Das Ethos, die Hölle und das Fahrrad

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Auch empfindsame Mitmenschen benutzen solche Worte: "Hölle des Nordens" sagen sie zu dem Radrennen, das seit über hundert Jahren immer im April zwischen Paris und dem nordfranzösischen Städtchen Roubaix ausgetragen wird. Manche sprechen auch, wenn sie dieses Rennen meinen, von der "Königin der Klassiker". Oder sie sagen "Giganten der Landstraße", wenn sie die Berufssportler meinen, welche die etwa 270 Kilometer über Kopfsteinpflaster, Matsch und andere Widrigkeiten herunterarbeiten. Die Menschen sprechen von etwas Großartigem, ihre Begriffe können bei der Beschreibung nicht Schritt halten.

Im März beginnen die Frühjahrsklassiker, dann ist es vorbei mit dem winterlichen Sechstagerennen, mit den kleinen Schönwetterrundfahrten, die dem Training dienen, dann zieht es die Radprofis nach Belgien und Nordfrankreich. Erst dürfen sie noch zwischen Mailand und San Remo italienische Frühlingsluft genießen. Aber mit der Flandern-Rundfahrt, die am vergangenen Sonntag von dem Italiener Gianluca Bortolami gewonnen wurde, geht der Ernst des Sports los. Und spätestens mit Paris-Roubaix, das an diesem Ostersonntag stattfindet, ist wirklich Schluss mit lustig. Paris-Roubaix führt durch die Bergarbeiterstädte Nordfrankreichs. Die Profis malochen ihren Sport, dabei sehen sie um sie herum stillgelegte Zechen. Ein großer Teil des Kopfsteinpflasters, das sie durchschüttelt, ist denkmalgeschützt. Die Fahrer schlucken an einem Sonntag, an dem die Sonne scheint, mehr Staub als ein Steiger in mehreren Jahren. Und wenn es regnet, kriegen sie den Staub flüssig in die Fresse. Radprofis haben, das liegt vor allem an den Frühjahrsklassikern, ein Arbeitsethos, das dem vieler Industrie- und Zechenarbeiter entspricht.

Sie stehen auf, wenn sie stürzen, nur damit sie wenigstens mit dem Hauptfeld ins Ziel kommen. Sie stecken Schmerzen weg, weil der Weg noch so lang vor ihnen liegt. Sie erhalten den Genuss, den sie aus ihrer Tätigkeit schöpfen, erst am Abend, wenn sie nicht mehr auf einem Stuhl sitzen können, wenn sie endlich frisch geduscht sind und wenn sie - zu keinem Gespräch mehr fähig - nur noch ins Bett wollen, todmüde, wie man sagt. Den "letzten Wahnsinn des Rennsports" nennt Jacques Goddet, Ex-Chefredakteur der Sporttageszeitung L´Equipe Paris-Roubaix. "Eigentlich ist das Schwachsinn und kein Radrennen, sondern modernes Gladiatorentum", sagt der deutsche Profi Rolf Aldag. Der Wahn- und Schwachsinn ist die Botschaft des Sports an die übrige Welt, dass es auch in einer entwickelten und hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft, immer noch eine Arbeiterklasse gibt, die sich bloß nicht gekrümmt als Lumpenproletariat präsentiert, sondern aufrecht und dabei, zugegebenermaßen, nicht immer sympathisch. Paris-Roubaix wurde 1896 gegründet. Seither ist es die alljährliche Manifestation des proletarischen Arbeitsethos.

Im Ziel, dem Velodrom von Roubaix, stehen 10.000 Zuschauer. An dem 50 Kilometer langen Teilstück, das über Kopfsteinpflaster führt, steht die x-fache Menge. Da ist nämlich das wirkliche Leben zu sehen. Wenn der Weltklassefahrer auf dem Pflaster liegt, werden Zuschauer und von hinten kommende Fahrer in der aufgestauten Masse eins. Beide Seiten wissen, dass, wer nicht aufsteht, überrollt wird, unter die Räder kommt. Also müssen die Fahrer aufstehen, also müssen die Zuschauer ihnen aufhelfen, und also fährt auch der lädierteste Profi selbst nach dem zweiten Sturz noch das Rennen zu Ende. Die Flandern-Rundfahrt, die Paris-Roubaix sportlich sehr ähnlich ist, wurde 1913 gegründet. Anders als Paris-Roubaix wurde sie jedoch nicht sofort zum Symbol der großen Industrie. Erst in den zwanziger Jahren, als der Arbeitstag kürzer und die Konsummöglichkeiten größer wurden, wuchs die "Ronde van Vlaanderen", wie sie auf Flämisch heißt, zum Klassiker heran. Während des Zweiten Weltkrieges erlaubten die Besatzer aus Nazi-Deutschland die Ronde nicht nur, sie förderten sie. Auch die Nazis wussten, welche arbeitsethische Botschaft auf dem belgischen Kopfsteinpflaster liegt. Nach 1945 wurden die Veranstalter der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt, aber sie wehrten die Angriffe ab. Eine Gegengründung, heute als Halbklassiker "Omloop Het Volk" gefahren, erwies sich als sportlich nicht so erfolgreich.

Die Faszination der Frühjahrsklassiker wie der Flandern-Rundfahrt oder Paris-Roubaix, deren Markenzeichen oft schlechtes Wetter und Kopfsteinpflaster ist, kann man schwer begreifen. Vielleicht steckt in dem Wort von "Hölle des Nordens" schon alles drin.

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