Martin Eich

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RE: Wo ist das Volk? | 23.04.2010 | 15:57

Sehr geehrte Frau Baumann,

vielen Dank für Ihren neuerlichen Kommentar, auf den ich natürlich gerne, wenn auch abschließend (s.u.), antworte.

Ihre Spitzfindigkeiten, auf die Sie weitgehend Ihren Beitrag und nahezu ausschließlich Ihre Schlußfolgerungen aufbauen, vermag jeder Leser in ihrer Aussagekraft selbst zu beantworten. Die dahinter stehende Absicht auch. Ich will es anders formulieren: Manchmal sind die vehementesten Fürsprecher einer Sache zugleich ihre wirkungsvollsten Kritiker.

Sie suggerieren, ich hätte in meiner ersten Antwort behauptet oder angedeutet, das Centraltheater habe die Inszenierung "Der Kirschgarten" zum Theatertreffen eingereicht und werfen mir deshalb Unkenntnis der dortigen Abläufe vor.

Tatsächlich habe ich die entsprechende Behauptung nur in Ihrer Phantasie aufgestellt, denn der fragliche Satz lautet: "Das Hartmann-Stück wurde zum diesjährigen Theatertreffen zwar eingereicht, aber nicht nominiert." Wer den "Kirschgarten" eingereicht hat, bleibt bei dieser Wortwahl offen. Von diesem Formulierung exklusiv auf das Centraltheater als Einreicher zu schließen, ist eine unzulässige Verengung der sprachtheoretischen Alternativen. Wenn Sie sich auf meine Sätze beziehen, bitte modifizieren Sie sie inhaltlich nicht so, damit sie zumindest grob in Ihr argumentives Raster passen.

Ein nicht unwesentlicher Teil Ihres zweiten Kommentars befaßt sich nur mit dieser Unterstellung. So schnell, Frau Baumann, kann der (konstruierte) Anlaß für (wahrscheinlich noch konstruiertere) Empörung in sich zusammenfallen.

Auch was das Prädikat des fraglichen Satzes angeht, kann ich Ihre Entrüstung nicht nachvollziehen. Ob einer oder mehrere Kritiker den "Kirschgarten" eingereicht oder vorgeschlagen haben (er wird sich wohl kaum selbst in die Diskussion gebracht haben, jemand muß auf die Idee gekommen sein), vermag für Sie einen bedeutenden Unterschied darzustellen. Für mich nicht.

Entscheidend ist inhaltlich (und darauf gehen Sie natürlich nicht ein), daß der "Kirschgarten" dort offenbar die Fachjury (gerne greife ich diesen Begriff wieder auf) nicht überzeugt hat und damit nicht zu den zehn ausgewählten Stücken gehört.

Ebenso wenig durchschlagend scheinen mir Ihre Ausführungen zum Preis/Auszeichnung/Titel "Schauspieler des Jahres" bzw. "Schauspielerin des Jahres", der/die/der von/durch/mittels der/die Zeitung "Theater heute" verliehen wird, zu sein. Man mag darüber streiten, ob an dieser Stelle eine präzisere Formulierung angebracht gewesen wäre.

Angesichts Ihrer sprachlichen Grenzüberschreitungen, die Sie in beiden Beiträgen permanent begehen - so behaupten Sie z.B. jedesmal wahrheitswidrig, ich hätte über die "Familie Vulesica" geschrieben, diese umfaßt (Sie können diese Tatsache sogar dem von Ihnen aufgeführten Artikel in der "Berliner Zeitung" entnehmen) außer den beiden Schwestern noch weitere Familienmitglieder - denke ich allerdings, daß ausgerechnet Sie in Fragen der Sprachhygiene eine schlechte Ratgeberin sind.

Sie können sicherlich recherchieren, wie der Begriff "Familie" soziologisch und umgangssprachlich - das macht im vorliegenden Fall keinen Unterschied - definiert wird. Ich bin mir sicher, Sie wissen es längst.

Sie haben vielleicht Verständnis dafür, wenn ich es vor dem Hintergrund Ihres zweiten Kommentars ablehne, weiterhin mit Ihnen eine immer mehr ins sophistische abgleitende Diskussion zu führen. Zumal, wenn diese - wie ich oben anhand konkreter Zitate von Ihnen und mir dargestellt habe - Ihrerseits mit bewußten Verdrehungen und Unterstellungen geführt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Eich

RE: Wo ist das Volk? | 22.04.2010 | 18:46

Sehr geehrte Frau Baumann,

ist es sogar noch sehr viel schlimmer, als Sie schreiben: Ich habe über das Kroatien-Projekt von Marija Vulesica und ihren Kollegen sogar nicht nur in der "Berliner Zeitung" und dem "Tagesspiegel", sondern zusätzlich am 16. September vergangenen Jahres auch in in der FAZ berichtet.

Und, um noch etwas draufzusetzen: Ich würde es, weil ich für verschiedene deutschspachige Zeitungen regelmäßig über Kroatien schreibe, auch wieder tun. Diese Historiker-Projekt offenbart in einer bemerkenswerten Klarheit die derzeitige Zerrissenheit der kroatischen Gesellschaft, ist deshalb journalistisch relevant. Und das allein ist ausschlagebend dafür, ob ich mich eines Themas annehme.

Sie hingegen vertreten - ich bringe es abseits aller in Ihrem Beitrag zu findenden Wortgirlanden auf den Punkt - die Auffassung, ich dürfte entweder nur über die Historikern oder die Schauspielerin Vulesica schreiben. Aha. Mit Verlaub: Warum? Beide Schwestern sind Personen der Zeitgeschichte und erbringen in ihren jeweiligen Bereichen bemerkenswerte Leistungen.

Fänden Sie es Marija Vulesica und ihren Kollegen gegenüber eigentlich fair, wenn ich - als einer der wenigen deutschen Journalisten, die regelmäßig über Kroatien schreiben - ihr aufschlußreiches Projekt totschweige, nur um in meiner Eigenschaft als Kultur- und Medienjournalist weiter über ihre Schwester, die Schauspielerin, schreiben zu können? Und fänden Sie es angemessen, wenn ich deren Mitwirkung in Theaterstücken verschweige, nur weil ich in der Vergangenheit schon über ihre Schwester berichtet habe?

Wahrscheinlich können Sie angesichts Ihres Standpunkts mit dem nachfolgenden Vergleich mehr anfangen: Dürfte ich etwa nicht positiv über Inszenierungen von Sebastian Hartmann schreiben, wenn ich etwa über seine Schwester, die auch Schauspielerin ist, schon ein Porträt veröffentlicht hätte?

Falls Ihnen die Antwort auf diese Fragen schwerfallen sollte, für mich liegt sie auf der Hand: Natürlich darf ich das, alles andere wäre wohl kaum mit journalistischer Ethik und dem Anspruch, Leser umfangreich und wahrheitsgemäß zu informieren, zu vereinbaren.

Oder, um es ganz unmißverständlich zu formulieren: Sippenhaft(ung) war und ist ein Mittel, das totalitäre Regime und Denkweisen kennzeichnet. Sie diente und dient vor allem dazu, Kritiker abzuschrecken und mundtot zu machen. Ich denke, wir sollten dem Vordringen solcher Strategien nicht Vorschub leisten. Ich für mich werde es jedenfalls nicht tun.

Was meine Kritik an Sebastians Hartmanns "Kirschgarten" angeht, so weise ich darauf hin, daß die Rezensentin der LVZ und ich mit unseren - ziemlich übereinstimmenden - Meinungen offenbar nicht alleinstehen. Das Hartmann-Stück wurde zum diesjährigen Theatertreffen zwar eingereicht, aber nicht nominiert. Es fiel mit Pauken und Trompeten durch. Raten Sie mal, warum. Damit an dieser Stelle keine neuerlichen Verschwörungstheorien aufkommen: Ich war an dieser Entscheidung der Fachjury nicht beteiligt.

Und was das Wirken von Anita Vulesica (deren schauspielerisches Potenzial Sie, zumindest schreiben Sie das, auch schätzen) in "Eines langen Tages Reise in die Nacht" betrifft, darf ich Sie auf die geradezu hymnische Kritik des Kollegen Ulrich Seidler - der nicht im Verdacht steht, ein Hartmann-Gegner zu sein - aus der "Berliner Zeitung" vom 14. Februar 2009 verweisen. Den Artikel ist hier

www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0214/feuilleton/0014/index.html

zu finden.

Schade, daß Sie nicht auch auf diesen Beitrag gestoßen sind, zumal Sie offenbar bereits den Weg zum Online-Archiv der "Berliner Zeitung" gefunden haben. Ich hätte Ihnen gerne auch zu diesem Fundergebnis gratuliert.

Für ihr Spiel in "Eines langen Tages Reise in die Nacht" wurde Frau Vulesica übrigens vom Branchenblatt "Theater heute" für den Preis "Beste Schauspielerin des Jahres" nominiert. Ich denke, ich kann deshalb guten (journalistischen) Gewissens ihre Bedeutung in dieser Inszenierung hervorheben.

Was Sie über Sewan Latchinian schreiben, möchte ich nicht kommentieren. Nur soviel: Der sitzt im Vorstand der Intendantengruppe des Bühnenvereins, ist unter Intendanten-Kollegen ebenso beliebt wie anerkannt (trifft beides auf Hartmann eher nicht zu) und sein Theater, die zweitkleinste Haus in Deutschland, wurde 2005 "Theater des Jahres" (eine solcher Ritterschlag steht bei Hartmann auch noch aus).

Allgemein ist, auch in diesem Diskussionsstrang, der vielsagende Effekt zu beobachten, daß Hartmann-Kritikern generell - egal, ob Sie Augsburg, Latchinian oder Eich heißen - wahlweise Inkompetenz, persönliche Motive oder theaterpolitische Überholtheit attestiert werden. Ich finde das bemerkenswert. Sie wahrscheinlich nicht.

Sie fragen in Ihrem Beitrag, ob es "unverschämt oder paranoid" ist, mir "Befangenheit und tendenziöse Bericherstattung" vorzuwerfen. Die Höflichkeit verbietet mir zu antworten.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Eich