„And I Trust You“ in der Miettinen Collection: Sorry Mama

Berlin Art Week Vertrauen in der Beletage: Eine Ausstellung in der Miettinen Collection nähert sich dem Thema aus queer-feministischer Perspektive
Ausgabe 36/2022

Fast meint man, die Ausstellung beginne schon im Treppenhaus: Ein Bewohner des Hauses berichtet per provisorisch mit Klebestreifen auf dem glatten Wandmarmor befestigtem DIN-A4-Aushang, dass am 13. Juni (!) über „Amazon/DHL“ ein Paket zugestellt wurde. Es sei aber „bei einem Nachbarn in diesem Gebäude“ abgegeben worden: „Wenn Sie es haben, hinterlassen Sie es bitte an meiner Tür im Erdgeschoss oder rufen Sie mich unter (…) an.“ Es sind verschiedene Ebenen des Vertrauens, die sich in diesem Schreiben kreuzen: Der Bewohner vertraute dem Lieferdienst, dieser dem Nachbarn, und ersterer nun nolens volens dem unbekannten Nachbarn – und offensichtlich den Gestaden der Zeit.

Die Sammler als Miniatur

Auch eine Ebene darüber, im ersten Stock des mit einer Regenbogenflagge und reich mit Stuck verzierten Berlin-Charlottenburger Wohnhauses von 1897, steht Vertrauen zur Disposition, allerdings etwas umfangreicher. In der Beletage des Hauses in der Marburger Straße, einer Straße, die in den 1920er-Jahren unter anderem durch eine Kombination von künstlerischem, lesbischem und jüdischem Leben charakterisiert war (die sieben Stolpersteine vor dem Haus sprechen eindrücklich von dem Ende dieser Zeit), hat der finnische Unternehmer Timo Miettinen nach Erwerb des Gebäudes im Jahr 2010 einen Salon mit Veranstaltungen und Ausstellungen eingerichtet. Zunächst unter dem Namen Salon Dahlmann bekannt, nennt sich der Ort mittlerweile vorrangig Miettinen Collection. Dass Timo Miettinen, Sammler nicht nur finnischer zeitgenössischer Kunst mit einer Sammlungsgröße von rund 1.500 Arbeiten, bei der Neubenennung der Örtlichkeit auf seinen Vornamen verzichtete, kann auch als Vertrauensvorschuss verstanden werden, insbesondere an seine Tochter Anna. Die im Familienunternehmen in Helsinki arbeitende Ingenieurin, die die Sammlung nach eigenem Bekunden dereinst übernehmen könnte und sich bisweilen bereits kuratorisch betätigt, hat nun in den umfangreichen Räumlichkeiten mit der in Berlin lebenden Kuratorin Linda Peitz eine Ausstellung zum Thema „Vertrauen“ konzipiert: Für And I Trust You – gleichzeitig der Titel einer in der Ausstellung zu sehenden, diese Worte in weißem Neon schreibenden Arbeit der britischen Künstlerin Tracey Emin – haben Miettinen und Peitz Werke von rund 30 Künstler*innen verschiedener Herkunft ausgewählt, die sich des Themas Vertrauen aus einer queer-feministischen Perspektive annehmen. Zusammengestellt haben Anna Miettinen und Peitz die Ausstellung aus der Kunstsammlung von Miettinens Vater und aus derjenigen des deutschen Immobilienunternehmers Florian Peters-Messer, die, kuratiert von Peitz, etwa kürzlich im Marburger Kunstverein zu sehen war.

Dass die Arbeiten aus den beiden Sammlungen sich in der Ausstellung in einer Weise ergänzen, die Zuordnungen auf den ersten Blick kaum möglich macht, dürfte, neben der Handschrift der beiden Kuratorinnen, auch daran liegen, dass für beide Sammler, wie es der Pressetext so schön offen formuliert, „die Kunst eine wichtige Brücke“ war, „um die von der Gesellschaft und der Familie vorgegebenen Stereotypen zu durchbrechen“, und der Sammlungsfokus so jeweils in der Art der Verankerung der Werke in gesellschaftlichen Diskursen ein ähnlicher ist. Nicht zuletzt: beide Sammler kennen sich gut. Dass dem so ist, dokumentiert eine rechtzeitig zur Ausstellung fertiggestellte Arbeit der finnischen Künstlerin Aurora Reinhard, eine Miniatur mit zwei Räumen, eine Art Puppenhaus: in einem rechten Zimmer sitzen sich Figurinen von Timo Miettinen und Florian Peters-Messer im angeregten Gespräch auf zwei Sesseln gegenüber, hinter ihnen an der Wand ein (bei And I Trust You tatsächlich neben dieser Arbeit in Originalgröße zu sehendes) Fototriptychon der Künstlerin, in einem linken Raum sieht man die Künstlerin selbst in Miniaturgröße bei der Arbeit. Sie bearbeitet gerade ein Exemplar ihres Werkes Martyr (self-portrait), für das sie eine ebenfalls 3D-geprintete Version ihrer selbst nach dem Vorbild der typischen den mit Pfeilen durchsiebten Heiligen Sebastian darstellenden Plastiken schuf.

Jesus und Jesus beim Sex

Reinhards Modell, von den Kuratorinnen an zentraler Stelle der Ausstellung platziert, mag gleich von mehreren Ebenen des Vertrauens erzählen: Das Vertrauen einer Künstlerin in einen Sammler und umgekehrt, das Vertrauen in die Möglichkeiten von Abbildbarkeit, als kunstgeschichtliches Echo das tradierte Vertrauen eines christlichen Heiligen in Gott – und die Frage der möglichen Veränderung dieser Bedeutung bei der gleichmotivigen Darstellung einer Person mit anderem Geschlecht und anderer Identität. Das nahe dem Thema „Glauben“ angesiedelte Thema des Vertrauens ist mit dieser Arbeit von Reinhard sowie der Wandarbeit Brotherhood Begins In Shared Pain von Aviva Silberman, bei der eine handelsübliche, gekreuzigte Jesusfigur aus Plastik hinter einer identischen anderen hängt, die beiden vermutlich gerade Sex haben, in der Ausstellung dann aber schon weitgehend ausgeschöpft. Das Vertrauen, das Peitz und Miettinen bei And I Trust You in den Raum stellen, ist vielmehr eines auf persönlichen und gesellschaftlichen Ebenen, es kann aber, wie Anna Miettinen betont, auch etwa die Natur oder die mediale Wahrnehmung mit einbeziehen. Die argentinisch-schweizerische Malerin Vivian Suter, Teilnehmerin der documenta 14 und in beiden Sammlungen vertreten, hat ihre großen, mit Öl und Acryl gefertigten Gemälde, die teils an Flaggen erinnern, dem Wetter ausgesetzt. Es sei ein Vertrauen in die Natur, das in diesen Bildern einem Vertrauen in Staaten überwiegt, erläutert Linda Peitz den Zusammenhang von Werk und Ausstellung. Jens Pechos Videoarbeit Three Casualties hingegen seziert drei Szenen aus realisierten Spielfilmen, bei denen Stuntmänner ums Leben kamen, der Moment des Todes aber entweder im Film gecuttet oder die tödliche Szene mit einem weiteren Stuntman noch einmal abgedreht wurde und so erst Verwendung im Film fand. Die Spielfilme erzählen von diesen Geschichten selbstredend nichts, erst der bei Pecho zu den Szenen eingeblendete Text und das Mittel der Zeitlupe machen die Drastik hinter den Bildern erahnbar. Dass das getäuschte Vertrauen der Stuntmänner in den glücklichen Ausgang der Situation mit der Erwartung der die Filme Sehenden, die gezeigten Fatalitäten seien nicht echt, kollidiert, macht aus Pechos Arbeit jedoch noch keinen Snuff-Film. Jenseits des Anekdotischen lauert vielmehr die Bequemlichkeit, in den bewegten Bildern die Illusion eines Narrativs hinnehmen zu wollen.

Wie in Pechos Arbeit bedeutet die Thematisierung von Vertrauen aus einer queer-feministischen, also nicht heteronormativen Perspektive, wie Anna Miettinen betont, für die Ausstellung nicht zwangsläufig, dass die Arbeiten auch immer ausschließlich vorderrangig queer-feministische Themen aufgreifen. Die beiden Arbeiten im Eingangsbereich der Sammlung Miettinen etwa lassen sich zunächst auch unter anderen Aspekten verstehen: Henrike Naumanns gerahmte Four Words von 2015, ein „Wandtattoo eines rechten Versandhändlers auf Raufasertapete aus den frühen 90er Jahren“ mit den in Fraktur geschriebenen Worten „Wir sind das Volk“ scheinen zunächst etwas zu lose in das Thema der Ausstellung eingruppiert. In Zusammenhang mit der ebenfalls im Entrée gehängten Gouache der aus Kiew stammenden und in Deutschland lebenden Maria Sulymenko macht die Setzung zweier Werke zu Nationalismen als den einführenden Arbeiten der Ausstellung Sinn, wenn es um die Darstellung der Zwänge gewalttätigster, faschistischer Normen geht: auf dem Bild von Sulymenko, aus The Glass World of People and Things von 2017, stehen sich zwei Figuren mit Gewehren gegenüber, von denen eine, gelb-bläulich gekleidet, gerade vom Kugelhagel aus der Waffe der anderen Figur getroffen wird. Die Wand hinter der Figur ist in Blut getränkt, hinter der anderen Figur kommt bedrohlich eine weitere Figur zum Vorschein, komplett schwarz. Hier schenkt niemand mehr Vertrauen, auf diesem Bild herrscht Krieg.

Anders nah am Thema fällt etwa die Arbeit von Elmgreen & Dragset Portrait of the Artist as A Young Man (Homosexual) auf, die zwei Kinderfotos der Künstler zeigt, versehen mit der Zeile „Sorry Mama“; oder Alexander Basils Ölgemälde, auf dem sich eine nackte Version des Künstlers in der Badewanne einen Spiegel vorhält, das Spiegelbild aufgrund seiner Position im Raum aber auch dasjenige eines das Bild Betrachtenden sein könnte, wie der Blick des gemalten Künstlers zu verstehen gibt. Als ungeahnt im nicht nur lokalen Bezug aktueller denn je gewordenes Statement muss man Monica Bonvicinis Skulptur Grab Them by the Balls # 3 aus dem Jahr 2020 verstehen: eine in Bronze gegossene, weiblich lesbare Hand, die, mit der Handfläche nach oben aus der Wand ragt und jederzeit zugreifen könnte – eine unmissverständliche Gegenreaktion auf Donald Trump. Im Zusammenhang damit, dass Bonvicini in Berlin von der König-Galerie vertreten wird, deren Inhaber Johann König sich derzeit mit Anschuldigungen sexueller Belästigung konfrontiert sieht, sollte die Ausstellung an dieser Stelle aber vielleicht besser And I Trusted You heißen.

And I Trust You Miettinen Collection, 10. September 2022 bis 14. Januar 2023

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