Das Geld ist eigentlich da!

Bühne Vor dem Berliner Theatertreffen fordert die Branche mal wieder mehr finanzielle Mittel. Zu Unrecht

Neulich irgendwo in Deutschland: Der Intendant eines mittelgroßen Stadttheaters nennt beiläufig bei Pizza und Weißwein sein Einkommen. Der Einwurf, dies sei höher als das des Oberbürgermeisters, wird vehement bestritten. Die Recherche am nächsten Tag ergibt: Das Gehalt des Intendanten liegt, bei ungleich geringerer Etat- und Personalverantwortung, um 45.000 Euro und damit etwa ein Viertel über dem des Politikers.

Eine Episode, die ins Allgemeingültige weist: Das Theater und seine Macher sind trotz aller Kassandrarufe noch immer gut gestellt; sowohl bei den individuellen Gehältern (jedenfalls für die Führungsebene, für Schauspieler gilt das Gegenteil) als auch institutionell. Allein, es wird nicht wahrgenommen, gewürdigt schon gar nicht, sondern es wird gefordert und polemisiert. Er müsse aufpassen, nicht zum Eisenbahner zu werden, der die Juden nach Auschwitz fahre, mahnte unlängst, vollkommen geschmacklos, ein Intendant seinen Geschäftsführer. Dieser hatte lediglich unumgängliche Strukturanpassungen für das eigene Haus vorgeschlagen.

„Kann man hierzulande mit fix bereitgestellten Milliardenbeträgen immer nur die Scheißbanken retten, die außer den paar Geldgeiern wirklich kein vernünftiger Mensch braucht?“, schrieb Ex-Intendant Frank-Patrick Steckel, als es bei nachtkritik.de um Zuschusskürzungen für das Badische Staatstheater Karlsruhe ging. Zivilisation wird überschätzt, zurück zur Naturalwirtschaft, sollte das wohl heißen. Und auch Ulrich Khuon, in Berlin als DT-Intendant mäßig erfolgreich, mimt gern den Ritter Fürchtenichts: „Wir dürfen nicht vor Verständnis zerfließen“, forderte er vor zwei Jahren mit Blick auf Landes- und Kommunalpolitiker, die sich bemühen, finanzielle Erblasten abzutragen. Khuons bemerkenswert schlichter Rat an Kollegen, die auf Kooperation statt Konfrontation setzen: „Kämpfen!“ Um ein Bonmot Theodor Heuss’ zu zitieren: „Na, dann siegt mal schön.“ Während sich nun in Berlin die Branche zum Theatertreffen versammelt, dräut längst die normative Kraft des Faktischen am Horizont.

Die Glorie der Vergangenheit

Die Haushalte der meisten Träger bieten keine Spielräume mehr, die Pflichtaufgaben gehen den freiwilligen Leistungen – Sport und Kultur – vor. Dass es die Vielfalt der Bühnenlandschaft überhaupt noch gibt, liegt am Euro und der von ihm ausgelösten Kapitalflucht nach Deutschland, die eine Niedrigzinsphase einleitete. Exemplarisch lässt sich das am Berliner Etat nachweisen: Steigen die Zinsen nur um ein Prozent, muss das mit knapp 60 Milliarden Euro verschuldete Land jährlich 600 Millionen mehr einsparen – der Unterabschnitt „Kultur und Religion“ hat in diesem Jahr ein Gesamtvolumen von 541,5 Mio. Euro (davon für die Bühnen: 323,9 Mio.).

Im Grundsatz geht es vielen Kommunen des Ruhrgebiets nicht anders. Die Schuldenbremse, die das Abwälzen weiterer Belastungen auf nachfolgende Generationen verhindert, wird diese Effekte noch verstärken. Es wäre euphemistisch, den Theatern vorzuhalten, sie hätten keinen Plan B. Es fehlt sogar Plan A. Fortwährend die Glorie vergangener Dekaden zu bemühen und auf die eigene vermeintliche Systemrelevanz zu pochen, kann das vielleicht kaschieren, aber nicht kompensieren. Die Szene muss, wie andere gesellschaftliche Bereiche auch, ihren Beitrag zur Konsolidierung erbringen. Sonst wird sie nicht überdauern.

Das Theatertreffen läuft vom 6. bis 22. Mai berlinerfestspiele.de/theatertreffen

06:00 06.05.2016
Geschrieben von

Martin Eich

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