Wong Kar-wai´s CHUNGKING EXPRESS von 1994

Filmklassiker neu gesehen 1994 entstand dieser Klassiker des modernen Hong-Kong-Kinos, den wir kürzlich im Frankfurter filmmuseum bewundern durften.
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Als Einstieg sehen wir bei Nacht Leute durch die engen Gassen von Hong Kong rennen. Die Aufnahmen bestehen aus aneinander gereihten eingefrorenen und verwackelten Bildern. Diese Bild- und Montageästethik - s. Trailer - wurde von Bildgestalter Christopher Doyle, einem gebürtigen Australier, der in Asien lebt und arbeitet, und Regisseur Wong Kar-wai erfunden und beinflusste Filmemacher auf der ganzen Welt.

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Eine Gangsterbraut mit rot-blonder Perücke - versorgt im engen Hinterzimmer einer Änderungsschneiderei indische oder pakistanische Tagelöhner mit Drogen, die sie in ihrer Kleidung und im Gepäck ins Ausland schmuggeln sollen. Sie hauen aber mit Drogen und Geld ab. Die Gangsterbraut wird Ärger bekommen und sucht die ganze Nacht nach den Flüchtigen.

Im Zentrum stehen zwei neurotische Streifenpolizisten mit Liebeskummer; wir kennen nicht ihre Namen sondern nur ihre Dienstnummern.

Der erste Polizist wurde vor einem Monat von seiner Freundin May verlassen und hofft immer noch auf ihre Rückkehr. Als tägliches Ritual kauft er jeden Tag eine Dose Ananas mit dem Verfallsdatum 01.05.2004 (1. Mai - Freundin May). Er nimmt sich vor, am 1. Mai - seinem Geburtstag - alle Dosen leer zu essen, wenn May bis dahin nicht zu ihm zurück kehrt. Die kehrt nicht zu ihm zurück und er isst 30 Dosen Ananas mit diversen Gewürzen wie Chili und Ketchup. Natürlich wird ihm schlecht und er muss kotzen. Dann macht er, was wahrscheinlich jeder von uns in dieser Situation machen würde - er geht in eine Bar und betrinkt sich. In der Bar beschließt er, sich in die erste Frau zu verlieben, die in die Bar kommt. Und es kommt die erschöpfte Gangsterin mit der rot-blonden Perücke. Den Rest der Nacht verbringen sie in einem Hotelzimmer, wo sie durchschläft und er mehrere Salate isst und dabei chinesischen Filmklassiker schaut.

Die Verfallsdaten der Konservendosen sind natürlich Verweise auf das Verfallsdatum der damaligen britischen Kronkolonie Hong Kong, die zum 1. Juli 1997 an die Volksrepublik China zurück fiel. Großartig.

Wir verabschieden uns von unserem liebeskranken und Ananas-süchtigen Polizisten und geben an seinen Kollegen weiter, der aktuell mit einer Stewardess zusammen ist, aber kurz darauf von ihr verlassen wird. Auch er entwickelt neurotische Charakterzüge und spricht zu Hause mit seiner Seife, dem Putzlappen und seinen Kuscheltieren. Die Stewardess gibt einen Brief zwecks Übergabe an ihren Freund beim Imbiss in der Nachbarschaft ab. Den Inhalt erfahren wir nicht. Allerdings öffnen der Betreiber und die Angestellten den Brief, um ihn zu lesen. Zentrale Figur am Imbiss ist Faye, die quirlige Nichte des Betreibers (Pop-Sängerin und Schauspielerin Faye Wong spielt sie umwerfend). Nach einem kurzen Flirt mit dem Polizisten entdeckt sie im Umschlag den zurück gegebenen Wohnungsschlüssel, erkundet seine Wohnung und dekoriert teilweise um. Der Polizist kapiert gar nichts, auch nicht, als sie sich vor der Wohnung und sogar in der Wohnung begegnen.

Faye hört am Imbiss bevorzugt in hoher Lautstärke "CALIFORNIA DREAM" von den MAMAS AND THE PAPAS. Auch hier kann ohne Weiteres ein Querverweis zur Situation Hong Kongs gesehen werden; viele Einwohner von Hong Kong planten, auszuwandern und besonders in der Künstler-, Schauspieler- und Filmbrance gab es einen Exitus. Schließlich verabreden sich Polizist #2 und Faye in einer Bar namens California. Während er dort wartet, ist sie bereits auf dem Weg in den US-Bundesstaat California.

Neben immer wiederkehrenden Songmotiven wie "CALIFORNIA DREAM" hören wir auch zwei mal einen mitreißenden Song von Faye Wong selbst.

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Quentin Tarantino war 1994 so begeistert von dem Film, dass er ihn mit seinem eigenen Filmvertrieb in die westlichen Kinos brachte. Ich sah ihn zum ersten mal im Entstehungsjahr beim EXGROUND-Filmfestival in Wiesbaden.

Nie wurden Melancholie und Liebeskummer so unterhaltsam verfilmt. Wundervoll.

Der Film wird in einer überwiegend sehr gut erhaltenen 35-mm-Kopie mit wenigen Abnutzungserscheinungen in Originalfassung (kantonesisch) gezeigt. Die englischen Untertitel sind nach der langen Zeit an einigen wenigen Stellen verschwommen und daher schlecht zu lesen; Untertitel wurden damals im Analog-Zeitalter noch mit Laser in den Film eingeprägt.

Veranstalter ist eine Gruppe junger Filmenthusiasten mit Namen "Treppe 41", die zwei mal im Monat das Kino des Filmmuseums zur Verfügung gestellt bekommt. Zum Abschluss des späten Filmabends lud der Filmclub Treppe 41 die Kinobesucher sogar noch zu Rum-Cola-Coctails mit Dosen-Ananas ein.

CHUNGKING EXPRESS (CHUNG HING SAM LAM)
Hong Kong 1994
von Wong Kar-wai, mit Brigitte Lin Chin-hsia, Takeshi Kaneshiro, Faye Wong, Tony Leung Chui-wau

Wong Kar-Wai für das Heimkino: z.B. hier und hier.

17:27 14.02.2018
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Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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