Graciano ist Zlatko ist Graciano

SPORTPLATZ Nun hat's auch Graciano erwischt, er wurde nominiert, und letztlich musste auch er den Ring verlassen. Genau so wie eine Woche vor ihm der Zlatko das ...

Nun hat's auch Graciano erwischt, er wurde nominiert, und letztlich musste auch er den Ring verlassen. Genau so wie eine Woche vor ihm der Zlatko das Big-Brother-Haus.

Mit Graciano sollte, so wollten es die sich nur in diesem einen Punkt einigen verfeindeten Clans des Boxbusiness, die Sauerland-Clique, die sich an Henry Maske eine goldene Nase verdiente, und die Kohl-Clique, die mit Dariusz Michalczewski das große Geld macht, einer gehen, der ehrlich seine Meinung sagt, einer, der wo lieber aneckt als wo sich verbiegen zu lassen. Graciano Rocchigiani hat nämlich am vergangenen Wochenende in Hannover vergeblich versucht, sich den Titel des Profiboxweltmeisters im Halbschwergewicht des Verbandes WBO von Dariusz Michalczewski zu holen. Sein Scheitern war tragisch, denn nach zwei Jahren Ringpause hatten sich die Massen sehr auf sein Comeback gefreut: Über 80 Prozent der DSF-Zuschauer und über 60 Prozent der Premiere-Zuschauer wünschten Graciano den Sieg. Der Berliner - nun folgt die schönste Wendung, über die der zeitgenössische deutschsprachige Sportjournalismus verfügt - ist Sohn eines sardischen Eisenbiegers, und nicht nur deswegen verkörpert er den Typus des proletarischen Helden.

Diese Helden sind gerade angesagt, wie das Interesse beweist, das alle guten Menschen dem Zlatko aus dem Big-Brother-Haus entgegenbringen. Graciano ist Zlatko ist Graciano. Und umgekehrt.

Zlatko ist der, der wo immer "der wo" sagt. Der fragt, wer Shakespeare ist, und bekennt, keine Bücher zu lesen, der Jerusalem nach Ägypten verlegt und ins Kreuzworträtsel "Miss" einträgt, wenn ein englischer Adelstitel abgefragt wird. Aber Zlatko spielt exzellent Schach.

Von Graciano stammt diese Weisheit: "Was braucht der Mensch außer Glotze gucken, 'n bisschen bumsen, 'n bisschen Anerkennung?" und er hat "keen Bock uff Jequatsche". Aber Graciano boxt exzellent und auch rhetorisch kontert er jeden Gegner aus.

Zlatko ist arbeitsloser Industriemechaniker, dessen Marktwert aktuell fünf Millionen Mark beträgt, Gracianos Berufsausbildung ist eine abgebrochene Gebäudereinigerlehre, aber am vergangenen Wochenende kassierte er dreieinhalb Millionen Mark.

Zlatko und Graciano verdanken ihre Popularität dem Ruf, ehrlich zu sein. Dieser Ruf äußert sich in einer Form der Unerschrockenheit: Etwas sagen, auch wenn es Schaden bringt, dies zu sagen. Zlatko klagt die Big-Brother-Mitbewohner an, als sie ihn nominierten: "Ich muss sagen, dass Ihr falsch seid", und Graciano begründet seine Popularität auch damit, "weil ich meine Meinung sage, auch gegen Leute, die vielleicht im Boxgeschäft mehr zu sagen haben als ich."

Mit dem, was Ehrlichkeit genannt wird, verteidigen sie ein einfaches Wertesystem, in dessen Mittelpunkt die Familie steht. Zlatkos Mama saß stets mit gefüllten Tränensäcken im "Big Brother"-Studio, der Bruder verwaltet die Homepage, und der Verlobten wurde die erste CD gewidmet. Gracianos Mama saß in Hannover am Ring, neben ihr seine uneheliche Tochter, seine Frau managte ihn, und der Bruder sekundierte in der Ecke.

Sowohl bei Graciano als auch bei Zlatko schwingt in der öffentlichen Präsentation eine homophile Komponente mit: Die Erotik des Boxens, wenn zwei kräftige Männer, die außer einer kurzen Hose keine Kleidung tragen, schwitzend die Leiber immer gegeneinander drücken, sich schlagen, klammern und versuchen, körperlich zu dominieren, ist schon oft beschrieben worden. Und erst Zlatkos Freundschaft zu Jürgen, mit dem er vom Probleme bequatschen bis zum Haare schneiden alles gemeinsam machte, begründete seine Popularität. Letztlich aber scheitern beide Helden. Graciano musste gegen Dariusz Michalczewski nach der neunten Runde aufgeben, und Zlatko wurde vom Publikum rausgewählt. er musste die WG verlassen.

Proletarische Helden verkörpern den Traum, einmal im richtigen Moment zuzuschlagen. Und dann nie wieder malochen zu müssen. Nach Gracianos Niederlage machten er und sein Clan eine rauschende Fete in einem Hannoveraner Hotel.

Graciano wusste, als ihn die Big Brothers des Boxbusiness nominierten, dass er scheitern kann. Warum also sollte er nicht feiern?

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