Das ist das Leben!

Sportplatz Kolumne

Er könnte ein Stück von William Shakespeare gemeint haben: "Eine menschliche Komödie voller Sensibilität, Erwartungen und Enttäuschungen, voller Lachen und Tränen." Aber der Autor dieser Sätze, der Regisseur Louis Malle, meinte nicht das Theater. Malle lobte Rugby, den Sport, der aus der englischen Grafschaft Warwickshire stammt und dessen Weltmeisterschaft gerade in Frankreich ausgetragen wird.

Rugby und Fußball haben die selben Wurzeln: Aus der Variante des Spiels, bei der man den Ball mit der Hand aufnehmen darf, wurde Rugby Football. Die andere Variante wurde nach einer Spaltung des Verbandes der Association Football, zu unsem heutigen Fußball. Die Sportarten entwickelten sich jeweils weiter: In den USA entstand aus der Handvariante der Football , der hierzulande American Football gerufen wird.

Wie viel Symbolik hierin steckt, zeigt sich schon daran, dass jede dieser Varianten in ihrem jeweiligen Kulturkreis zum Nationalsport wurden - mit entsprechenden politischen Bezügen. "In diesen Schulen", schrieb der deutsche Sportideologe Carl Diem 1960 über die Public Schools, an denen Rugby entwickelt wurde, "wurde der Engländer herangebildet, der das Commonwealth begründete". Rugby wurde sportlicher Ausdruck des britischen Empire, während Fußball zum Sport der europäischen Arbeiterklasse avancierte und in den späten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts politisch aufgeladen wurde. American Football hingegen etablierte sich als Sport der amerikanischen Mittelklasse, während Arbeiter eher zum Baseball gingen.

Die drei Sportarten Rugby, Fußball und Football sind nicht nur symbolisch hoch aufgeladen, sie stehen auch in Konkurrenz zueinander - neuerdings in einem unmittelbaren ökonomischen Sinn, wenn es um Fernsehrechte und Einschaltquoten geht. Älter ist diese Konkurrenz im kulturellen, ästhetischen Sinn. Das zeigt sich an der Art und Weise, wie über den Sport konkurrierender Gesellschaftssysteme gesprochen wird. "Die zum Teil bestehenden Vorurteile gegen Rugby beruhen zweifellos auf der ablehnenden Kritik, die die amerikanische Spielweise (American Football) in Europa mit Recht erfährt", heißt es beispielsweise in der DDR-offiziellen "Kleinen Enzyklopädie Körperkultur und Sport" aus dem Jahr 1960. Mit der Kritik am Volkssport wird hier stellvertretend die Ablehnung einer ganzen Kultur ausgedrückt: "American Football - diese Abart des Rugbyspiels ist Nationalsport in Amerika geworden - kommt durch seine Spielweise der von der herrschenden Bourgeoisie geförderten ›amerikanischen Lebensweise‹ entgegen."

Der von den Autoren versuchte große europäische - das heißt vor allem: antiamerikanische Schulterschluss der Nationen - die Rugby und Fußball lieben und Football hassen, scheiterte jedoch: Während in Ländern wie Großbritannien oder Frankreich Fußball und Rugby sehr erfolgreich nebeneinander existieren, konnte sich letzteres in Deutschland nicht durchsetzen, denn Sportarten enthalten kulturelle Chiffren, die nur innerhalb bestimmter Kulturen entzifferbar sind. Vor jedem Spiel der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft, den "All Blacks", führen die Männer den Haka auf, einen Kriegstanz der neuseeländischen Maori. Was formal Elemente des Schuhplattlers trägt, mithin als lächerliche Folklore erscheinen mag, ist im pazifischen Raum ein Ritual von höchster Bedeutung: Die besten, also kriegerischsten Männer dieser Kultur ziehen in die Welt hinaus, um die Anderen das Fürchten zu lehren.

Der Franzose Louis Malle sprach, wenn er Rugby meinte, von der Komödie. Der neuseeländische Schriftsteller Lloyd Jones ging jüngst im Berliner Tagesspiegel beim Versuch, die Ästhetik des Rugby zu beschreiben, weiter: "Es ist wie mit der Kunst. Du versuchst etwas besonders Schönes zu schaffen - aus dem Chaos heraus. Rugby ist die ständige Suche nach Form durch Lösungen und Entscheidungen, die du als Individuum und als Team treffen musst."

Schaut man sich die "All Blacks" bei ihrem Haka an, ist sogar das noch zu schwach formuliert. Sie rufen dabei: "Das ist der Tod, das ist der Tod! Das ist das Leben, das ist das Leben!"


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