gleiten lässt. Eine Minute lang lassen sich die beiden das Eigelb gegenseitig in den Mund gleiten, bis der Dotter platzt und auf den Anzug kleckert. Eine sinnlichere und erotischere Kussszene gesehen zu haben, kann ich mich nicht erinnern.
Abwechselnd werden kleine Kurzgeschichten rund ums Essen perfekt in die Handlung eingebaut. Ein Feinschmecker mit schlimmen Zahnschmerzen muss zum Zahnarzt. Eine alte Frau mit Zwangsstörung liebt es, im Feinkostladen Verpackungen zu öffnen und die Lebensmittel zu zerdrücken, während der Verkäufer sie durch die Gänge verfolgt. Eine todkranke Frau bereitet das letzte Essen für ihre Familie zu; nachdem sie hört, wie gut es allen schmeckt, fällt sie tot um. Tragik und Komödie liegen ansatzlos nebeneinander.
Und noch in der Schlusseinstellung, die in die Endtitel übergeht, sehen wir von einer Brücke aus Goro und Gun mit ihrem LKW die Stadt verlassen. Aus der Totalen schwenkt die Kamera nach links in einen Park und zoomt zur Nahaufnahme einer Mutter, die ihren Säugling stillt. Vom erfolgreich beendeten Auftrag des perfekten Nudelsuppenrezeptes zur Urform der menschlichen Nahrungsaufnahme. Grandios.
In den englischen Untertitel werden einige Vokabeln für Zutaten verwendet, die ich nicht kenne und daher bestimmte Rezepte nicht nachvollziehen kann. Das mindert den Spaß aber keineswegs.
Heutzutage nennen Marktstrategen so etwa „Wohlfühlkino“ oder „Feel-good-movie“; unter dieser Marke werden wir dann mit seichter Unterhaltungsware aus Europa und den USA sediert – gerne aus Frankreich und die Filme haben dann im deutschen Titel „Willkommen“ oder „Ziemlich“. Das hier ist der Prototyp des Wohlfühlfilms. Pures Endorphin. Wundervoll. ***** Fünf Sterne

Freitag, 26. Mai um 22:30 Uhr im Mousonturm: Destruction Babies

Der 18-jährige Taira provoziert regelmäßig fremde Menschen und verwickelt sie in Schlägereien. Findet er sich wenig später in seinem eigenen Blut auf der Straße liegend wieder, steht er unbeeindruckt auf und macht weiter. Fasziniert von dieser Entschlossenheit schließt sich ihm der Oberschüler Yuya an, der Taira zu immer willkürlicheren Gewalthandlungen anstachelt. DESTRUCTION BABIES zeichnet knallhart ein pessimistisches Bild der japanischen Gesellschaft, in dem sich perspektivlose Jugendliche in einer absurden Gewaltspirale verlieren und dabei zu Medienstars werden. Tetsuya MARIKO wurde für seinen kompromisslosen Film 2016 beim Locarno Filmfestival als bester Newcomer-Regisseur ausgezeichnet.

Was am Anfang noch interessant ist, wird nach einer knappen halben Stunde anstrengend und ermüdend. Verschiedene Jugendliche bzw. junge Männer begegnen sich immer und immer wieder und prügeln sich mehr oder weniger besinnungslos. Charakterliche Tiefe bekommt dadurch niemand. Ein paar neue Leute kommen dazu und prügeln mit und ich weiß nach einer ¾ Stunde nicht mehr wer zu wem gehört und wer gegen wen ist. Da fahre ich nach Hause.
* 1 Stern. Leider nicht überzeugend. Pech gehabt. Hätte ich mir zwei von den Klassikerfilmen aus der Roman-Porno-Reihe angesehen. Das Filmgenre heißt in Japan so. Es ist nicht das zu sehen, was in Deutschland oder Westeuropa unter der Rubrik Porno erwartet wird.

Samstag, 27. Mai

Es ist heiß und sonnig. Bis zum frühen Abend verbringe ich den Tag im Schwimmverein.

20:00 Uhr im Filmmuseum: Sada and Kichi (a.k.a. A Woman Called Abe Sada)

Nach einer kurzen, aber intensiven Affäre stranguliert Sada ABE im Mai 1936 ihren Geliebten, schneidet seine Genitalien ab und trägt sie bis zu ihrer Verhaftung als Andenken bei sich. Dieser Vorfall verschafft ihr sofort landesweite Bekanntheit und bietet den Stoff für zahlreiche künstlerische Bearbeitungen. Bereits ein Jahr vor Nagisa OSHIMAs wohl bekanntester Verfilmung, IM REICH DER SINNE, inszeniert Noboru TANAKA die Affäre als erotisches Kammerspiel in knalligen Rottönen: ein ekstatischer Rausch, in dem sich beide Liebenden verlieren und sich der Außenwelt fast völlig entziehen.

Der Film überzeugt durch eine sehr sorgfältige Inszenierung und Bildgestaltung. Im Unterschied zum erwähnten REICH DER SINNE, in dem der Geliebte Sada Abe um die Strangulation bittet, töten sie ihn hier, weil er sie verlassen möchte, um zu seiner Frau zurück zu kehren.
Hier und in den anderen Filmen ist auffällig, dass sich japanische Frauen beim Sex so anhören, als ob sie eben fürchterlich gequält und / oder langsam umgebracht werden.
Die fünf Filmrollen sind auf japanisch beschriftet und der Vorführer kann nicht alles lesen. Dabei wird die Reihenfolge der Akte aus Versehen vertauscht und wir sehen nach der zweiten Rolle die fünfte und letzte Rolle, die mit der Strangulation und posthumen Kastration des Geliebten beginnt. Der Vorführer bemerkt die Panne und reagiert souverän. Der Film wird für ein paar Minuten unterbrochen und wir sehen den Film dann ab der dritten Rolle. So etwas passiert.
Überzeugend. **** vier Sterne

22:00 Uhr im Filmmuseum: Ecstasy of the Black Rose (a.k.a. Black Rose Ascension)

Juzo muss den Dreh seines Sexfilms unterbrechen, weil die Hauptdarstellerin schwanger geworden ist. In Tonaufnahmen, die er heimlich in einer Zahnarztpraxis gemacht hat, stößt er auf das Stöhnen einer Frau, das ihn sofort in seinen Bann zieht. Er setzt alles daran, diese Frau zu finden und für die Hauptrolle in seinem Film zu gewinnen. Doch er verfällt ihr stärker, als ihm aus professioneller Sicht lieb ist. Dieser Porno über das Drehen eines Pornos wirft einen ironischen Blick auf die Branche, in der für die Tonspur auch mal leidende Zahnarztpatient*innen oder keuchende Zootiere herhalten müssen.

Im einleitenden Vortrag erfahren wir, dass der Regisseur ein Komödienspezialist seiner Zeit war. Er schien auch geplant zu haben, diesen Stoff als Komödie zu erzählen. Vieles wirkt recht albern und nur ein Teil des Publikums kann darüber lachen. Der Pornoregisseur findet die Zahnarztpatientin und will sie mit Überredungskünsten, Tricks und versteckter Kamera zum Pornodreh bringen.
Ich bin etwas ratlos. *** drei Sterne.

Sonntag, 28. Mai.

Es ist sehr sonnig und über 30°C heiß.

18:00 Uhr im Filmmuseum: The Stroller in the Attic (a.k.a. Watcher in the Attic)

Lady Minako betreibt im Tokio der 1920er Jahre eine Privatpension, in der sich zahlreiche exzentrische Gäste einfinden. Goda, einer der Hausbewohner*innen, beobachtet regelmäßig vom Dachboden aus die grotesken Vorgänge in den Zimmern der Pension. Als er Zeuge eines Mordes wird, ist dies erst der Anfang einer bizarren Reihe von Todesfällen. Noboru TANAKAs Verfilmung einer Geschichte von Edogawa Rampo schwelgt in prachtvollen Farben und sollte mit seiner karnevalesk anmutenden Ausstattung stilbildend für kommende Adaptionen des Meisters der erotisch-grotesken Literatur sein.

Die farbliche Gestaltung und die Ausstattung weiß ich zu würdigen, aber mit der Erzählweise kann ich nicht viel anfangen. Die englischen Untertitel sind bei hellen Bildinhalten schlecht zu lesen und auch eher kurz im Bild. So habe ich trotz Übung öfter Schwierigkeiten, den Dialogen zu folgen, und kapituliere irgendwann. Interessant, ihn mal gesehen zu haben, aber in meiner Sammlung muss ich ihn nicht haben. Allerdings ist es bewunderswert, dass diese Filme besorgt wurden und gesehen werden konnten.

Eingebetteter Medieninhalt

Fazit:

Schön und interessant war es. Es lohnte sich sehr. Domo Arigato (Vielen Dank.).

Foto: Nach dem letzten Film genehmigte ich mir eine original-japanische Nudelsuppe. Normalerweise fotografiere ich mein Essen nicht. Das ist anlassbezogen.

21:20 07.06.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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