Arbeitnehmer-kick

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Der Sport, kein Bundespräsident oder Bundeskanzler hätte je vergessen es lobend zu erwähnen, ist Vorbild für das Funktionieren der Gesellschaft. Das freut die Vereine, nicht nur, weil sie gelobt werden, sondern auch, weil es ihnen verheißt, nicht so funktionieren zu müssen, wie die anderen. Vorbilder haben Privilegien. Wenn ein Sportverein, dessen erste Männermannschaft in der Fußballbundesliga kickt, jährlich dreistellige Millionenbeträge Umsatz macht, dann will der Club doch immer noch ein eingetragener Verein bleiben, die Kosten für das Stadion sollen immer noch von der Stadt getragen werden, und die Angestellten dieses Clubs - immerhin hochbezahlte Spezialisten aus aller Welt, die alle zumindest sieben- oder sechsstellige Jahresgehälter beziehen - sollen, so sieht man das in dem Club, auch etwas sehr Besonderes sein. Der jüngste Anlass für diesen Befund ist der Streit ums Transferrecht. Die Europäische Union hat mehrfach durchschauen lassen, dass sie gedenkt, in Angestellten von Fußballvereinen ähnliche Arbeitnehmer zu sehen wie in Angestellten anderer Firmen, in denen Umsätze erwirtschaftet werden. Für sie solle also auch das künftig in Europa einheitliche Kündigungsrecht gelten, in dem vorgesehen ist, dass unabhängig von der Laufzeit eines Vertrages ein Arbeitnehmer auch früher kündigen darf.

Einen anderen Schritt der Gleichstellung von Fußballprofis mit normalen Arbeitnehmern hatte der Europäische Gerichtshof bereits vor fünf Jahren vollzogen: Im so genannten Bosman-Urteil hatte er festgestellt, dass Vereine nach Ablauf eines Arbeitsvertrages keine Ablösesummen mehr verlangen dürfen und folglich ihren Ex-Arbeitnehmern nicht das Anheuern bei einem anderen Arbeitgeber untersagen dürfen. Der Aufschrei war damals groß. Es hieß, kleine Vereine gingen demnächst Konkurs, die vollmundigen Prognosen trafen allesamt nicht ein.

Nun steht also die Einführung eines einer zivilisierten Gesellschaft entsprechenden Kündigungsrechts vor der Einführung, und die Fußballverbände und -vereine sind wieder sehr besorgt. Der Zusammenschluss der 14 mächtigsten und reichsten europäischen Vereine, der sich symbolisch und in Anlehnung an den politischen Zusammenschluss der wichtigsten Industriestaaten "G 14" nennt, aus Deutschland sind Bayern München und Borussia Dortmund dabei, wehrt sich vehement. Eine dreimonatige Kündigungsfrist, wie sie kurzfristig schon mal vom Fußballweltverband FIFA in Erwägung gezogen wurde, löste beim europäischen Verband UEFA und bei der G 14 helles Entsetzen aus. "Wir bestehen auf einer Frist von drei Jahren", teilte Karl-Heinz Rummenigge mit, und verteidigt damit das Recht seines FC Bayern und anderer reicher Vereine, einen Kader von etwa dreißig hochklassigen Profis zu halten, von denen eine Handvoll im ganzen Jahr nie zum Einsatz kommt. Diesen Spielern wird aber von ihrem Arbeitgeber wie selbstverständlich die Freigabe für einen Vereinswechsel untersagt. Gleichzeitig verteidigen UEFA und G 14 ihr Recht, Spieler, die Millionen verdienen, disziplinieren zu dürfen. Die Vereine müssen "nicht nur fürchten, ihre hohen Ablösesummen zu verlieren", machte sich die Die Welt bemerkenswert ungeniert zum Sprachrohr derer, für die sie sonst auch, bloß etwas zurückhaltender, spricht, "sie hätten auch keine Handhabe mehr gegen aufmüpfige Spieler." Abstrafungen finanzieller Art, Demütigungen durch Trainer, Überwachung des Privatlebens durch Detekteien: all solche gegenwärtig bereits stattfindenden Ausübungen von Macht der Vereine gegenüber ihren Profikickern - die diese sich gefallen lassen, weil sie gut verdienen - würden durch die Kündigungsdrohung des Spitzenspielers obsolet werden. Die Macht der Vereine, vor allem der G 14, und der UEFA stemmt sich gegenwärtig gegen die auch nicht ganz geringe Macht der Europäischen Union, bei der gleich drei Kommissare mit dem Fall betraut sind. Es könnte zu einem Kompromiss kommen, denn so sehr es der EU auch darum geht, leidlich normale kapitalistische Verhältnisse herzustellen, die allzu auffällige Knebelverträge eher nicht dulden, so sehr freut sich doch auch ein künftiger Europapräsident und Europakanzler darüber, wenn er den Sport Vorbild nennen darf.

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