Visionslos

Linksbündig Ist Deutschland technikfeindlicher als China?

Deutschlands Sozialdemokraten waren - begleitet von Vorstandsherren und Ingenieuren der Großindustrie (Siemens, Thyssen-Krupp) - in China und kamen mit leuchtenden Augen zurück. War der chinesische "Sozialismus" Grund ihrer Bewunderung? Das ist mit Sicherheit auszuschließen. Waren es Bürgerrechtsbewegungen, die Hoffnung auf "den Westen" setzen? Nein; die waren es auch nicht. Die Herren bewunderten, wie es dem chinesischen Staat und der Stadt Shanghai gelungen ist, eine Transrapid-Strecke innerhalb von zwei Jahren in Betrieb zu setzen. China, ein Land, das noch "Visionen" verwirklichen kann. Warum nur soll das bei uns nicht möglich sein?

Wir könnten das Thema hier mit der Antwort abschließen: weil wir eine Demokratie haben. Und das ist Politikern mit großtechnischen Visionen eben sehr unangenehm. Ständig gibt es aus dem zu beglückenden Volk mäkelnde Widerworte. Wie sollen wir da im globalen Wettbewerb bestehen?

Der Grund, warum deutsche Großindustrie diesen Wettbewerb gelegentlich schlecht besteht, ist in der Transrapid-Debatte gut zu besichtigen. Sie lebt seit den seligen Zeiten Kaiser Wilhelms davon, zielsicher staatliche Subventionstöpfe leerzufressen. Der Kaiser und die Nazis hatten ihnen diese Töpfe hingestellt, weil sie sie für ihre Kriegspläne brauchten. In der Bundesrepublik Deutschland mussten sich Siemens, Thyssen und Krupp zumindest insofern nicht umgewöhnen, als ihnen zum Zwecke der Forschungsförderung und zum Zwecke der Erhaltung von industriellen Arbeitsplätzen auch weiterhin die Milliarden mit vollen Ministerhänden hinten und vorne reingestopft wurden.

Leitfrage wurde also nie: was braucht der Mensch? Was braucht die Verbraucherin? Was benötigen Verkehrsteilnehmer und Fahrgäste? Sondern umgekehrt: wir haben eine Großtechnik entwickelt. Wo gibt es Subventionen dafür? Wie können wir sie dem Staat wirkungsvoll andrehen?

Der Transrapid scheint tatsächlich eine faszinierende Technik zu sein, nicht nur für Männer, die als kleine Jungen für Modelleisenbahnen geschwärmt haben. Geschwindigkeit, gemässigte Lärmwerte und Energieverbrauch sprechen für ihn, eine interessante Alternative zu den extrem umweltschädlichen Flugverbindungen. In der aktuellen Debatte in Bayern und Nordrhein-Westfalen soll er jedoch nicht Flüge, sondern S-Bahnen in dichtbesiedelten Räumen auf schon existierenden Hauptverkehrsachsen ersetzen. So wird der guten Erfinderidee kein Dienst erwiesen, sondern im Gegenteil: so wird sie gekillt. Nicht die Gegner des "Metrorapid" (so die Bezeichnung in NRW) und dieser Münchener Schwebe- S-Bahn sind also die Technikfeinde, sondern gerade diejenigen, die es den Fahrgästen an deren Bedürfnissen vorbei für teures Geld, sei es nun Steuer- oder Fahrgeld, andrehen wollen.

Obwohl die Transrapid-Technik schon 1938, jaja in dieser Zeit, entwickelt wurde, scheint sie sogar für die aktuelle Debatte um ein europäisches Fernverkehrsnetz zu spät zu kommen. Eine Schwebezug-Verbindung Moskau-Warschau-Berlin-Paris-Madrid, die hätte Sinn. Kopenhagen-Hamburg-München-Mailand-Rom wäre ein interessanter Nord-Süd-Weg. Die europäischen Bahngesellschaften sitzen bereits seit Jahren zusammen und diskutieren über Spurbreiten, Strom- und Signalsysteme. Dort ist der Transrapid kein Thema. Der wird zur Zeit zwischen Dortmund, Bochum, vielleicht auch noch Wattenscheid diskutiert. Sehen so Visionen aus?

Tatsächlich wirkt er gerade dort, wo er diskutiert wird, als Investitions- und Fortschrittsbremse. Eine S-Bahn-Schnellverbindung in München könnte schon lange gebaut sein. Die NRW-Strecke braucht dringend ein drittes Doppelgleis (neben Fernverkehr und S-Bahn) für die am stärksten nachgefragten Regional-Express-Züge. Das wäre auch teuer, aber vergleichsweise billig.

In Shanghai wurden einfach Häuser und komplette Stadtviertel plattgewalzt, weil es vom Streckenbau profitierende Bauunternehmer so wollten. Im sozialdemokratisch regierten Deutschland dagegen ist Eigentum geschützt, egal ob es sich um Schrebergärten oder Wohnhäuser handelt. Demokratisch gewählte Länder- und Kommunalparlamente haben verfassungsrechtlich verbriefte Rechte. Konzerne und staatliche Verwaltungen sind an Recht und Gesetz gebunden und können gegebenenfalls von angerufenen unabhängigen Gerichten darauf verpflichtet werden. Ist es das, was sozialdemokratische Visionäre stört?

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