London Calling – Wilfrid Israel heute

Stadtspaziergang Sonntag, 13.03., ab 14:00 Uhr, Berlin-Mitte. Ich hoffe, Sie kommen mit, denn Wilfrid Israel ist sehr aktuell.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Als „Arbeitplatz glattzüngiger Engel und Dämonen“ beschreibt Sabine Rohlf ein Call Center - in einer Renzension des neuen Buches der britischen Feministin Laurie Penny („Babys machen und andere Geschichten“). Als ehemaliger Call-Center-Agent (das ist wirklich eine Berufsbezeichnung) fühle ich mich natürlich angesprochen. Da kommt mir gleich der Slogan „London Calling“ in den Sinn – London war auch der letzte Wohnort von Wilfrid Israel, der die Hauptperson eines Stadtspaziergangs ist, den ich am Sonntag, den 13.03. ab 14:00 Uhr in Berlin-Mitte mache. Es handelt sich um eine Bildungsveranstaltung des Bildungswerks Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung – lernen im Gehen, eine gute Erziehung für Bewusstsein und Körper, und mensch wird garantiert nicht dümmer davon. Dieser Bildungsgang ist kostenfrei – eine – möglichst zeitnahe – Anmeldung ist aber erforderlich unter: guth@bildungswerk-boell.de. http://calendar.boell.de/de/event/ein-menschenfreund-auf-den-spuren-von-wilfrid-israel-berlin-2

Ich hoffe, Sie kommen mit, denn Wilfrid Israel ist sehr aktuell. Er war 1938/39 wesentlich an der Rettung von 10.000 jüdischen Kindern aus Berlin nach Großbritannien beteiligt.

Eine der von ihm geretteten Menschen heißt Hedy Epstein, die sich heute für die Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser einsetzt. Sie ist ein Beispiel dafür, dass viele Jüdinnen und Juden meinen, dass die Menschenrechte auch für die Palästinenserinnen und Palästinenser gelten müssen. Ihr Beispiel hilft auch, Antisemitismus entgegen zu treten, und zu zeigen, dass Jüdinnen und Juden sehr verschiedene Meinungen zu diesem Thema haben.

Wilfrid Israels Einsatz für die Menschenrechte begann schon als, er noch ein Jugendlicher war – er wurde 1899 geboren und starb leider schon 1943. Er ist auch deshalb aktuell, weil er vor einem „gefährlichen Pessimismus“ warnte, der zum Nichtstun verurteilt, wo Handeln nötig, aber eben auch möglich ist. Eine frühe Version des Slogans „Wir schaffen das“, oder eben: „Yes, we can!“

Auch über Palästina hat sich Wilfrid Israel Gedanken gemacht: er trat für eine jüdische Renaissance in Palästina ein, war aber – wie Albert Einstein und Martin Buber – gegen jeden Nationalismus. Deshalb hatte er kein gutes Verhältnis zu dem späteren „Gründer“ des Staates Israel, David Ben Gurion, den er eben für einen solchen Nationalisten hielt – zu Recht, wie sich später heraus stellen sollte. Wilfrid Israel hat das schon früh erkannt.

Übrigens: Im MitteMuseum (Pankstraße 47, 13357 Berlin) ist bis zum 31.03. eine Ausstellung der Künstlerin DESSA zu sehen: Kaufhaus Nathan Israel 1815 - 1939. Eine Künstlerin erforscht Geschichte (http://mittemuseum.de/deutsch/ausstellung/sonderausstellung/dessa---kaufhaus-n-israel/dessa---kaufhaus-n-israel.htm).

Hier nochmal der Ankündigungstext des Bildungswerks Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, mit allem, was Sie für die Anmeldung wissen müssen und mit weiteren Infos:

Stadtspaziergang: Ein Menschenfreund - Auf den Spuren von Wilfrid Israel in Berlin

Mit: Martin Forberg (MA Neuere Geschichte; Dozent und freier Journalist)

Zeit: Sonntag, 13. März 2016, 14-17 Uhr

Die Veranstaltung ist kostenfrei. Eine verbindliche Anmeldung ist unbedingt erforderlich unter: guth@bildungswerk-boell.de

Sollten Sie mehrere Personen anmelden wollen, benötigen wir die Namen und E-Mail-Adressen aller Teilnehmenden. Jede/r erhält eine eigene Anmeldebestätigung. Es gibt eine Teilnahmebegrenzung. Der Treffpunkt wird mit der Anmeldebestätigung mitgeteilt.

Diese Veranstaltung wird durchgeführt mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

Der Spaziergang erinnert an Wilfrid Israel, den letzten Direktor des ehemals berühmten Berliner Kaufhauses „N.Israel“. Es stand vom 19. Jahrhundert an direkt gegenüber vom Berliner Rathaus, im heutigen Nikolaiviertel. Dieses Kaufhaus ist heute kaum noch bekannt. Das gilt auch für Wilfrid Israel, der die leitende Rolle im elterlichen Kaufhaus in den 1920er vor allem aus Verantwortungsgefühl übernahm.1899 in London geboren, wurde er schon in jungen Jahren Pazifist und trat für einen Sozialismus auf der Basis eines genossenschaftlichen Gemeinwesens ein. Menschen in Not zu helfen wurde für Wilfrid Israel schon früh zu einem Bedürfnis: so unterstützte er kurz nach dem Ersten Weltkrieg Menschen, die in Deutschland in Not geraten waren und beteiligte sich an einer Hilfskampagne für die Opfer der Hungerskatastrophen in Sowjetrußland.

Unter dem Namen „Bernhard Landauer“ tauchte Wilfrid Israel in dem Roman „Goodbye to Berlin“ von Christopher Isherwood als reicher Dandy auf – ein Zerrbild, wie der Schriftsteller später einräumte. Isherwood hatte die Verschwiegenheit aufgebracht, mit der Wilfrid Israel seine eigene Homosexualität ummäntelte. Aber der Millionärsohn konnte es sich in seiner konservativen Umgebung nicht leisten, seine Liebe zu jungen Männer offen zu bekennen.

Unter seiner Leitung wurde das Kaufhaus „N.Israel“ in der Nazizeit zu einem Symbol der Selbstbehauptung der deutschen Juden. Zwischen 1933 und 1939 war Wilfrid Israel einer der zentralen Personen des jüdischen Widerstands. „In Geheimmissionen zwischen London, Berlin und Lissabon knüpfte er die Fäden zur Rettung von 30.000 jüdischen Kindern“, schreibt seine Biographin Naomi Shepherd. 1939 ging er in seine Geburtsstadt London ins Exil und beriet dort die britische Regierung in Fragen der Deutschland-politik. Er bemühte sich dort, ein offenes Ohr für die Tatsache des Massenmordes an den europäischen Juden zu finden. Auch mit den Entwicklungen im Nahen Osten beschäftigte er sich und arbeitete dabei unter anderem mit Albert Hourani zusammen, dessen Eltern aus dem Süd-Libanon stammten und der später ein berühmter Historiker der arabischen Welt wurde. Im Jahr 1943 starb Wilfrid Israel bei einem Flugzeugabsturz über dem Golf von Biscaya: deutsche Jagdbomber schossen die Maschine ab, in der auch er saß.

Wilfrid Israel war ein Humanist und Kunstliebhaber. Seine wertvolle fernöstliche Sammlung befindet sich im Kibbutz Hazorea in Israel. Er sammelte nicht zuletzt deshalb Skulpturen aus China, Kambodscha, Iran, Ägypten und Indien, um der Wechselwirkung der Kulturen, der gegenseitigen Beeinflussung von Ost und West auf die Spur zu kommen.

Wilfrid Israel arbeitete für eine jüdische Renaissance in Palästina, setzte sich aber zugleich wie der Religionsphilosoph Martin Buber für einen gleichberechtigten Dialog mit den Arabern Palästinas ein. Sein Leben lang kämpfte Wilfrid Israel gegen einen „gefährlichen Pessimismus“, der zum Nichtstun verurteilt, wo Handeln notwendig ist. Auch dies zeigt, dass Wilfrid Israel uns, den Nachgeborenen, noch viel zu sagen hat – jener Mensch, an den Albert Einstein in einem Brief schrieb, er habe das Gefühl, „dass er für diese Welt zu gut“ sei.

13:03 03.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Forberg

Dozent, Publizist, Brillenträger, Motto: "Insanları sevmek - die Menschen lieben" - aber nicht alle im gleichen Maß.
Schreiber 0 Leser 0
Martin Forberg

Kommentare