Gedopte Schieflage

SPORTPLATZ Ich war der Sport

Ich war der Sport lautet der Titel des Buches, das Manfred Ewald, interviewt von Reinhold Andert, 1994 vorgelegt hat. Der Titel »entspricht nicht den Intentionen Manfred Ewalds«, hat der Verlag damals mitteilen müssen. Das müsste er heute vermutlich nicht mehr, denn der Ex-Präsident des DTSB wurde zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt, weil das Gericht der Meinung ist, dass er sehr wohl »der Sport« war, zumindest der der DDR und zwar im Weltklassebereich. Von ihm kamen die wichtigen Anordnungen, welche Sportart wie zu fördern war, nur mit ihm wurde das komplizierte und so erfolgreiche Gebilde ausgetüftelt, das in pseudowissenschaftlichem Jargon als »Leitungsorganisation und Leitungstätigkeit auf dem Gebiet von Körperkultur und Sport in der DDR« gefeiert wurde. Verurteilt wurde Ewald nun wegen seiner Schuld am Doping minderjähriger Kaderathletinnen, was in den Komplex Ewaldscher Leitungstätigkeit gehört.

Der Richter musste also in der Prozess führung und dem Urteilsspruch aus dem großen Komplex nur einen bestimmten vergleichsweise kleinen Teil, der justiziabel war, separieren.

Das ist weitgehend gelungen, und doch gerät die gesamte Debatte über den DDR-Sport und seine historische Einordnung in eine noch schlimmere Schieflage als zuvor. Indem nun festgestellt wurde, dass nicht nur mit Wissen, sondern auch auf Anordnung oberster Stellen Dopingsubstanzen an Kinder und Jugendliche verabreicht wurden, erscheint der DDR-Sport nämlich noch mehr als bloßer Apothekentresen. Indem das Gericht, oft gegen das Wirken der Anwälte der Nebenklägerinnen, darauf beharrte, sich nur die wirklich justiziablen Bereiche - das Kinderdoping - vorzunehmen, entsteht letztlich der Eindruck, dass, was jetzt im Urteil steht, der gesamte DDR-Sport gewesen sei. Das ist in vieler Hinsicht ärgerlich. Zum einen werden, will man die sportliche Leistung eines Sportlers würdigen, plötzlich nicht mehr sein Talent, seine Technik, sein Verhalten im Wettkampf, seine jahrelange Vorbereitung und die täglichen Mühen im Training herangezogen, sondern nur noch die immer noch nicht in jedem einzelnen Fall nachgewiesene Verabreichung von blauen Tabletten. Zum anderen sind viele Sportler und Sportlerinnen mit dieser Entwertung eines ganz wichtigen Teils ihrer Biografie nicht einverstanden und verweigern sich, was nicht verwunderlich ist. Des weiteren behält der Versuch, die wirklich wichtige historische Aufbereitung des DDR-Sports zu einem schnellen Abschluss zu führen, indem sie nicht gesellschaftlich, also von der Wissenschaft, den Medien, den Sportverbänden etc. betrieben, sondern in die Hände eines staatlichen Gerichts gelegt wird, immer den Makel, nicht Aufgabe eines Gerichts zu sein.

»Der Sport bin ich« hatte 1953 die DDR-Satire-Zeitschrift Frischer Wind Manfred Ewald in den Mund gelegt, worüber er sich so sehr geärgert hatte. Ärgerlich an dem Prozess und dem Urteil gegen Manfred Ewald ist, dass man ihm in diesem Punkt recht geben muss: Er war gar nicht allein der Sport.

Siehe dazu auch die Gerichtsreportage in der aktuellen Ausgabe

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