Volker Pispers macht unbefristete Pause

Kabarett Deutschland Seit drei Monaten bin ich vergeblich auf der Suche nach 2016er Karten für Volker Pispers. Jetzt steht es fest. Volker Pispers macht unbefristete Pause - oder Schluss?
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Nur bis einschließlich 8. oder 9. Dezember waren auf Volker Pispers Internetseite Veranstaltungstermine aufgeführt. Das irritierte. Das ließ die Befürchtung zu, Pispers würde wie ein Jahr zuvor Georg Schramm seine Karriere beenden. Am letzten Freitag hatte ich Gewissheit. Der Rückzug auf Raten hat seine vorläufigeVollendung; Volker Pispers gibt eine unbefristete Pause von der Bühne bekannt:

An alle Fans und langjährigen, treuen Besucher.
Nach 33 Jahren auf der Bühne habe ich beschlossen, daß es Zeit für eine Pause ist. Und weil ich beim besten Willen nicht sagen kann wie lange diese Pause dauern wird, ist sie zeitlich unbefristet. Ich bedanke mich bei allen Veranstaltern und Besuchern für die tolle Zeit. Sollte ich wieder aktiv werden, werde ich es hier bekannt geben.

Es ist ein mittlerer Schock. Ein Programm von Volker Pisper ist die perfekte Kombination aus Unterhaltung und politischer Aufklärung. Pispers fordert große Teile seines Publikums, erklärt ihnen fesselend, spannend und sehr gut verständlich komplizierte Zusammenhänge und regt sehr zum Nachdenken an.

Dabei wirkt er auf den ersten Blick wie eine rheinische Frohnatur. Davon darf man sich nicht täuschen lassen. In Pispers steckt Zorn. Zorn, der meiner subjektiven Wahrnehmung nach jedes Jahr zunahm und den er mit seinen Auftritten kanalisieren musste. Seine Auftritte sind nicht nur für große Teile des Publikums, das auch kritisch denkt, eine der bestmöglichen Therapien. Und ich glaube, dass es auch für ihn bisher eine Art Therapie war, um nicht völlig zu verzweifeln.

Pispers macht keinen Wohlfühlhumor. Sein Humor lässt nachdenklich werden und auch eigenes Verhalten kritisch reflektieren. Dazu polarisiert er auch. Dazu provoziert er auch. Dazu legt er sich mit seinem Publikum an, wenn es sein muss.

Seit Jahren ging ich jährlich zu einer Pispers-Veranstaltung. Bei meiner ersten Pispers-Veranstaltung führte er diverse Frauen, die er nicht eben verehrt, in einer Reihe auf. Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Herrmann, Talkshow-Manipulatorin Sabine Christiansen, noch jemanden und Alice Schwarzer (lange vor ihrem Schwarzgeld-Skandal). Buh-Rufe. Voker Pispers stellte sich ganz nah an den Bühnenrand und beugte sich vor. „Was denn, was denn? Früher demonstrierte sie vor dem Springer-Verlag wegen der lächerlichen Nackedei-Mädchen in der BILD-Zeitung und jetzt prostituiert sie sich als Werbemaskottchen für die BILD-Zeitung.“

Vor vier oder fünf Jahren gastierte Pispers im Sendesaal des Hessischen Rundfunks und baute einen sehr klug konstruierten Themenblock zu moderner Kommunikation, Mobiltelefonen und mobilem Internet, der Verlagerung von Wirtschaftsunternehmen und der Umweltzerstörung durch den Abbau so genannter Seltener Erden in Afrika. Als wirtschaftliches Beispiel führte er den Umzug der Nokia-Fabrik von Bochum nach Rumänien und nach wenigen Jahren nach Indien aus. Genau da dudelte ein Mobiltelefon – Nokia-Standardton. Pispers war kurz vor dem Tobsuchtsanfall. Da dachte ich noch, dass es eine inszenierte Situation für das Programm. Pispers: Es sei eine Kulturlosigkeit und Unverschämtheit, im Theater ans Telefon zu gehen. Wenn es unbedingt sein müsse – Pflegefall in der Familie z.B. – könne man das Telefon wenigstens auf Vibrator stellen. Beim nächsten Klingelton lasse er die betreffende Person von der Theaterleitung heraus werfen. Da war ich immer noch nicht sicher, ob das echt war oder eine Inszenierung. Später redete Pispers noch lange mit interessiertem Publikum, verkaufte CDs und Bücker, gab Autogramme und ließ sich fotografieren. Ein junger Mann ging mit gesenktem Blick auf sein Telefonbildschirmchen vorbei und stieß fast gegen den Tisch mit den CD- und Bücherstapeln. Pispers wurde laut und fragte in die Runde, ob diese Leute überhaupt nicht zugehört und nichts verstanden hätten, wofür er das alles machen würde. Dann bestätigte er auf Nachfrage, dass die Nokia-Klingelton-Sache tatsächlich echt war und nicht zum Programm gehörte.

Dieses Jahr dudelte mitten im Programm in der Frankfurter Jahrhunderthalle (2.600 Plätze!) wieder ein Telefon – aber immerhin nicht zum Programmpunkt Nokia. „Müssen wir alle raus gehen, damit Sie telefonieren können, oder geht es auch so?“ Der angerufene und angesprochene Mensch beendete sein Telefonat wohl und wurde noch eine halbe Minute lang mit zornigem und strengem Blick von Pispers angeschaut.

Abgesehen von den drei Beschreibungen der Publikumskonfrontationen in den letzten Absätzen schreibe ich in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit. Denn ich möchte mir nur ungerne vorstellen, dass Volker Pispers nie mehr auf die Bühne und ins Fernsehen zurück kehren wird. Ich möchte ihn möglichst bald wieder mit neuen Texten und neuen Ideen und neuen Ausführungen erleben.

Bis dahin wird er mir fehlen. Er ist der Beste der Besten im politischen Kabarett. Er ist unverzichtbar.

Eingebetteter Medieninhalt

Wenn er nicht mehr zurück kommen wird, werden uns Leute wie Mario Barth oder der unzumutbare Dieter Nuhr peinigen.

Bild: ich neben Volker Pispers. September 2014 in der Frankfurter Jahrhunderthalle

17:24 18.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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