Der Untergang des deutschen Fußballs

Medientagebuch Das Geld, dass der Bundesliga durch kartellrechtliche Bedenken fehlt, könnte ihr zu wahrer Modernisierung verhelfen

Ist der deutsche Fußball nun dem Untergang geweiht? Das wollen die Leichenbittermienen der Funktionäre von Deutscher Fußball-Liga (DFL) und Kirch weismachen. Das Kartellamt, das mit Bernhard Heitzer einen bekennenden Fußballfan an der Spitze hat, stoppte beider Fernsehvermarktungspläne, die in sechs Jahren 3 Milliarden Euro für die Liga garantieren sollten.

Von Untergang kann allerdings keine Rede sein. Die deutschen Frauen sind amtierende Weltmeisterinnen. Die U19-Männer sind gerade Europameister geworden. Nur die Männermannschaft, die bestausgestattete unter Deutschlands Fußballern, scheren aus: "nur" WM-Dritter und Verlierer im EM-Finale, dank eines schmeichelhaften 0:1 gegen das junge Team aus Spanien.

In Spanien und Italien vermarkten die Vereine ihre Bewegtbilder-Rechte einzeln. Das überlegen nach der Kartellamtsentscheidung nun vielleicht auch fanstarke Bundesligisten wie Bayern, Schalke oder Dortmund. Sie sollten es gut überlegen. In allen scheinbar reicheren Ligen spielen höchstens 4 von 20 Teams ernsthaft um die Meisterschaft. Taugt das schon nicht zum Vorbild, so bilden Verschuldungen von 600 Millionen Euro (wie beim FC Valencia und bis zu einem anrüchigen Immobiliendeal auch bei Real Madrid) und leere Stadien nach gekauften Schiedsrichtern und Meistertiteln (Italien) wenig gloriose Aussichten.

Im Tagesspiegel vom letzten Sonntag hat der britische Fußballphilosoph Mark Perryman anschaulich beschrieben, welche Fußball-Liga sich dagegen Deutschlands Funktionäre mit Hilfe von Kirch wünschen: Im reichsten europäischen Spielbetrieb, der englischen Premier League, die in den Pay-TV-Milliarden von Rupert Murdoch schwimmt, sind die Eintrittsgelder doppelt so hoch wie hierzulande, die Stehplätze ganz abgeschafft, einheimische Spieler stellen auf dem Platz noch ein Drittel, Fußball im frei empfangbaren Fernsehen gibt es erst ab 22 Uhr. Die Meisterschaft wird immer nur zwischen Manchester United, Chelsea, Arsenal und Liverpool ausgemacht. Die englische Nationalmannschaft schaffte nicht einmal die Qualifikation zur Europameisterschaft, an der immerhin 16 Teams teilnehmen durften. Und "in nur einer Generation", so Perryman, "wird die Leidenschaft der Engländer für das Spiel erloschen sein." An ihre Stelle trete eine sterile Dienstleistungskultur.

Das ist vermutlich das, was Leute wie Rummenigge (Bayern) oder Rauball (Dortmund; DFL-Chef) für modern halten. Denn in ihren Lebenssphären sind einige wesentliche gesellschaftliche Wandlungsprozesse noch nicht angekommen. In den Parkanlagen spielen die Geschlechter schon gemischt, Nationalitäten keine Rolle, während ein in Gelsenkirchen geborener Hamit zur türkischen Nationalmannschaft abwandern musste, um dort zum besten Spieler zu avancieren. Etwas stimmt nicht in der deutschen Wirtschaft, und sei es die Fußballwirtschaft, wenn hier aufwachsende Talente ihr Glück lieber in Istanbul als in Dortmund suchen.

Erst recht gilt das, wenn die Talente weiblich sind. Während die Frauen-Nationalmannschaft am laufenden Band Meistertitel sammelt, schafft es die Fußballbranche bis heute nicht, einen auf professionellem Niveau arbeitenden Ligabetrieb zu organisieren, von einer leistungsgerechten Medienvermarktung ganz zu schweigen. In der Frauenbundesliga herrschen noch die Zustände, die bei Englands Männern schon wieder herrschen: Nur zwei Spitzenteams machen in der Regel den Meistertitel unter sich aus. Populär kann ein Wettbewerb aber nur werden, wenn er wirklich einer ist.

Die Genderfrage deutet auch in anderer Hinsicht auf eine Modernisierungsbremse im Fußball. Gab es bei den Frauen vor längerer Zeit immer einmal Lesbengerüchte, für die sie sich besser niemand geschämt hätte, traut sich bis heute kein schwuler Fußballprofi an die Öffentlichkeit, allen Gerüchten und Witzen zum Trotz. Wie Mehltau liegt über dem Fußball ein atavistisches Männerbild, dabei wähnt der Sport sich statt in der frühen Industrialisierung im Zeitalter von Medien- und Dienstleistungsgesellschaft. Immerhin scheint der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB) Theo Zwanziger entschlossen, gegen die Homophobie im deutschen Fußball anzugehen - hier hätten Vereinsvorstände und Vermarkter ein breites Betätigungsfeld.

Zu Recht akzeptierte Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann kürzlich "das Argument der finanziellen Diskrepanz" zur internationalen Vereinskonkurrenz nicht. "Letztlich ist die Atmosphäre, ist die Arbeitsphilosophie, die ein Verein entwickelt, wichtiger als ein Hundert-Millionen-Transfer." Sagt Klinsmann. So könnte durch die Bundeskartellamtsentscheidung bestenfalls eine rundum überkommene Vorstellung und Ausprägung des Fußballs untergehen.

Und selbst wenn, als Revanche, die Sportschau vor 20 Uhr verkürzt werden sollte, dann wird die ARD weniger dafür bezahlen. Was der Fan mit Blick auf die Uhr und die sachgerechte Verwendung von Gebührengeldern nur begrüßen kann.

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