Snobs auf Trekkingtour

Trip Betuchte Londoner im Jahr 1862 auf Pauschalreise in den Alpen: „Miss Jemimas Journal“ berichtet vom very first Rucksacktourismus
Ausgabe 10/2014

Als 1741 die ersten Engländer in Chamonix ankamen, waren sie noch mit Waffen ausgerüstet, um sich gegen die wilden Einwohner der Wälder zu wehren. 122 Jahre später reiste Thomas Cook, der Begründer des Pauschaltourismus, in den unter dem Mont Blanc gelegenen Ort. Vier Frauen und drei Männer bemühten sich damals, 1863, in die Westalpen, und der sehr lesenswerte Bericht der Reisegruppe liegt nun als Miss Jemimas Journal. Eine Reise durch die Alpen in deutscher Sprache vor. Autorin ist Jemima Morrell, eine Engländerin aus gutem Hause.

Thomas Cook hatte eine Reise „mit billigen Tickets zum Mont Blanc“ angeboten. Er selbst war nach einer Woche wieder umgekehrt, aber die Gruppe, die sich „Junior United Alpine Club“ nannte, zog von London über Paris nach Chamonix, Sion, Leukerbad, Luzern und zurück nach London. Der Club prahlte, wie es in Jemimas Journal heißt, „mit weniger Bagage in die Alpen gereist zu sein als je ein Tourist zuvor“.

Was die Damen und Herren dem Journal zufolge erlebten, waren keine wagemutigen Abenteuer, sie suchten und fanden keine ethnologischen oder zoologischen Erkenntnisse. Sie machten sich vielmehr zunutze, dass in früheren Jahren noch erste englische Bergsteiger die Alpen aufgesucht und – in einem kulturellen Sinn – erobert hatten. Auf die alpinistische Erschließung folgte die ökonomische, und in Miss Jemimas Journal erfahren wir nun, wie die neuen Reisenden, die wenig bergsteigerisch ambitioniert waren, die neue Welt sahen: Berge fanden sie rau und schön, die Einwohner galten ihnen als einfache Älpler, die einen ausnutzten. Andere Touristen aus England, Frankreich oder Deutschland begrüßte man als wohltuende Signale aus der Zivilisation.

Miss Jemimas Journal ist ein Stück Reiseliteratur, ungewollt dokumentiert es den Beginn des späteren Massentourismus. Mit Spott setzt sich die Thomas-Cook-Gruppe vom historischen Londoner „Alpine Club“ ab, der ersten Bergsteigervereinigung der Welt: „Dem Beirat des J.U. Alpine Club liegt es fern, sich in ungebührlicher Weise über die Rückständigkeit anderer Vereine bezüglich der Anpassung an die jüngsten Neuerungen in der Kunst des Reisens zu mokieren.“

Schweizer Abzockerei

Das Interesse von Miss Jemima und ihrer Gefährten ist cheap: möglichst bequem zu bezahlbarem Preis reisen (inklusive Uhrenkauf). Entsprechend schimpft Morrell, die Schweizer Alpen würden von den Einwohnern nur dazu genutzt, „dem glücklosen Touristen allerorten das Geld aus den Taschen zu ziehen“. Morrell zitiert lieber den Baedeker, ein anderes Dokument zur Begründung des Tourismus, als dass sie Gespräche mit Einheimischen wiedergäbe. Pikiert notiert sie einmal, dass „sich erneut eine Horde von Parasiten an uns mästen, oder besser uns mästen wollte“ – sie wollten den Engländern nur Kirschen verkaufen. Als die Reisegruppe in Montenvers Bergstöcke erwirbt, wird der Preis mokiert, und beim Mieten des Bergführers gelästert, dass man sich ihn nicht frei aussuchen könne.

Sicher und komfortabel über die erschlossenen Wege geführt, spottet Morrell, dass die „sprichwörtlichen Gefahren einer Alpenwanderung, solange man sich auf den ausgewiesenen Pfaden bewegt, reine Hervorbringungen der Phantasie waren“. Maultiere sowie Träger schleppten ja auch das Gepäck.

Einmal stolpert die Reisegruppe in ein typisches Heim: „Möbel gibt es keine, die diesen Namen verdient hätten“, „alles kündet von der bitteren Armut der Bauern“. Doch fünfzig Meter weiter betreten sie ein Haus, in dem aus sauberen Gläsern Wasser serviert wird. Die Frau, die sie bedient, erzählt, sie habe schon in Genf und Paris als Kellnerin gearbeitet, nun bringe sie die Erfahrungen in diese Region. So beginnt Tourismus. Miss Jemimas Journal ist ein Lektürespaß, zeigt er doch in schöner Sprache und mit wunderbarer Illustration, wie sich schon zu Zeiten, als es noch keinen Massentourismus gab, die sich als exklusiv wähnenden Reisenden über zu hohe Preise und abzockende Einheimische aufregten. Also ganz wie heute noch.

Miss Jemimas Journal. Eine Reise durch die Alpen Jemima Morrell Rogner & Bernhard 2014, 150 S., 17,95 €

Martin Krauß schrieb ein Buch über die Alpen

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