Nicht mehr unser Kind

SPORTPLATZ Der Bedarf war groß, beinah immens. Eine Symbolfigur musste her, am besten eine aus dem Sport, eine, die das Neue gut vertreten konnte, von dem ...

Der Bedarf war groß, beinah immens. Eine Symbolfigur musste her, am besten eine aus dem Sport, eine, die das Neue gut vertreten konnte, von dem damals alle sprachen. Damals, vor zehn Jahren. Es war zwar nicht die Geburt der Franziska van Almsick, die gab es schon seit 1978, aber sehr wohl die Geburt des Medienstars "Franzi". In ihr sollte sich die künftige Erfolgsstory der Deutschen ausdrücken.

Zum Mauerfall war Franzi elf Jahre alt. Zur Wiedervereinigung war sie zwölf, zur ersten gesamtdeutschen Schwimm-Meisterschaft 13, und zu ihren ersten Olympischen Spielen, wo sie gleich vier Medaillen holte, war sie 14. Die ganze Nation war stolz: Den Westlern war sie Beweis, dass ein paar von denen in der Zone doch was taugen. Den Ostlern galt sie als eine, die zeigt, dass ihre Kindheit doch nicht so verkrampft war. Für die Kids war sie ne Coole. Den Frauen galt sie als selbstbewusste Botschafterin künftiger besserer Zeiten. Und den Männern war sie eine schlüpfrige pädophile Vorstellung, eine Kindfrau, die sich so süß und frech gerierte und obendrein einen Sport betrieb, der sie im nassen Textil Interviews geben ließ.

Nicht in Franziska van Almsick, aber in dieser halluzinierten Franzi steckte alles drin, wonach sich diese Gesellschaft zu Beginn der neunziger Jahre sehnte: Selbstbewusstsein, Erfolg, Anerkennung, Schlussstrich und eine als Erotik getarnte Schlüpfrigkeit.

In Anbetracht von Jens Weißflog, Olaf Ludwig und Thomas Doll war klar, dass so ein Job besser von einer Frau erledigt werden sollte. Hier war auch das Angebot größer. Eine Sprinterin namens Katrin Krabbe und eine Weitspringerin namens Susen Tiedtke mühten sich, ebenso die Eiskunstläuferin Katarina Witt.

Aber Franzi war die Jüngste, das Nesthäkchen der nur aus Brüdern und Schwestern bestehenden deutschen Gesellschaft. Und diese familiäre Nation verlangte, dass sie gefälligst dem Teenager beim Erwachsenwerden zusehen durfte. 1991 gab Franzi, die 13-jährige Göre, in Interviews an, dass sie alles der DDR verdanke. Da übte die Nation noch Nachsicht. 1992 gewann sie Olympiamedaillen und wollte partout kein Star sein. Eine normale Entwicklung, so analysierte die Nation. Damit auch alles dokumentiert werden konnte, suchten Kamerateams Franzi in ihrem Kinder- und Klassenzimmer auf, und Journalisten ermittelten die Stasi-Kontakte ihrer Eltern. Später prüfte die Nation den ersten Freund und fragte sich besorgt, ob der nicht zu alt sei. Mit Wohlwollen wurden die Fortschritte beim Erlernen der englischen Sprache beobachtet. Dass sie einmal durch die Führerscheinprüfung gerasselt war, wurde interessiert notiert.

Mit dem gleichen Engagement, mit dem die Nation gegenwärtig auf RTL II Big Brother schaut, wurde in Berlin-Treptow Franzi, unser aller Big Sister, begafft. Sie ging zur Schule, wollte Tierärztin werden, hatte mit Schwimmen ein Hobby gefunden, das sie sehr ausfüllte, und war doch unterm Strich angenehm normal und umgänglich.

Irgendwann aber kam es zum Bruch. Sie beschloss mit ihrem Manager, sie solle oder wolle solche Flausen wie Abitur und Tierärztin aufgeben. Schließlich habe sie jetzt schon mehr Millionen, als durchschnittliche Veterinärmediziner in einem Leben anhäufen könnten. Stattdessen solle sie sich nur noch um ihre Werbepartner kümmern.

Damit war sie nicht mehr die Adoptivtochter der Nation, sondern hatte sich abgenabelt. Eine selbstbewusste Millionärin namens van Almsick erfüllte nicht mehr die Funktion der Franzi.

Diese Emanzipation hat van Almsick ökonomisch gut getan. Dank Opel und Milka ist ihr Bekanntheitsgrad noch gewachsen, was auch erforderlich war, weil ihre sportliche Perspektive immer schlechter wurde.

Ein Trainerwechsel brachte nicht den gewünschten Erfolg, ein Motorradunfall stoppte die Entwicklung, und vor allem zeigte sich, dass die sportlichen Erfolge eine zwar sporadisch zickige, aber letztlich doch formbare Franzi zur Voraussetzung hatten. Nicht aber eine junge selbstbewusste Frau van Almsick. Zu dieser gehört, dass sie nicht immer nur hart trainiert, sondern auch mal das Leben genießen möchte und abends in Berliner Kneipen gesehen wird. Seit Frau van Almsick selbstständige Geschäftsfrau ist, gehört sie nicht mehr Deutschland.

Neulich wurde sie sogar öffentlich beim Rauchen erwischt. So etwas hätte die Nation ihrer Franzi verboten.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden