Schatten

Linksbündig Dopingvorwürfe etablieren einen Mythos, an den eigentlich niemand glaubt

Sieben Jahre lang dominierte Lance Armstrong das wichtigste Radrennen der Welt, die Tour de France. Nun aber heißt es, dass ein französisches Labor ihm ein Dopingvergehen aus dem Jahr 1999 nachgewiesen habe. Die Meldung fällt auf fruchtbaren Boden, denn sieben Jahre lang schwang in der Berichterstattung über Armstrong die Vermutung mit, eine solche Leistung könne ein ungedopter Körper doch gar nicht vollbringen. Dabei, so lautet die unterschwellige Voraussetzung solcher Dopinganklage, müsse das doch sehr wohl ungedopt gehen: Tausende Kilometer durch ganz Frankreich an der Küste entlang und über die Alpen fahren. Wenn es aber unter Verwendung von als verboten geltenden Mitteln stattfände, dann müsse der Sünder bestraft werden, vor allem durch soziale Ächtung.

Da tut sich eine Reihe Fragen auf. Kann man solche Belastungen wirklich ungedopt bestehen? Wie könnte denn die Realisierung der von überzeugten Dopingjägern vorgetragenen Forderung aussehen, wonach die Spitzensportler sich nur mit natürlichen Mitteln versorgen lassen sollten? Die nächste Frage wäre, ob es so etwas denn überhaupt geben kann, was die Dopinggegner da postulieren: einen reinen Körper, der aus natürlicher Beschaffenheit heraus kräftig, leistungsfähig, schön ist und über Alpe d´Huez kommt. Wenn es so etwas geben kann, müsste man als nächstes fragen: wer hat denn so einen Körper, wo gibt es den, wie sieht der aus? Die Körper, die medial als Leitbilder präsentiert werden, scheiden nämlich definitiv aus. Erfolgreiche Sportler werden von der Gesellschaft, die sich nicht vorstellen kann, dass ihre bewunderten Rekorde wirklich ohne Fremdunterstützung zustande kommen, unter Generalverdacht gestellt. Und von Models, Musikern und Schauspielern, die ja als Leitbilder der neuen Körperlichkeit auch in Frage kämen, weiß die Gesellschaft ohnehin, dass an ihnen geschnibbelt, gespritzt und sonstwie manipuliert wird.

Die Suche nach dem Leitbild des reinen, starken Körpers, wie er im Antidopingdiskurs gefordert wird, führt in andere Richtungen: Die Skulpturen Arno Brekers beispielsweise oder die nackten Athleten aus dem Olympiafilm von Leni Riefenstahl. Hier findet sich die ästhetische Inszenierung des dopingfreien Idealkörpers, und hier findet sich auch die Verachtung der Erkenntnis, dass die Körper der Menschen vergesellschaftet sind.

"Der menschliche Körper ist das mikrokosmische Abbild der Gesellschaft", schreibt die britische Anthropologin Mary Douglas, aber gegen exakt diese Erkenntnis sperrt sich die Öffentlichkeit. Der Körper soll nämlich der Ort sein, aus dem sich das in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft so irritierte Selbstbewusstsein speist: Mein Körper gehört wirklich mir, was man von meinem Auto und meinem Haus und der Rolle, die die Bank da spielt, nicht unbedingt sagen kann. "Die Hassliebe gegen den Körper färbt alle neuere Kultur. Der Körper wird als Unterlegenes, Versklavtes noch einmal verhöhnt und gestoßen und zugleich als das Verbotene, Verdinglichte, Entfremdete begehrt", heißt es bei Horkheimer und Adorno. Beim natürlichen Körper, von dem im Dopingdiskurs als Leitbild die Rede ist, handelt es sich also bloß um eine ideologische Konstruktion.

Lance Armstrong, der sieben Mal die Tour de France gewann, hat etwas geschafft, was mit natürlichen Mitteln nicht zu schaffen ist. Dieser Satz ist richtig, aber ohne eine Fortsetzung ist er verlogen: Armstrongs Leistung, die mit natürlichen Mitteln nicht zu schaffen war, wäre unter natürlichen, also nicht historisch von Menschen geschaffenen Bedingungen auch nie verlangt worden.

Der französische Ethnologe Marcel Mauss schrieb, dass es so etwas wie ein natürliches Verhalten gar nicht geben könne, denn alle menschlichen Verhaltensformen seien gesellschaftlich vermittelte Vorgänge, egal ob es sich um Schlafen, Sexualität, Essen oder Urinieren handelt. Oder eben um Sport. Der Mensch ist kein natürliches Wesen, wie es die Antidopingideologie behauptet, sondern ein vergesellschaftetes.

Ein französischer Radsportfunktionär drückt die Konsequenzen aus dem jüngsten Dopingfall so aus: "Der Mythos Armstrong hat keine Daseinsberechtigung mehr." Wahrscheinlich hat dieser Funktionär Recht: Armstrong kann den Schatten, der auf seiner sportlichen Lebensleistung liegt, nie wieder loswerden. Untermauert wurde stattdessen nur ein alter Mythos: der des dopingfreien Sports.


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