Bloss kein Sport

SPORTPLATZ Was wir wissen oder doch zumindest wissen sollten, ist bekanntlich nur und genau das, was der Herr Jauch uns abends auf RTL fragt. Es ist jene ...

Was wir wissen oder doch zumindest wissen sollten, ist bekanntlich nur und genau das, was der Herr Jauch uns abends auf RTL fragt. Es ist jene Sendung, in der immer jemand, in den man sich selbst gern projiziert, Millionär werden will und wo der deutsche Bildungskanon fürs 21. Jahrhundert vorgegeben wird. Das, was als wichtiges Wissen gilt und wie es vom Herrn Jauch und seiner Redaktion rubriziert wird, unterscheidet sich nicht wesentlich von den herkömmlichen Schulfächern. "Kennen Sie sich in Geografie aus?" fragt der Herr Jauch, der sich woanders schon mal Pilawa oder Meiser nennt, höflich oder: "Wie sieht's bei Ihnen mit Geschichte aus?"

Die Antworten über die Lieblingsthemen lassen zwei Lager in diesem Land vermuten: Die einen, oft Frauen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und rufen "Bloß kein Sport" aus; vielleicht stöhnen sie noch: ja, ja, ihr Mann, der wüsste alles, aber ich selbst, nein, nein. Die anderen jedoch, beinah immer Männer, denken nicht im Traum daran, zuzugeben, dass sie Bildungslücken haben, und scheitern prompt, wenn nach dem Vornamen des amtierenden Bundeskanzlers gefragt wird. Diese zweite Gruppe aber brilliert im Sportbereich. Dies liegt nicht daran, dass diese Spezies so extrem viel Ahnung von Sport hätte, jeden Abend stundenlang sporthistorische Werke studierte und gerade dieses Wissensgenre dazu einlüde, sich quasi wissenschaftlich mit ihm zu beschäftigen.

Die Besonderheit des Sportwissens, das aus jedem, der nichts anderes kann als die bundesdeutsche 74er-WM-Elf auswendig aufzusagen, der mithin etwas beherrscht, was intellektuell gerade mal vergleichbar ist mit der Kenntnis aller bisherigen Bundeskanzler, diese Besonderheit speist sich aus der gesellschaftlichen Niedrigachtung dieses Wissens.

Beethoven zu kennen wird nicht nur als wichtiger und besser eingeschätzt als zu wissen, wer Beckenbauer ist. Nein: Beethoven muss man kennen, er ist Bestandteil des großen deutschen bürgerlichen Bildungskanons. Wer darüber hinaus noch Beckenbauer kennt, beweist bestenfalls, dass er sich auch im übrigen Leben, in den Nebensächlichkeiten, im Profanen auskennt. Dieser Befund hält sich in Deutschland unerschütterlich und hat so rein gar nichts mit wirklicher Kenntnis von Beethovens Musik zu tun.

Die Faszination der Quizsendungen speist sich vor allem aus der Kombination der verschiedenen Wissensgebiete. Es ist kein Zufall, dass die Showidee aus den USA kommt, denn dort werden Menschen, die im Sport Großes geleistet haben, ähnlich seriös verehrt wie Menschen, die in anderen Gebieten zu Ruhm kamen. Zu den letzten drei Fragen, die Jauchs Millionär, der "Professor Superhirn" (B.Z.), beantwortete, gehörten zwei Sportfragen. Das lässt die Bewunderung für den Mann ins Unermessliche steigen. Er wusste zwar Sachen, die Millionen Menschen auch wissen, aber er ist ja Professor für mittelalterliche Geschichte, und deswegen ist es eine Sensation, wenn ihm einfällt, dass es der Boxer Peter Müller war, der 1952 den Ringrichter Max Pippow umschlug. Und er wusste auch noch, dass Tenzing Norgay 1953 zusammen mit Edmund Hillary auf dem Gipfel des Mount Everest stand.

In der Verblüffung, dass es Menschen gibt, die so etwas wissen, schwingt die Akzeptanz mit, dass die gute deutsche Bildung eine der Welt entrückte ist: Der reine Geist, der schon Hegel beseelte und Marx spotten ließ, wird immer noch verehrt. Irgendeine Frage als eine philosophische zu bezeichnen, ist immer noch genügender Ausweis, sie für unwichtig im Alltagsleben, gleichwohl aber hochintelligent und im Grunde als zu durchgeistigt zu erklären. Zwei der letzten drei Fragen zur Million, die der Geschichtsprofessor gewann, waren Sportfragen. Doch es waren gleichzeitig Fragen, deren Antwort Anfangs der fünfziger Jahre große Themen waren. Der Niederschlag des Ringrichters Pippow beschäftigte DDR- und BRD-Presse wochenlang, die sich daran anschließende Frage, ob das lebenslängliche Boxverbot für Müller aufgehoben werden soll, und ob Müller, der familiär einen Sinti-Einschlag hatte, nicht vom Ringrichter rassistisch provoziert wurde, ebenso. Die Erstbesteigung des Mount Everest durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay war 1953 und in den Jahren danach ein Weltthema, und die nachhaltigen Diskussionen, ob nicht George Mallory und Andrew Irvine 1924 doch schon oben waren, zeigt, wie sehr diese Form der Naturbeherrschung die Menschen bewegt. Davon Kenntnis zu haben, ist im Grunde Alltagswissen.

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