Des Blattmachers neue Lieblingsfarben

RECHTSEXTREME IN DEN MEDIEN Moralischer Überdruck statt handfester Recherche macht irgendwann immun

Um die Parteikasse aufzubessern, unterwarf die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) ihr Verhältnis zur Presse dem Profit. Anstatt selbst zu bestechen, ließ man sich bestechen: Wer vom »2. Tag des Nationalen Widerstands« der NPD in der Passauer Nibelungenhalle berichten wollte, musste 250 Mark »Hetzgeld« bezahlen. Man wolle wenigsten materiell von der »linken Verhetzung« profitieren, erklärte der Pressesprecher. Da Journalisten normalerweise nichts mit Bestechung zu tun haben wollen, sah das Ergebnis so aus: Die meisten Berichterstatter blieben außen vor, zitierten die Wortführer der Gegendemonstration und schrieben brav den Polizeibericht ab. Nur eine Handvoll Reporter lauschten in der Halle den brüllenden Appellen nach einer nationalsozialistischen Revolution. Und so konnten sich Hitlers Nachfolger acht Stunden lang fast unbeobachtet in ihrer braunen Ideologie suhlen. Das war vor drei Monaten.

Heute wäre die Hetzkasse der NPD vermutlich gut gefüllt: Seit dem Bombenanschlag am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn haben viele Blattmacher neue Lieblingsfarben für ihre Titelseiten entdeckt: Schwarz-weiß-rot.

Keine Postille kann es sich mehr leisten, nicht vor der Gefahr von rechts zu warnen. Der Umfang der Berichterstattung ist dem Ausmaß des Problems gerecht geworden. Die Qualität allerdings nicht. Überrascht von der eigenen Rechercheleistung stellt man heute fest, die NPD sei durch eine enge Verzahnung mit radikalen Kameradschaften und der Skinheadorganisation »Blood« militanter geworden (Der Spiegel).

Erstaunt wird verbreitet, dass im Osten brutale Ausländerfeindlichkeit ein selbstverständlicher Teil des Alltagsbewussteins sei (ZDF). Das alles hätte vor ein, zwei Jahren auch schon in der Zeitung stehen können. Unter dem Vorwand, man dürfe den Rechten keine Plattform bieten, wurde das Problem ignoriert oder auf das Format von Agenturmeldungen reduziert. Die NPD und andere rechtsradikale Gruppen haben sich weiter entwickelt und vergrößert - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Selbst jetzt lesen wir wieder die Argumente derjenigen, die das rechte Problem am liebsten dadurch lösen würden, dass sie es totschweigen: Die NPD habe in den letzten Wochen ihre Mitgliederzahl fast verdoppelt. Schuld daran sei die kollektive Medienhysterie. Wurde der mediale Warnschuss zum Bumerang? Der Einwand selbst ist nicht falsch, sondern seine Begründung. Problem ist nicht, dass, sondern wie die Medien derzeit über den Rechtsextremismus berichten.

Die journalistische Berichterstattung hat den Charakter einer großen Werbekampagne angenommen: Der WDR sendet Spots mit Prominenten gegen Ausländerfeindlichkeit, die Sächsische Zeitung zeigt »Gesichter gegen Rechts« und die Bild-Zeitung reserviert ganze Seiten für Leserbriefe zu dem Thema. Das sind gutgemeinte Initiativen, doch Parolen gegen Parolen reichen nicht aus. Der moralische Überdruck, das Übermaß an Appellen macht irgendwann immun. Und zur Aufklärung ist journalistisches Handwerk immer noch besser geeignet als die Strategien der Werbeagenturen. Was nach wie vor fehlt, sind hintergründige Analysen. Fragen dafür gäbe es genügend: Wie ist es zum Beispiel den rechten Gruppen gelungen, in manchen Gemeinden des Ostens fast zu hundert Prozent die örtliche Jugendarbeit zu übernehmen? Haben andere Träger und Politiker geschlafen oder sympathisiert? Welche Aktivitäten locken Jugendliche zur NPD, wodurch entsteht das große »Gemeinschaftsgefühl«, das Jugendliche immer wieder als wichtigsten Grund für ihre NPD-Mitgliedschaft angeben? Welche programmatische Ausrichtung hat die NPD zurzeit? Welche Parteigruppierungen bestimmen den Kurs?

Die Antworten zu recherchieren, ist in diesen Tagen allerdings schwierig. Eine Anfrage für ein Interview mit rechten Jugendlichen in einem Zittauer Jugendclub wird von der zuständigen Sozialpädagogin von vornherein abgewürgt: »Darauf haben die Jugendlichen bestimmt keine Lust.« Ob sie selbst für ein Gespräch bereit sei? Nein, wenn die Jugendlichen nicht reden wollen, wolle sie auch nicht. Dann klickt die Telefongabel.

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